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Archipele, Inseln und Atolle, Zonen

 

Einige wollen, es sey niemals ein Orpheus in der Welt gewesen

Aristot. Ap. Cicer. De N.D. l. I. c.38. p. 1175.

 

Treibgut

Aus den vielen Fassungen des Mythos und seiner Verarbeitungsgeschichte angeschwemmte Materialien stranden als reale Objekte an den Inseln des orpheusarchipel und beteiligen sich als Instrumententeile oder Instrumentalinstallationen nicht nur an der Klangebene sondern auch als visuelle Bedeutungs(über)träger.

Abdrücke der vielfältigen Aspekte dieses Helden und (bei 5 genannten Müttern) Sohnes Apollos der als Theologe, Arzt, Sänger, Sternengucker, Erfinder der Schrift und der Wissenschaften überhaupt, als Höhlenbewohner, Dracheneinschläferer, Sirenenniedersinger lebte und als Selbstmörder, vom Blitz erschlagener, von den Mänaden Zerrissener (dessen einzeln bestatteter Kopf ein gut besuchtes Orakel wurde) starb.

Ein Stöbern im Nachlass eines vorerst Unbekannten, der sich dann möglicherweise als Verwandter entpuppt. Ein Drehen und Wenden von Anhaltspunkten, die ein fragmentiertes Bild ergeben, das sich zu größerflächigen Eindrücken zusammenschließt oder auch erst – kombiniert man die Teile miteinander -  Rätsel schafft. Beides, Rätsel und Erkenntnisse können aber nur Vermutungen oder Unterstellungen bleiben und werden.

 

Der Ton, die Vibration

Orpheus hat keine Lieder gesungen – er hat e i n e n Ton gesungen. Jenen Ton der weder leise noch laut, weder tief noch hoch ist - einen vollkommen unauffälligen, eigenschaftslosen aber alles durchdringenden Ton, der am glatten Weltgefüge Halt fand und es einigermaßen mühelos aushebeln konnte. Ein Schlüssel, der nicht nur den Gral öffnet sondern gleich die ganze Gralsburg als Kartenhaus erscheinen und geräuschlos in sich zusammenklappen  lässt.

Ein als parsifalnaiv getarnter Überfaust, der die Formel (was  sie zusammenhält)  hatte, den Ton traf (hier spielt Gretchen/Euridice als Auslösungsmoment gewiss eine Rolle, Teufel brauchte er keinen) und zu seinem Vorteil&Vergnügen zu nutzen wusste. Und so in seiner Selbstverzückt- & sicherheit eine Provokation an alle in der Alltäglichkeit der Gefühlswelt Zurückgebliebenen darstellen musste.

Orpheus hat seinen Ton in die Welt hineingesungen, sie damit durchsungen, imprägniert. Alles hat so stark re-soniert, dass der Ton selbst nach der Vernichtung des Sängers noch deutlich da war.

Im Lauf der Jahrtausende allerdings wurde diese Schwingung schwächer. In den seltensten Fällen waren es die Komponisten die ihn noch hörten – aber nie müde waren Fälschungsversuche anzustellen. Eher Kepler & Söhne - bei der Trennung von Musik und Wissenschaft bekamen offenbar die Forscher die Ohren zugesprochen - lauschten vorsichtig.

 

Das Singen, der Held

Das Singen in seiner Primärform (bevor es zu grossmauliger Harmlosigkeit hochkulturiert wird) zu hat immer Zweck. Es ist in  d e m  Sinne Gebrauchsmusik als es etwas bewirken soll, das dem Sänger Vorteile bringt.

Erlöser sprechen – und selbst das selten und wenn, dann ‚mild und leise’. Helden singen. Die, die sich selbst Gutes tun - Tristan, Orpheus oder die Sirenen - bringen sich dafür mit einem Instrument in Schwung; oft mit Lauten und Leiern, aber auch Hörner, Schwerter, E-Gitarren sind beliebte Starthilfen.

Opernhelden sind Nadeln von Seismographen, durch die die feinen Schwingungen der Welt (die orphische Saat) durch die enorme Hebelwirkung des Gesanges dem Hören und sonstigen Sinnen zugänglich gemacht werden.

Die Oper als Aufschaukelung der Eigenfrequenz der Welt durch Klang; und dann braucht es eben Helden, die dieser schwingenden Materie standhalten können, ungerührt in der selbstersungenen Brandung stehen und ihr kaum getarntes oder gleich offenkundiges Desinteresse an Allem (aber im besonderen an den singend angeheuchelten Frauen) mit Gesang bekräftigen.

A l l e   O p e r   i s t   F ä l s c h u n g 

Eine Abwandlung von Adornos „Alle Oper ist Orpheus“ oder Rilkes „es ist Orpheus wenn es singt“; da die vor-gezeigten Handlungsvorgänge keiner Oper aus sich selbst entstehen - sonst hätte das „Grosse“ Drama die Seltenheit von „Grossen“ Vulkanausbrüchen – sondern als pseudorelevante Exempel statuiert werden.

Jede Oper ist kurz, gemessen an der darin abgehandelten Lebenszeit und jede Oper überhöht durch das Zusammenschieben der Zeit die Intensität des darin vor-gespielten Lebens. Flache Dünung (=Echtzeit) wird zur heroischen Springflut (=Opernzeit).

Keine Oper ist lange genug, um die Langeweile des Lebens transportieren zu können. Wäre das Totsein ein Opernstoff? Aber d a s voräffen zu wollen, wäre wohl selbst der Oper zu obszön.

 

Das Schneckenhaus

Das Haus ist das Ohr, die Schnecke selbst die Wiederkehr: nach dem Winter, nach Gefahr, nach Trockenheit. Die Schnecke ist mit dem Hammer Teil des Innenohrs, sie sitzt am Wirbelkasten der Streichinstrumente oder würgt im Fleischwolf.

 

Die 8 und das Schaf

        87 goldene Plättchen, die mit Anweisungen und Formeln der Orphiker  für den Weg durch die Unterwelt beschriftet sind (z.B.: „Ein Lamm bin ich, gefallen in Milch...“)wurden bisher gefunden. Fehlt noch eines?

Das Klavier (siehe Orpheusautomat) hat 88 Tasten.

Der durch die Jahrhunderte schlingernde Kammerton wurde auf 440 Hz festgelegt, woran er sich aber nicht hält. Er steigt - auch wenn vor hundert Jahren Enrico Caruso die Wiener Philharmoniker unter Gustav Mahler zwang für ihn tiefer zu stimmen.

Die Leier wird von Orpheus von 7 auf 9 Saiten erweitert, die 8 fehlt auffällig.

 

Nietzsche, der letzte Titan im von den Orphikern nach Europa gepflanzten Anspruch physischen (dionysischen) Rausch in geistigen zu verwandeln geht im Jahr 1888 an genau diesem Bemühen zugrunde.

Im selben Jahr gelingt es Edison, seine Stimme der Nachwelt mittels Phonographen zu erhalten und die Lawine der Klangkonservierung – die zuvor nur als imaginative Leistung existierte – war losgetreten. Auch das Lamm (infantilistisch gerne mit 8ten-förmigen Löckchen dargestellt) ist zur Stelle:

Nietzsche signiert ab 1888 mit „Der Gekreuzigte“, der Sohn Mariens, der auch „Lamm Gottes“ heißt. Und was spricht Edison auf den Phonographen?: „mary had a lamb...“

Aus Schafsdärmen werden die Saiten der Streichinstrumente - die wiederum einen 8ten-förmigen ‚corpus’ haben – hergestellt. Dieser Körper muss, will er singen, mit dem Bogen ein Kreuz bilden und ist mit Rosshaaren bespannt. Und: es war ein Pferd das von Nietzsche umarmt und geküsst wurde als er in den Wahnsinn kippte – während eben Edison die Fabel konservierte - und damit Wissen durch Information ersetzt zu werden begann.

 

Instrumente

Musikinstrumente sind keine Geräte um Klänge zu erzeugen sondern eine Verbindung des Menschen mit Materialien seiner (wie man sagt „nichtdenkenden“) Umwelt (Holz, Metalle, Organisches...) die sich im Laufe einer jahrtausendelangen amöboiden Entwicklung als gemeinsame bzw. parasitäre Zwischenorgane von Mensch (= Stimme) und Welt (= Schwingung) geformt haben: aus dem Körper mehr oder weniger ausgelagerte Singorgane, die – um zu klingen - mit den Händen verformt oder mit dem Mund beatmet werden – oder beides. Aus dieser Verformung oder/und Beatmung entsteht Klang, der - so wie Sprechen mehr braucht als die Fähigkeit der Lauterzeugung durch die Stimme – noch lange nicht Musik ist.

Auffällig ist, dass auch bei der Erschaffung Adams nichts anderes geschieht als ein Formen (mit den Händen?) und Beatmung (womit?). Vermutlich hat Gott nach dem Modellieren und dem Mund zu Mund Beatmen in die Hände geklatscht. Einerseits um die Finger von Lehmkrusten zu reinigen und um das Neugeborene aufzuwecken, andererseits (und wohl vor allem) aber, um den Beginn der Zeit zu markieren, zwischen den Beginn und das Ende aus dem Amorphen ins Amorphe einen Rhythmus zu pflanzen, vielleicht sogar einen Takt.

 

Alle Musik wird - außer eben das Singen - mit Instrumenten gemacht. Singen steht zu instrumentalem Musizieren wie ein nackter Ringer, der gegen eine gut bewaffnete und gedrillte Armee antritt. Wobei diese Armee über verschiedenes raffiniertes Gerät verfügt, das auf die Zufügung ganz bestimmter, differenzierter Verwundungen ausgerichtet ist. Unsere Bewunderung ist demjenigen, der diese waffenstrotzende Schar in Schach hält, sie übersingt, sicher. Der Erfolg des Sängers kann nur deswegen so hoch ausfallen, weil er unbewaffnet antritt und dadurch unser Mitleid erregt. Die Feinde im Rücken ist die Pose seine Arbeitshaltung.

 

Einfachere Gleichung des Gesanges:

Luft + Zunge = Bewegtes Herz

 

 

 

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