Farbe von Hintergrund und Schrift bitte hier einstellen (auf FarbFeld klicken): [Javaskript]
 Hintergrund:                                                                           
 Schrift:                                                                           

<|zum Inhaltsverzeichnis|< ||| ^|zurück zum vorigen Kapitel|^

Kapitel 11: Jugendhaus, Altenhaus, Krankenhaus

       Sie fuhren in Richtung Ortsmitte. Nora erläuterte: ,,Unsere Ortschaften haben alle das gleiche Muster. Der Ortskern, alt oder neu, mit den Gemeindebauten Bürgermeisterhaus und Rathaus, Schauspielhaus und Kino, Schule, Ausstellungsgebäude, Warenhaus, Allgemeine Werkstätten. Rundherum die Grundstücke der Gebäudewarte als Systemerhalter. Dann das Jugendhaus. Das ist hier nicht ein einzelnes großes Haus, sondern viele kleine Häuser, für jede Gruppe zu sechs Kindern und Jugendlichen ein eigenes Haus; darum herum das zugehörige Grundstück, von dem die Gruppe lebt. Das ganze Jugendhaus ist also ein großes Stück Ortschaft, sozusagen ein Ortsteil. Hier bildet es einen Ring um den Ortskern mit den Systemerhalter-Grundstücken. Dann das Altenhaus, die Speicher und das Krankenhaus. Rundherum der Ort, das heißt die übrigen Grundstücke. Etwas abseits die Energieanlagen, ebenso das Krankenhaus für sehr ansteckende Krankheiten, das steht allerdings meist leer, weil wir durch unsere naturverbundene Lebensweise sehr gesund sind.
       Nora brach plötzlich ab und entschuldigte sich: ,,Entschuldige, aber ich muß aufpassen, daß ich die richtige Einfahrt finde. Nora bog einige Male ab. Sie kamen zu einer Einfahrt mit einem kleinen Parkplatz daneben. Nora parkte ein, sie stiegen aus. Nora erklärte: ,,Die Jugend geht zu Fuß oder fährt Rad. Deshalb ist auf dem ganzen Gelände Fahrverbot für Autos. Das ist besonders wegen der Kleinen, die können dadurch gefahrlos herumtollen.
       Sie hielt auf ein kleines Häuschen hinter der Einfahrt zu und erläuterte: ,,Uns ist unsere Jugend heilig. Wir wollen, daß sie möglichst unverdorben aufwächst und sich ihre Lebensanschauung selbst zimmert. Deshalb halten wir Erwachsene von der Jugend fern, vor allem Eiferer - politische wie religiöse. Wenn ein Erwachsener in ein Haus des ,Jugendhauses hineinwill, muß er beziehungsweise sie um eine Genehmigung ansuchen. Darum müssen wir ins ,Wachhäuschen . Sie gingen hinein. Drinnen empfingen sie zwei Jungen, ein dritter saß beim TKS. Nora wollte sich ausweisen, aber die zwei winkten ab: ,,Wir kennen Euch vom Empfangsfest. Sie sind Nora und Alfa, der Außerirdische. Alfa will sich das Jugendhaus anschauen. Stimmts? ,,Richtig! bestätigte Nora. ,,Geht in Ordnung! entschied der Ältere und gab ihnen einen Passierschein. Der Jüngere bat Alfa: ,,Könnten Sie uns bitte ein bißchen von Ihrem Raumschiff erzählen, falls Sie Zeit haben und mögen. ,,Selbstverständlich bejahte Alfa. Die zwei Jungen schoben die Sessel zurecht. Sie setzten sich. Der Junge am TKS drehte sich zu ihnen, blieb aber auf seinem Platz sitzen. Alfa hatte den Eindruck, daß er mit einem geistigen Auge sah und nicht mit seinen zwei körperlichen Augen. Alfa erzählte und beantwortete Fragen. Nach einiger Zeit mahnte Nora, daß sie aufbrechen müßten. Alfa erzählte noch ein bißchen, dann machten sich Nora und Alfa wieder auf den Weg.
       Als sie außer Hörweite waren, fragte Alfa: ,,Was ist mit dem Jungen beim TKS? Nora antwortete: ,,Der Junge ist von Geburt auf blind. Er kann sich daher nicht vollständig selbst erhalten, deshalb hält ihn die Gemeinschaft. Alle Behinderten werden bei uns von der Gemeinschaft miterhalten. Zum Ausgleich suchen wir für sie eine gemeinnützige Arbeit, die sie erfüllen können. Dieser blinde Junge arbeitet zum Beispiel am zentralen TKS des Jugendhauses. Damit hat es folgende Bewandtnis: Die TKS des Jugendhauses und der Erwachsenen arbeiten in getrennten Frequenzbereichen, Jugend und Erwachsene können also nicht über das TKS telekommunizieren. Dies als Sicherheitsmaßnahme, damit die Jugend nicht über das TKS von den Erwachsenen beeinflußt werden kann. Lediglich das zentrale TKS des Jugendhauses verarbeitet den gesamten Frequenzbereich. Der Bursche am zentralen TKS ist daher der Nachrichtenvermittler zwischen Erwachsenen und Jugend. Da unserer blind ist, läßt er nur gesprochene Nachrichten durch, bei Bildinformation ruft er einen von der übrigen Mannschaft zu Hilfe. Die Arbeit am zentralen TKS ist ziemlich langweilig, deshalb wechseln sich die Jugendlichen ab, so daß jeder nur ein- bis zweimal pro Jahr drankommt, nur der blinde Junge kommt öfter dran.
       Nora schwieg kurz und fuhr dann fort:
       ,,Aber eigentlich wollte ich Dir ja das Jugendhaus zeigen. Der Streifen Parklandschaft mit den Kinderspielgeräten und Bänken ist die ,Zone der Begegnung. Das ist der Spielplatz des Jugendhauses. Hierher kommen auch die Mütter bzw. Väter bzw. Eltern mit ihren Kleinkindern. Hier begegnen sich also die Eltern der Kleinkinder und - was eigentlich der Zweck ist - die Kleinkinder und die Kinder des Jugendhauses. So können die Kleinkinder ganz sanft durch gemeinsames Spiel in eine Gruppe des Jugendhauses hineinwachsen. Das Jugendhaus selbst beginnt eigentlich auf der anderen Seite der Straße. Es besteht aus lauter Grundstücken mit je einem Haus darauf, in dem eine Gruppe zu sechs Personen lebt.
       Sie hatten das erste Haus erreicht. ,,Gehen wir gleich hier hinein schlug Nora vor. Alfa blieb stehen und betrachtete das Haus. Es stand am Rande des Grundstückes, war aber von der Straße abgesetzt durch ein Stück Wiese mit Büschen und Wildblumen. Das Haus hatte einen sechseckigen Grundriß, drei Geschoße und einen Anbau aus Glasziegeln, aus dem sich das Schwimmbecken erstreckte. Das Erdgeschoß war erhöht über der Wiesenfläche und hatte rundherum eine Terrasse mit Verglasung, zum Teil aufgeschoben. Sie gingen weiter zum Eingang. Beim Näherkommen sah Alfa, wie ein großes Mädchen einem kleinen Jungen zeigte, wie der Boden gewischt wird. Beim Eingang angekommen sahen sie, daß der Kleine sich gerade abmühte, Schmutztapper vom Boden wegzuwischen. Daraufhin säuberte Nora ihre Schuhe auf dem Schuhabstreifer besonders sorgfältig, Alfa tat es ihr nach. Das Mädchen begrüßte sie. Sie stellten sich alle vor - das Mädchen hieß Jutta. Nora zeigte Jutta den Passierschein und bat sie, Alfa das Haus zu zeigen. Daraufhin bat Jutta, sie möchten warten: sie wolle ihnen Filzüberzieher für die Schuhe bringen.
       Als sie warteten, bemerkte Nora:
       ,,Der kleine Junge wischt vermutlich seine eigenen Schmutztapper weg. Eine Mutter würde das wahrscheinlich für ihn tun, weil es schneller geht, wenn es sie gleich selbst tut, als wenn sie es dem Kind erst lange beibringen muß. Das Gerechtigkeitsgefühl der Kinder läßt es nicht zu, daß einer den Schmutz des anderen wegwischt. Da zeigt mensch dem kleinen ,Übeltäter lieber, wie es geht, und läßt den Verursacher seinen Schmutz selbst entfernen. Somit lernt jeder von frühester Jugend an, wie leicht mensch Schmutz macht und wieviel Mühe es kostet, ihn wieder zu entfernen. Diese Erfahrung wirkt sich sehr förderlich auf das Zusammenleben der Menschen aus, weil jeder es tunlichst vermeidet, unnötig Schmutz zu machen.
       Das Mädchen kam mit den Filzüberziehern. Nora und Alfa schlüpften hinein und folgten dann dem Mädchen nach. Sie stiegen die sechs Stufen hinauf, durchquerten die Glasveranda, wobei sie den wischenden Jungen begrüßten, und traten in den Vorraum. ,,Der Raum ist die Garderobe. Der siebenteilige Kasten ist der Schuhschrank, jedem Bewohner gehört ein Teil erklärte Jutta. Sie gingen weiter. Der nächste Raum war das Stiegenhaus. ,,Da hinunter gehts in den Keller, da hinauf gehts in den ersten Stock und dann weiter in den zweiten Stock und den Dachboden. Im Keller ist der Abstellraum, der Wirtschafts- und der Vorratsraum, der Heiz- und Energieversorgungsraum, die Werkstätte und die hauseigene Kläranlage. Im Erdgeschoß sind die Gemeinschaftsräume, im ersten Stock die Burschen-, im zweiten Stock die Mädchenräume und im Dachboden die Brauchwasserversorgung. Das Dach ist mit gekühlten Solarzellen gedeckt, die Strom und Warmwasser liefern erläuterte Jutta.
       Sie öffnete die Türe zur linken und ließ Alfa eintreten. In dem Raum war ein Waschbecken, ein WC, eine Duschkabine. Es roch frisch nach Kernseife und Zitrone. ,,Die Türe da führt zum überdachten Teil des Schwimmbeckens sagte Jutta.
       Sie gingen zurück und weiter in den gemeinschaftlichen Wohnraum. Der Raum war groß und sehr verwinkelt. Durch die großen Glasflächen fiel sehr viel Licht ein, das machte den Raum trotz des trüben Wetters hell und freundlich. Durch die Fenster sah Alfa auf die umlaufende Glasveranda, deren Überdachung offensichtlich auch aus Glas war, weil kein Schatten auf das Fenster fiel.
       Sie wandten sich nach rechts, an einer starken Säule vorbei. Hier standen sieben Polstersessel, deren Lehnen und Fußteile verschieden verstellt waren, und drei Beistelltischchen. Sie machten einen Bogen um die Säule - Alfa sah dabei, daß darin ein offener Kamin war - und kamen vorbei an einer Arbeitsecke zur Eßecke. Sie bestand aus einem langen Tisch, einer Bank, drei Holzsesseln und einem Holzschrank. Zwei Kinder, ein Bub auf einem Stuhl und ein Mädchen auf der Bank kniend, waren über ein Häufchen kleiner Stäbchen auf dem Tisch gebeugt. Sie waren so in das Spiel vertieft, daß sie Nora und Alfa nur zunickten und dann wieder weiterspielten.
       An die Eßecke schloß die Küche an. Jutta schob die Türe auf. Sie gingen durch. Alfa sah die üblichen Geräte: Elektroherd, Kühlschrank, Geschirrspüler mit Spüle, Universal-Küchenmaschine. Jutta öffnete ein Kästchen und zeigte das Kochgeschirr, alles war griffbereit eingeräumt. Sie verließen die Küche auf der anderen Seite, vorbei an einem großen Vorratsschrank, gingen hinaus ins Treppenhaus und stiegen hoch in den ersten Stock.
       Sie kamen in einen Aufenthaltsraum mit trapezförmigem Grundriß und gedämpfter Raumstimmung, weil das Tageslicht nur durch Glastüren der Nachbarräume hereinfiel. Vier Polsterstühle standen um eine starke Säule mit offenem Kamin. Jutta zeigte auf die lange Seite und erklärte: ,,Das ist ein vierteiliger Einbauschrank für die Kleidung, für jeden Stockwerksbewohner ein Teil. Rechts ein Bücherschrank mit einer Leseecke und in dem Winkel ein kleiner Abstellraum für das Reinigungsgerät dieses Stockes: ein kleiner, handlicher Akkumulator-Staubsauger, ein Wischgerät, Wasserkübel, Wischtuch, Staubtuch, Staubwedel. Übrigens hat jedes Geschoß sein Reinigungsgerät, sodaß mensch es gleich bei der Hand hat, wenn mensch es braucht. Wichtig ist auch, daß das Reinigungsgerät leicht entnehmbar, handlich im Gebrauch und wieder leicht verstaubar ist. Denn nur dann entfernt man Schmutz, sobald man ihn sieht. Jutta wies in die Runde: ,,Alle Türen haben Glas eingesetzt. Sie sehen also, wo es in einen Raum geht. Sie zeigte auf die einzelnen Türen: ,,Hier geht es in das WC, da in das Bad und von dort weiter in den Schlafraum, da in den Bildungsraum und da in den Studierraum.
       Sie ging zur Tür ins Bad, öffnete und forderte Nora und Alfa auf: ,,Kommen Sie, sehen Sie sichs an! Das Bad war hell und freundlich. Das bewirkten offenbar die großen Fenster und die perlmuttschimmernden Glasfliesen an den Wänden. Gleich der Türe gegenüber an der Wand waren zwei große Waschbecken, über einem ein Kästchen, über dem anderen ein großes Fenster. Links davon eine Dusche und anschließend eine Badewanne. Die Türe am Ende links neben der Wanne mußte nach Alfas Ortssinn ins WC führen. Jutta bestätigte: ,,Ja, dadurch kommt mensch vom Schlafraum durchs Bad ins WC.
       Sie traten durch die Türe rechts in den Schlafraum. Die ganze Außenwand, ausgenommen ein kniehoher Sims und der Tragpfeiler in der Ecke des Sechseckes, war verglast. Jalousien und Vorhänge waren aufgezogen, so war der Raum sehr hell. Im Zimmer standen fünf Betten und ein Schrank. Vier Betten waren mit dem Kopfteil an die Innenwand gerückt, zwischen Fußende und Fensterwand blieb ein Gang frei. Am Ende dieses Ganges stand der Schrank. Auf dem letzten Bett lag ein Bursche und las in einem Buch. Als er den Besuch wahrnahm, sah er auf, hob lässig die Hand zum Gruß. Alfa wollte nicht stören und schaute daher nur kurz rundherum. Die ungewöhnliche Stellung der Betten fiel ihm sofort auf: zwei waren längsseits aneinandergeschoben, dann ein Nachtkästchen, dann das dritte Bett und dann zwei Nachtkästchen und wieder ein Bett. Das fünfte Bett mit einer Längsseite an der abgewinkelten Fensterfront wirkte überhaupt falsch am Platz. Jutta sah Alfas nachdenkliche Miene und erklärte: ,,Normalerweise sind hier nur die vier Betten da drüben. Aber Jörg - das ist der kleine Junge, der beim Eingang seine Fußspuren wegwischte - wollte unbedingt zu uns kommen. Also hat Jürgen, das ist unser Ältester, sich kurzerhand ein Zusatzbett an die Fensterwand gestellt.
       Sie gingen wieder zurück über das Bad in den Aufenthaltsraum und von dort in den nächsten Raum.
       Beim Eintreten fiel Alfas Blick sofort auf das laufende TKS am anderen Ende des Raumes. In dem Film schüttete ein Mann im weißen Mantel eine Flüssigkeit aus einem Glasröhrchen in einen Glaskolben mit einer anderen Flüssigkeit. Kaum waren Jutta, Alfa und Nora ganz im Raum, blieb der Film plötzlich stehen. Jutta wandte sich nach rechts. Dort stand ein langer Tisch und zwei Sessel. Auf einem saß ein großer Bursche, ein aufgeschlagenes Buch vor sich auf dem Tisch, eine Hand auf der Fernbedienung für das TKS, das Gesicht dem Besuch zugewandt. ,,Entschuldige, Jürgen, sagte Jutta, ,,ich zeige dem außerirdischen Besuch gerade unser Haus. ,,Gut, dann werde ich kurz mein Chemiestudium unterbrechen, solange ihr da seid antwortete Jürgen und Jutta erläuterte: ,,Dieser Raum ist sozusagen eine Außenstelle der Schule. Mit dem TKS kann jeder Schulfilm abgerufen werden. Dadurch kann mensch jederzeit den Lehrstoff selbst lernen oder vertiefen. Das zugehörige System ist einfach. An Hand eines Filmkataloges wählt mensch den Film. Das TKS sucht daraufhin den Film selbständig zuerst in der Schulfilmthek der ortseigenen Schule und dann - falls er nicht dort ist - in der Schulfilmthek des Bezirkes; ist der Film gefunden, wird er in Minutenschnelle in den Speicher des TKS übertragen und dann von dort aus in der richtigen Geschwindigkeit abgespielt. Für wichtige Themen, wie Hausbau, Hausinstallation, Hausinstandhaltung, Gartenbau usw. hat jedes Haus seine eigene Filmthek. Unsere hier ist in dem großen Holzschrank links an der Wand. Jutta überlegte kurz, dann sagte sie: Ich glaube, das wäre das Wesentliche. Sie sah zu Jürgen, dieser nickte.
       Also verabschiedeten sie sich und folgten Jutta zurück in den Aufenthaltsraum und von dort in den Studierraum. Entlang der Fensterfront standen drei Schreibtische mit Drehsesseln, an der Seitenwand und an der Rückwand je ein großer Holzschrank. ,,Da sind Bücher, Lernbehelfe usw. drinnen, erläuterte Jutta. Nach einer kurzen Pause sagte Jutta: ,,Das wärs. Ich glaube, Sie haben einen ungefähren Eindruck von diesem Stock. Das Mädchengeschoß oben sieht genau gleich aus. Ich meine, wir können es uns sparen und wieder nach unten gehen.
       Sie gingen zurück in den Aufenthaltsraum und dann die Treppe hinunter. Im Gehen schlug Jutta vor: ,,Ich zeige Ihnen noch den Fitneß-Raum und die Veranda und dann stärken wir uns ein bißchen! Nora und Alfa stimmten zu.
       Durch den Sanitärraum kamen sie in den überdachten Teil des Swimmingpools. Der Anbau hatte Säulen und Deckentragwerk aus Glaselementen. Zwischen die Säulen waren große Glasflächen eingelassen, sodaß mensch nach draußen sah. Das Dach schimmerte in einem dunklen Blau. ,,Das sind flüssigkeitsgekühlte Solarzellen vom durchscheinenden Typ. Sie decken das Dach und liefern Strom und Wärme für das Brauchwasser, erklärte Jutta. Boden, Wand zum Hauptgebäude und Schwimmbecken waren mit Glasfliesen ausgekleidet. An einer Seite standen mehrere Zitronenbäumchen in Holzfäßchen; sie gaben dem Raum einen frischen Geruch. Sie gingen durch den Anbau am Schwimmbecken entlang ins Freie. ,,Wird im Winter der äußere Teil des Schwimmbeckens abgeschottet und die Wärme im Wasser des Schwimmbeckens benutzt, um im Winter den Schnee vom Dach abzutauen? fragte Alfa. ,,Ja, selbstverständlich! Soviel ich weiß, ist das überall so, wo das Klima so wie hier ist antwortete Jutta.
       Draußen gingen sie über Steinplatten und die Eingangsstufen auf die Veranda. Der Boden bestand aus Steinplatten und war glatt geschliffen. Die Wände waren aus Glas, teilweise feststehend, teils verschiebbar. Das Dach war aus gekühlten Solarzellen vom durchsichtigen Typ zusammengesetzt. Das Tragwerk war aus Aluminium. ,,Die Konstruktion ist so, daß keine Kältebrücke nach außen ist wies Jutta eigens darauf hin. An den festen Glaswänden standen Steintröge und Gestelle mit Steintrögen. ,,Im Winter ist dies hier ein Gewächshaus erläuterte Jutta. Sie gingen die Veranda entlang, an einem Tischtennistisch vorbei, zur Wäscheaufhänge, die halb innerhalb, halb außerhalb der Veranda war. Hinter der nächsten Ecke des Sechseckes sah mensch einen Holztisch mit Holzstühlen. Alfa blickte die Stufen hinunter, die zur äußeren Wäscheaufhänge führten. Auf der Böschung wuchsen Kräuter, die er schon von Noras Haus kannte.
       Sie traten durch eine Tür in den gemeinschaftlichen Wohnraum. Rechts war die Eßecke, links eine Arbeitsecke und die Waschmaschine.
       Jutta bat Nora und Alfa, in den Polstermöbeln Platz zu nehmen. Sie selbst blieb stehen und bot an: ,,Vollkornbrot normal oder mit Sonnenblumenkernen, Schinken, Trockenfleisch, Schafkäse mild oder scharf, Ziegenkäse, Kuhkäse mild oder würzig, Butter, Honig, Brombeer-, Erdbeer-, Himbeer-, Zwetschken-, Stachelbeer-, Johannisbeermarmelade, Apfelgelee, pikante Gurkerln, Most, Süßmost, Melisse-, Pfefferminz-, Malven-, Kräutertee. Nora bat um normales Brot, Trockenfleisch und Süßmost; Alfa schloß sich an. Während Jutta die beiden allein ließ, um alles zu richten, sah sich Alfa ein bißchen um.
       Auf dem Holzboden aus kleinen, kunstvoll gefügten Brettchen lagen dicke Teppiche aus Schafwolle. Innenwände und Decke waren mit lichten Holzplanken verkleidet. Die Gestelle der Polstermöbel, Beistelltische, Kästen, Sessel, Sitzbank und Tisch waren aus Holz, sorgfältigst gefügt und mit Firnis oberflächenbehandelt. Die Polster der Sitzmöbel konnten abgenommen werden und hatten Bezüge aus einem kräftigen Schafwollstoff. Die Tischdecken waren aus Leinen. Alles war gediegen und sprach von Liebe und Sorgfalt.
       Nach ein paar Minuten brachte Jutta einen Teller mit Röllchen aus hauchdünn geschnittenem Fleisch und einen Krug Süßmost, dann Brot, zuletzt Teller, Gläser und Besteck aus dem Schrank in der Eßecke. Sie richtete alles so her, daß alle bequem zulangen konnten, und forderte Nora und Alfa auf, zuzugreifen. Jutta aß selbst mit.
       Während sie aßen, erklärte sie: ,,Alles Erzeugnisse vom Grundstück dieses Hauses und alles selbst gemacht. Sie wandte sich zu Alfa und erläuterte: ,,Jede Gruppe versorgt sich selbst, das heißt das Grundstück um jedes Haus des Jugendhauses ist so groß, daß sich die Hausbewohner - also eine Gruppe von sechs bis sieben Kindern und Jugendlichen - davon ernähren können. Wir halten auf unserem Grundstück neun Hühner und einen Hahn, zwei Kaninchenpärchen, eine Ziege, neun Bienenvölker, zwei Schafe und eine Kuh. Die Kuh weidet mit fünf anderen auf einer Gemeinschaftskoppel für sechs Häuser. Die Schafe von mehreren Häusern werden allmorgendlich von Jugendlichen zu einer Herde gesammelt, auf die Weide außerhalb des Ortes geführt und am Abend wieder zum Stall zurückgebracht. Der Hirtendienst wird auf alle Kinder und Jugendliche aufgeteilt, so daß jeder einmal im Monat drankommt. ,,Können sich denn die Hirten merken, welches Schaf zu welchem Haus gehört? fragte Alfa. ,,Das ist nicht nötig antwortete Jutta, ,,er muß nur denselben Weg zurückgehen. Die Schafe sind so erzogen, daß sie von selbst ihren Stall aufsuchen. ,,Übrigens fiel Nora ein ,,die Tiere werden hier auf den Autostraßen geführt, und zwar immer auf einer anderen, genau nach Plan. Das hat für die Tiere den Vorteil, daß sie sich die Hufe richtig abtreten und für uns, daß sie den Straßenrand abfressen. Das geht, weil unsere Fahrzeuge weder schädliche Substanzen enthalten noch abgeben. Nach einer kurzen Pause nahm Jutta wieder das Wort: ,,Für die Industrieerzeugnisse, die uns zustehen, haben unsere Eltern auf ihrer Maturareise bereits für uns vorgesorgt, indem sie in den vollautomatischen Fabriken entsprechend viele Stücke bzw. Einheiten erzeugten.
       Nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu:
       ,,Wenn ich mit früheren Zeitaltern vergleiche, leben wir fast in einem Paradies. Wir atmen saubere, nach Blumen und Kräutern riechende Luft; wir trinken klares, schadstofffreies Wasser; wir essen schmackhafte, giftfreie Lebensmittel; wir dürfen lieben wen und wie wir wollen; wir bewegen uns viel unter freiem Himmel; wir leben im Einklang mit der Natur, wobei die Annehmlichkeiten einer angepaßten, hochentwickelten, vollkommen schadstofffreien, sinnvollen Technik mitinbegriffen sind; jeder hat eine gesicherte Zukunft auf seinem Besitz, mit sinnvoller Tätigkeit in Garten, Feld und Haus und genug Freizeit, um seinen Neigungen und Begabungen nachzugehen. Ich bin froh, in der heutigen Zeit zu leben. Obwohl ich mir sicher bin, daß auch das Leben in früheren Zeiten seine Reize hatte, zum Beispiel die Möglichkeit überragenden Reichtums, wenn dieser auch bei der überwiegenden Zahl ein Traum blieb. Deshalb meine ich, daß unser Lebensstil besser ist als der frühere, weil bei uns alle gleich gut leben, und besser als die meisten Leute früher, zumindest was die äußeren Lebensumstände betrifft.
       Jutta machte eine Pause und Nora mahnte sanft: ,,Entschuldige, Jutta, aber wir wollen noch ins ,Altenheim. Wenn wir jetzt ins Philosophieren kommen, wird uns die Zeit davonlaufen. ,,Verzeiht entschuldigte sich Jutta, ,,ich will Sie nicht aufhalten und setzte dann zu Alfa gewandt hinzu: ,,Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Einblick geben, wie wir leben. ,,Ja, danke, Sie haben mir einen guten Eindruck vermittelt bedankte sich Alfa. ,,Sei uns nicht böse Jutta, daß wir schon aufbrechen, sagte Nora, stand auf und fügte hinzu: ,,Komm, räumen wir noch schnell zusammen auf. So nahm Jutta den Teller mit den übriggebliebenen Fleischröllchen und den Krug mit dem restlichen Most, Nora das Körbchen mit Brot und die Gläser, Alfa die Teller und das Besteck. In der Küche legte Jutta das Fleisch in einen Glasbehälter, bedeckte den Krug und gab beides in den Kühlschrank. Nora stellte die Gläser in den Geschirrspüler und Alfa tat das Besteck dazu, schwemmte die Teller ab und schlichtete sie in den Geschirrspüler. Dann bedankten sich Alfa und Nora für die Gastfreundschaft. Jutta begleitete sie bis zur Haustüre und nahm wieder die Filzschuhe. Alfa und Nora verabschiedeten sich und gingen zurück zum Auto.
       Als sie auf der Straße waren, fragte Alfa: ,,Mir scheint, Jutta weiß aber die früheren Lebensstile gut Bescheid. Beschäftigt sie sich besonders mit Geschichte? ,,Das glaube ich nicht antwortete Nora. ,,Wir legen Wert auf eine selbstgewonnene Weltanschauung und Überzeugung. Deshalb zeigen wir im Geschichtsunterricht, wie die Menschen früher lebten, soweit möglich durch Dokumentarfilme, selbstverständlich wissenschaftlich aufbereitet. Die meisten Menschen kommen dann wirklich zu der Überzeugung, daß der jetzige Lebensstil besser ist als die früheren. Das ist allerdings auch erforderlich, denn ohne Einsicht läßt sich unser Lebensstil nicht aufrechterhalten. Auch ich habe diesen Reifungsprozeß in der Jugend mitgemacht. Mir war darum auch klar, worauf Jutta anspielte. ,,Mir im wesentlichen auch pflichtete Alfa bei. ,,Ich brauche mich da nur an die Dokumentarfilme vom Ende meines Heimatplaneten erinnern, zumal ich jetzt ja auch weiß, daß ihr auf der Erde die gleichen Schwierigkeiten hattet, nur bei euch hat schlußendlich doch die Vernunft sich durchgesetzt. ,,Zumindestens beim überwiegenden Teil der Menschheit bestätigte Nora und ergänzte: ,,Allerdings gibt es immer wieder vereinzelt ,Gestrige die sich nach der Möglichkeit von übermäßigem Reichtum, süßem Nichtstun und vollen Geschäften zurücksehnen, und das gerade auf Grund unserer Geschichtsfilme. Diese Leute haben offenbar nicht genug Vernunft, einen Zustand in seiner Gesamtheit zu erfassen und zu sehen, daß Vorteilen auch zwangsläufige (!) Nachteile gegenüberstehen und daß die Nachteile den Wert bzw. Unwert eines Zustandes bestimmen. Aber wie schon gesagt: wir wollen freigewachsene Überzeugung und keine Gehirnwäsche. Wir gestehen jedem Menschen seine Meinung zu. So haben wir unseren ,Gestrigen einen Teil unserer Erde - nämlich eine große Insel, genannt Australien - überlassen, dorthin kann jeder auswandern und sein Glück versuchen. Durchschnittlich 90 Prozent kommen nach einigen Jahren wieder zurück, davon die meisten mit gesundheitlichen Störungen. Nur die Starrköpfigsten und Verbissensten bleiben, was die Zustände dort nicht gerade verbessert. Aber der ,lebendige Anschauungsunterricht in Sachen Kapitalismus ist uns so wichtig, daß wir dieses Stück Land aus unserem System ausklammern. Es zeigt sich dort auch eindringlichst: Geldgier als Motor für jegliches Denken und Handeln führt schlußendlich immer in die Krise und zur Zerstörung.
       Sie waren wieder beim ,,Wachhäuschen angelangt. Nora gab den Passierschein ab und sie gingen zum Auto.
       Als sie im Auto saßen, sagte Nora: ,,Wir fahren jetzt zum ,Altenhaus. Ich werde absichtlich ein Stück des heutigen ,Viehtriebweges entlangfahren, damit Du das auch siehst. Sie dachte kurz scharf nach und fuhr dann los. Als sie an einer Kreuzung abbog, machte sie Alfa aufmerksam: ,,Auf dieser Straße müßten heute morgen die Tiere auf die Weide geführt worden sein. Alfa sah sich daraufhin die Straße und das Bankett genauer an. Die Straße war genauso sauber wie die anderen, er glaubte lediglich Rinnspuren von Wasser zu sehen. ,,Wurde die Straße gewaschen? fragte er. ,,Richtig beobachtet antwortete Nora. ,,Nach dem Viehtrieb säubert ein Jugendlicher mit dem Straßenreinigungsfahrzeug die Straße. Du merkst darum nur am Bankett, daß hier Tiere gingen. Auf dem schmalen Wiesenstreifen zwischen Straße und Grundstückshecke sah Alfa abgefressene Kräuter und Zweige und ab und zu Verdauungsrückstände der Tiere. Nora ergänzte lachend: ,,Die Tiere pflegen so unseren Straßenrand. Sie sparen uns Arbeit und für sie bereichert dies ihre Kost. Aber wie schon gesagt: dies geht nur deshalb, weil unsere Fahrzeuge weder schädliche Stoffe enthalten noch freisetzen.
       Sie bogen noch einige Male ab und kamen zum Parkplatz des Altenhauses. Das Gebäude war groß und stand in einer Parkanlage. ,,Bis zum Haus darf mensch nur mit einem Hausbewohner fahren. Wir müssen das Auto hier stehen lassen und zu Fuß hingehen erläuterte Nora. Sie gingen auf dem Hauptweg durch den Park zum Haus. Der Park war weitläufig und wirkte sehr naturbelassen - bis auf die vielen Bänke, die neben den Kieswegen in der Wiese und unter den Bäumen standen. Trotz des trüben Wetters spazierten Leute auf den Wegen herum. Alfa hatte den Eindruck, daß sie sich bedächtig bewegten. ,,Stimmt! bestätigte Nora.
       ,,Hier leben unsere Mitbürger, die so gebrechlich sind, daß sie keinen Garten mehr bestellen und sich daher nicht mehr selbst erhalten können. Nach kurzem Nachdenken fuhr sie fort:
       ,,Am besten, ich beschreibe Dir unsere Altersversorgung:
       Alle arbeitsfähigen Bürger über 21 Jahren lagern im Lauf des Jahres eine gewisse Menge an Gemüse, Obst und Milcherzeugnissen im Speicher ein. Die Mengen werden alljährlich so neu festgelegt, daß jeder Bürger einen Notvorrat für ein Jahr im Speicher liegen hat. Aus diesem Speicher werden dann die Lebensmittel für unser ,,Altenhaus entnommen, selbstverständlich nach einem System, aber das zeige ich dir am besten an Ort und Stelle.
       Betreut und gepflegt werden unsere ältesten Mitbürger durch die älteren Mitbürger, die noch rüstig sind. Das heißt, unsere älteren Mitbürger bilden sozusagen eine Selbsthilfegruppe.
       Diese Art der Altersversorgung bewährt sich ganz gut, zumindestens genau so gut wie die früheren. Geht mensch die Menschheitsgeschichte durch, so findet mensch die verschiedenartigsten Lösungen.
       In Gemeinschaften mit hartem Überlebenskampf gingen die gebrechlichen Ältesten freiwillig in die Wildnis - also in den Tod - oder sie wurden von den eigenen Kindern vergiftet, abgefuttert, wie die Leute damals sagten.
       In Kulturkreisen mit Großfamilien versorgte der Familienverband seine alten Mitglieder. Das war für die Alten gut: hatten sie dadurch doch eine mehr oder minder gute Pflege und ihre Kinder und Enkel um sich. Für die Jungen war es wahrscheinlich weniger gut. Gebrechliche alte Leute können sehr lästig sein: herrschsüchtig, rechthaberisch, selbstsüchtig, ständig auf Dankbarkeit von seiten der Kinder pochend. Die Jungpaare empfanden daher, daß dieses Zusammenleben ihre eigene Entfaltung hemmte. Sie gründeten einen eigenen Hausstand, die Kleinfamilie. Darin hatten dann später ihre altgewordenen Eltern meist keinen Platz.
       Daher mußte die Allgemeinheit, also Staat und Gemeinde die Altersversorgung übernehmen. Man baute eigene Häuser für die alten Leute, sogenannte Altersheime. Darin wurden sie von bezahltem Personal betreut. Dieses hatte keine persönliche Beziehung zu den Heiminsassen - aus dem Wort klingt schon Trostlosigkeit - und war oft genug seelisch und körperlich überlastet, was dann allen auf das Gemüt drückte.
       Bei uns stützen sich alte Bekannte und Freunde, die schon bessere Zeiten miteinander gesehen haben und die Stärken und Schwächen des anderen kennen und sie daher eher bejahen können.
       Es gibt auch kaum Schwierigkeiten, denn lange wohnen wir nicht im Altenhaus. Wir leben kraftvoll, das heißt wir genießen, was zu genießen ist und geben das Beste, was in uns ist, und wenn uns dann die Lebenskräfte verlassen, dann lösen wir uns ohne Bedauern von dieser Welt und fallen zurück in den Schöpfer, wie ein Funke ins Feuer fällt. Die meisten von uns kommen daher gar nicht ins Altenhaus. Wir leben gesund: durch die Arbeit im Garten bewegen wir uns viel unter freiem Himmel an der Sonne in frischer Luft umgeben vom Gezwitscher der Vögel und Gesumme der Insekten; wir hegen Haustiere und freuen uns über deren Lebensfreude; wir lieben wen wie und wann wir wollen, lediglich durch bereits bestehende zwischenmenschliche Beziehungen eingeschränkt, nicht durch eine heuchlerische Moral, die die Besitzgier in das Sexualleben hinüberträgt; wir beschäftigen uns mit den Dingen, die uns freuen und innerlich befriedigen, einfach aus Vergnügen an der Sache selbst. Deshalb sind wir auch gesund und erhalten uns unsere körperliche, seelische und geistige Spannkraft bis ins Alter. Wenn sich dann aber stärkere Altersgebrechen einstellen, so werten wir dies als Zeichen, daß sich unser Geist vom Körper befreien und wieder mit dem Urgeist vereinen will. Wir arbeiten dann seelisch und geistig darauf hin, diese Welt in Würde zu verlassen, ohne unsere Mitmenschen durch Widerwärtigkeiten zu belästigen. Solange wir es noch selbst schaffen oder nur wenig Hilfe brauchen, bleiben wir auf unserem Grundstück. Wenn das nicht mehr geht, ziehen wir ins Altenhaus um, wo dann die Versorgung durch Selbsthilfegruppen besser möglich ist.
       Sie waren beim Gebäude angelangt. Sie traten durch die Mitteltüre in einen Windfang. Nora holte aus einem niederen Holzbord Filzüberzieher, sie zogen sich die Filzüberzieher über die Schuhe und gingen in die Halle weiter. Die Halle war ein großes Atrium mit einem kleinen Springbrunnen und Wasserbecken in der Mitte. Um das Waserbecken standen bequeme, lederüberzogene Polstermöbel und Topfpflanzen. Die gegenüberliegende Wand war, wie die vordere, ganz aus Glas, hatte einen Windfang, ebenfalls mit einer Glaswand, und gab den Blick frei auf einen Garten und ein ähnliches Gebäude in einiger Entfernung. Auf der linken und rechten Seite führten die Treppen in das nächste Geschoß.
       An der linken hinteren Ecke des Wasserbeckens saßen eine Frau und ein Mann und redeten miteinander.
       Nora steuerte geradewegs auf die linke Treppe zu. Sie stiegen hinauf. Alfa bemerkte dabei die außergewöhnlich geringe Steigung. ,,Alte Leute tun sich beim Stiegensteigen schwerer, darum erläuterte Nora. Oben wandten sie sich nach links. Sie kamen in einen breiten Gang, links eine Flucht von Türen, rechts eine Glaswand mit Topfpflanzen, am Ende erweiterte er sich zu einem rundumverglasten Raum.
       Nora hielt zielstrebig auf eine Türe zu, sie trug die Nummer 1L5. Nora klopfte an, es rührte sich nichts, so traten sie ein. Sie kamen durch einen kleinen Vorraum - links ein großer Kasten mit Schiebetüren und ein Garderobehaken, rechts eine Wand mit einem Spiegel und anschließend eine abgewinkelte Wand mit einer Türe - ins eigentliche Zimmer. Es wirkte hell und freundlich durch die große Fensterfläche und die Wand- und Deckenverkleidungen aus hellem Holz. Die Einrichtung bestand aus einer kleinen Kochnische mit Herdplatte, Kühlschrank und Spüle, Mehrzweck-Tisch mit Stuhl, Relaxliege und Bett. Eine Schiebetüre führte ins Nachbarzimmer rechts und eine ins Nachbarzimmer links, sie stand offen. Sie hörten Stimmen herüber. Sie gingen hinüber. Von der Türe aus sahen sie geradeaus zum Bett, an der gegenüberliegenden Wand, mit dem Fußende an der Fensterwand.
       Im Bett lag ein weißhaariger Mann mit knochigem Gesicht. Vor das Bett war die Relaxliege gerückt, darin saß ein Mann, ebenfalls weißhaarig. Nora ging auf die beiden zu und begrüßte sie: ,,Grüß Dich, Anton, grüß Dich, Arno! Wie gehts Euch? Der Mann im Bett erwiderte mit schwacher Stimme: ,,Grüß Dich, Nora! Der Mann in der Relaxliege grüßte: ,,Grüß Dich, Nora!, erhob sich bedächtig und wandte sich Alfa zu. Nora stellte Alfa vor: ,,Alfa - der Außerirdische, der gerade ein paar Tage bei uns ist. Anton im Bett lächelte Alfa matt zu, Arno sagte lebhaft: ,,Richtig, ich habe Sie im TKS gesehen, zuerst mit Nora, dann bei der Reportage über ihre öffentliche Einführung in die Ortsgemeinschaft! Ich hoffe, Sie fühlen sich bei uns wohl! Er zwinkerte mit einem Auge und sah schalkhaft zu Nora. Nora sagte lachend: ,,Du denkst wohl immer noch nur an das ,Eine! Arno lächelte versonnen und sein Gesicht wurde jungenhaft. Dann plötzlich wurde er ernst und sagte: ,,Ich glaube, Anton macht sich langsam auf die letzte Reise. Wir haben deshalb das Bett ans Fenster gerückt, damit er besser in die Bäume und in den Himmel schauen kann. Nora sah auf Anton, beugte sich über ihn und flüsterte: ,,Mach es gut, Anton! Behüt Dich Gott!. Sie richtete sich wieder auf, wandte sich an Arno und sagte: ,,Du wirst ihn schon gut hinübergeleiten! Unter diesen Umständen ist es besser wenn wir gehen. Wir besuchen dich ein andermal. Gut? ,,Gut! bestätigte Arno, ,,also dann bis auf ein andermal! Nora und Alfa hoben die Hand zum Abschied.
       Sie gingen wieder durch Arnos Zimmer zurück. Dabei fand Alfa seinen Eindruck bestätigt, daß beide Zimmer im Grundriß gespiegelt waren. Bei der Türe in der abgewinkelten Wand bemerkte Nora: ,,Dieser abgewinkelte Raum ist der Sanitärraum: mit Waschbecken, WC und Dusche. Jedes Zimmer hat einen eigenen, dadurch ist der Weg aufs WC kurz, wichtig in der Nacht, und zweitens brauchen alte Leute lange für ihre Körperpflege. Draußen am Gang wandten sie sich nach links und gingen bis ans Ende des Ganges.
       Nach einer Glastüre erweiterte sich der Gang zu einem großen Raum. Drei Seiten waren aus Glas, mit festen und verschiebbaren Teilen, davor Kübel und Tröge mit Pflanzen. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch mit acht Stühlen. An der festen Wand zum nächstliegenden Zimmer standen ein Herd mit Dunstabzug, Kühlschrank, Geschirrspüler mit Spüle, Waschmaschine, ein großer Vorratsschrank, ein kleinerer Schrank für Geschirr und sonstiges. An der Wand hingen kleinere Kästchen. In der Ecke stand das TKS. ,,Das ist für diese Gruppe von sieben Leuten die Wohnküche, das heißt Küche, Eßzimmer und Gemeinschaftsraum in einem. Die kleine Gruppe, die an einem Gang wohnt, kann sich somit gemeinsam das Essen richten, wobei die nötigen Arbeiten entsprechend aufgeteilt werden. So können die Leute auch das Essen in Geschmack und Verträglichkeit besser auf den Einzelnen abstimmen als in einer Großküche. Beim Essen haben sie so alle Gesellschaft. Und auch sonst können sie zusammensitzen erklärte Nora und fuhr nach kurzem Nachdenken fort: ,,Eine Gruppe ist nahezu unabhängig, zum Beispiel auch beim Wäschewaschen. Du siehst dort die Waschmaschine, die Aufhänge ist da draußen auf dem Balkon, im Winter hier herinnen.
       Sie gingen wieder zurück. Alfa sah auf die Zimmernummern, sie liefen von 1L7 abwärts. ,,Wozu sind die Zimmer innen nochmals miteinander verbunden, wo doch alle über den Gang erreichbar sind?, fragte Alfa. ,,Weil dadurch engere Zimmergemeinschaften zwischen Paaren oder Gleichgesinnten möglich sind und weil mensch sich dadurch auch so besser gegenseitig stützen kann, erläuterte Nora.
       Sie waren wieder im Mittelteil angelangt: ,,Hier im Mittelteil sind über die Stockwerke verteilt: ein Mehrzwecksaal für Film-, Theater-, Musik- oder sonstige Vorführungen, ein Behandlungsraum, eine Werkstätte für die Instandhaltung, und die Versorgungseinheiten für Wasser, natürlich auch Lifte. Im Keller sind die Strom- und Wärmespeicher, die Heizung, die Abfallverwertung und die Kläranlage. Da nur biologische Stoffe, hauptsächlich Küchenabfälle anfallen - Metalle, Glas, Kunststoffe werden ja wiederverwertet -, ergibt das zusammen mit der Kläranlage den Dünger für den Garten, erklärte Nora.
       ,,Wer hält das Gebäude und die ganze Einrichtung instand?, fragte Alfa. ,,Ein Systemerhalter - wie bei allen Anlagen der Allgemeinschaft. Er hat sein Doppelgrundstück im Anschluß an den Park des ,Altenhauses. Wenn er Hilfe braucht, ruft er einen anderen Gebäudeerhalter oder sonst geeignete Leute aus dem Ort. Da wir auf Grund unserer Lebensweise sehr viel Freizeit haben, findet sich immer jemand.
       Sie waren unten in der Halle angelangt und Nora wandte sich zum Hinterausgang. Es saßen nun mehr Leute herum. Alle grüßten Nora wie eine alte Bekannte. ,,Ich komme öfter hierher und behandle ihre kleinen Wehwehchen, erklärte Nora. Im Windfang streiften Sie die Filzüberzieher ab und stellten sie in das niedrige Bord, wobei Nora bemerkte: ,,Wir haben sie zwar von der anderen Seite entnommen, aber erfahrungsgemäß geht es sich immer aus.
       Draußen wies Nora in die Runde auf die Blumen und das Gemüse und sagte: ,,Wer von den Bewohnern noch irgendwie kann, betreut hier ein paar Beete, was er halt noch schaffen kann. Das fördert das Wohlbefinden und bereichert den Speisezettel. Sie gingen auf dem Kiesweg um das Haus. Alfa bemerkte für sich, daß das steinerne Kellergeschoß über das Niveau der Umgebung herausragte und die angeworfene Böschung mit Kräutern bepflanzt war - wie überall.
       Alfa versuchte, seine Eindrücke zu ordnen und verglich die hiesigen Verhältnisse mit denen vom Raumschiff. Dabei drängte sich ihm eine Frage auf und er gab sie sogleich an Nora weiter:
       ,,Mir fällt auf, daß bei euch Jugend und Alter sehr getrennt leben. Warum eigentlich? Nora antwortete ohne nachzudenken:
       ,,Diese Frage wird bei uns auch immer wieder gestellt, deshalb weiß ich auch das Für und Wider ganz genau.
       Die Trennung zwischen jung und alt war früher nicht. Solange der Mensch noch nicht schreiben und lesen konnte - also auf mündliche Überlieferung angewiesen war - gaben die alten Leute ihr Wissen und ihre Erfahrungen durch Erzählen an die Jungen weiter. Diese Aufgabe war wichtig, daher brachte mensch den alten Leuten entsprechend Achtung entgegen. Zudem wurde in einer gefahrvollen Umwelt das ,Altwerden als Leistung angesehen, woraus die Alten ihren Führungsanspruch herleiteten. Leider bringt Altsein und langjährige Erfahrung nicht unbedingt Weisheit mit sich. Der Erfahrungsschatz eines Menschen hängt von den äußeren Umständen und der persönlichen Eigenart ab: lebensmutige, aufgeschlossene Menschen erleben mehr als ängstliche, zurückgezogene, sie erleben auch das gleiche äußere Ereignis anders und ziehen daraus auch verschiedene Schlüsse. Weisheit beinhaltet allgemeingültige Erkenntnisse und Grundsätze. Um zu Weisheit zu gelangen, braucht mensch wache Augen mit einem gründlichen Verstand dahinter oder ein lauteres Herz oder eine außergewöhnliche Verbindung zum Schöpfergeist. Das hat nicht jeder Erwachsene und da hilft auch langes Leben nichts. Im Gegenteil. Viele Leute werden mit zunehmendem Alter eigensinnig, starrköpfig, selbstsüchtig, neidisch und neigen dazu, ihr Leben als Ideal hinzustellen - meist ohne es selbst zu merken. Als mit der ,allgemeinen Schulpflicht der Großteil der Leute lesen und schreiben konnte, sank zwar der gesellschaftliche Rang der alten Leute, sie wirkten aber als Großmutter bzw. Großvater bei der Erziehung der Kinder prägend mit - im Guten wie im Schlechten,. Der überwiegende Teil der Menschheit wurde auf diese Art zu Obrigkeitsgläubigkeit und Kleinmütigkeit erzogen und mit Vorurteilen und Aberglauben vollgepfropft. Der Lauf der Geschichte zeigte auch, daß solcherart dressierte Menschen zu jeder Dummheit verführt werden konnten, zu Unterdrückung Andersdenkender, zu Kriegen, zu blindem Fortschrittsglauben mit Zerstörung der Umwelt. Dabei waren die Verführer wohl selbst Verführte.
       Um diese Kette abzureißen, sahen wir nur einen Weg, eben die Jugend sich selbst erziehen zu lassen. Denn eines haben Kinder und Jugendliche - von Erwachsenen unverbildete natürlich - mit Sicherheit: ein lauteres Herz, und damit Freude am Leben, ein argloses und vertrauensvolles Wesen, ein zartes Gemüt und ein untrügliches Gefühl für Gerechtigkeit. Allerdings, um so zu bleiben, müssen sie sich geborgen fühlen.
       Den Unterschied im Wesen von jungen und alten Menschen erklären wir sehr einfach: Der Jugendliche hat das ganze Leben noch vor sich und kann getrost darauf vertrauen, daß er alles erreichen wird, was er erträumt. Der Erwachsene und vor allem der ältere Mensch hat einen Gutteil seines Lebens schon hinter sich und meist ist das wirkliche Leben mehr oder weniger vom Jugendtraum abgewichen; das Vergangene kann weder berichtigt noch rückgängig gemacht werden, Versäumtes läßt sich nicht mehr nachholen. Ältere Menschen sind daher immer mehr oder weniger in Gefahr, die Jugend zu beneiden und als Folge dann die Jugend durch eine heuchlerische Moral, - sie ist aus dem Neid geboren -, in ihrem Glück zu beschneiden. Am besten sieht mensch das bei alten Jungfern, wie sie über junge Mädchen mit reichhaltigem Liebesleben reden. Eine weitere Gefahr ist, daß mensch Dinge, die mensch nicht bekommen kann oder hat, in sich seelisch und geistig abwertet und diese Einstellung auf seine Mitmenschen überträgt. Mensch kann dies bei keusch lebenden Priestern beobachten. Weiters neigen viele Menschen dazu, ihren Lebensstil als Ideal hinzustellen und die Jugend in diese Richtung zu beeinflussen. Aus all dem schlossen wir, daß mensch Jugend und Alter besser trennt. Beide Altersgruppen sind aber in der Gemeinschaft
       des Ortes geborgen, was auch die räumliche Anordnung ihrer Wohnungen im Ort ausdrückt.
       Sie waren wieder beim Auto angelangt. ,,Und nun zum Krankenhaus!, sagte Nora.
       Das Krankenhaus war ein zweistöckiges Gebäude. Der Keller ragte über das Niveau des Bodens. Die angeworfene Böschung war mit Kräutern bepflanzt. ,,Hier sind es vorwiegend Heilkräuter, bemerkte Nora. Zum Eingang führte eine breite, sanft ansteigende Rampe. Im Windfang war auf der linken Seite eine Garderobe mit einem niederen Fächerkästchen, in dem Filzüberzieher steckten. Nora hieß Alfa, sich zu bedienen. Dann führte sie ihn durch eine Tür auf der rechten Seite in einen kleinen Raum mit lauter Holzspinden und kleinen Bänkchen davor. Nora ging geradewegs auf einen zu, Alfa las auf dem Schild ,,Nora. Nora holte ein Paar weißer Lederschlapfen heraus und tauschte ihr Schuhwerk. Alfa empfand ein unangenehmes Gefühl auf der Haut. ,,Das kommt von den UV-Lampen im Windfang und hier, erklärte Nora, ,,sie töten Keime ab. Sie gingen durch eine andere Türe auf den breiten Korridor. Gleich gegenüber war ein Raum mit einem großen Fenster zum Korridor. In der Türe stand ein Mann in einem weißen Mantel. ,,Grüß Dich, Nora! Schön, Dich wiederzusehen!, begrüßte er Nora, und dann zu Alfa: ,,Ich freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Ich bin Karl, einer der sieben Ärzte des ständigen Gesundheitsdienstes. Wenn Du nichts dagegen hast, Nora, er verneigte sich leicht gegen Nora, ,,werde ich Euch führen. Es ist augenblicklich, Gott sei Dank, nichts los; da bringt mir das eine willkommene Abwechslung. Er ging in das Zimmer zurück und bat Alfa herein. ,,Das ist die Aufnahme, erklärte er. Durch die Fenster sah Alfa auf den Zufahrtsweg, in den Windfang - hier durch getönte Scheiben - und auf den Korridor. Davor stand ein Schreibtisch, ein Drehsessel und ein TKS. ,,Mit dem TKS kann mensch Hilfe herbeirufen, wenn mensch welche braucht, erläuterte Karl. An der gegenüberliegenden Wand war eine Relax-Liege - darauf ein aufgeschlagenes Buch - und ein Bett. ,,Für den Nachtdienst, sagte Karl. Sie verließen die ,Aufnahme und gingen ein paar Schritte den Korridor entlang. ,,Hier gehts in den ,Allgemeinen Behandlungsraum, sagte Karl und öffnete die Tür. Sie gingen hinein. Im Raum standen lediglich zwölf Stühle. ,,Das ist der ,Warteraum, erklärte Karl und setzte hinzu, ,,wir haben durchschnittlich fünf Patienten am Tag und da meistens Verletzungen, kaum echte Krankheiten. Und das bei 7000 Einwohnern. Sie gingen weiter in den Behandlungsraum. ,,Die Stühle hier kann mensch vielfach verstellen, erklärte Karl und führte es an einem vor. ,,In dem fahrbaren Kästchen und in dem großen Kasten bei jedem Behandlungsstuhl liegen medizinische Geräte, führte Karl weiter aus. Sie kehrten wieder in den Korridor zurück. Beim Hinausgehen fiel Alfa in Augenhöhe neben der Türe ein kleines Kästchen mit einem roten und einem grünen Knopf auf. ,,Wozu ist dieses Kästchen?, fragte Alfa und Karl anwortete: ,,Wenn ein Patient kommt, drückt er den roten Knopf, wenn er geht den grünen. Das Kästchen zählt somit die Wartenden und gibt die Zahl ans TKS weiter. Von dort kann sie jeder Dorfbewohner über sein TKS-Gerät abfragen. Draußen am Gang bemerkte Nora, daß Alfa etwas abgespannt aussah, und wandte sich an Karl: ,,Sei uns bitte nicht böse Karl, aber wir sind etwas müde. Wir waren vorher schon im ,Jugendhaus und im ,Altenhaus und wollten ... ,,Schon gut, Nora, fiel Karl ein. ,,Ihr wolltet nur der Vollständigkeit halber vorbeischauen. Ich werds kurz machen. Sie gingen langsam den Korridor entlang, Karl zeigte abwechselnd auf die Türen links und rechts: ,,Die Notversorgung, die physikalische Behandlung, der Röntgen- und Ultraschalluntersuchungsraum, Bad und WC, Gipsraum, Lift. Er wies geradeaus: ,,Zwei Operationsräume. Sie stiegen die Treppe hoch. Oben im ersten Stock zeigte Karl nach vorn: ,,Da vorne ist der Lift, links ist der Aufenthaltsraum für das Personal, die Wäscherei für diesen Stock, ein kleiner Sanitärraum für das Personal und die Apotheke. Sie wandten sich nach rechts. ,,Hier sind die Krankenzimmer. Ausgenommen gleich links: da ist das Bad und WC. Karl lenkte sie geradewegs zu einer Türe, öffnete sie und bat Alfa und Nora hinein. Sie traten ein. Das Zimmer war hell, das Licht fiel durch die verglaste Fensterfront und die Glastüre, die auf die verglaste Veranda führte. Die Wände waren mit glänzend lackiertem Holz getäfelt. An der Wand zur Rechten standen drei Betten, mit dem Fußende in den Raum, links vom Kopfende jeweils ein Nachtkästchen, beim letzten rechts ein Kühlschrank, darauf eine Herdplatte mit vier Kochstellen. ,,Der Patient in diesem Bett kann den Kühlschrank bedienen und gegebenenfalls die Sachen an seinen Nachbarn weiterreichen und dieser wieder an seinen anderen Nachbarn. Somit ist der Kühlschrank für alle, erklärte Karl. Am Fußende eines jeden Bettes stand jeweils ein Stuhl. An der Wand zur Linken - also gegenüber der Bettenwand - standen Kästen, in einem ein TKS. ,,So ähnlich schauen alle Zimmer aus. Sehen wir aber noch zu unseren Patienten hinein, sagte Karl. Sie gingen hinaus und Karl lenkte sie zur nächsten Türe.
       Er klopfte an und öffnete die Türe. ,,Ich bringe Euch einen interessanten Besuch. Paßt es Euch?, fragte Karl hinein. Sie hörten zustimmendes Stimmengemurmel. Sie traten ein. In jedem Bett lag jemand, bei einem Bett saß ein Mädchen. Alfa und Nora grüßten, die vier beantworteten den Gruß. Alfa hatte den Eindruck, daß die drei in den Betten sich kaum bewegen konnten, aber sonst guter Dinge waren. Karl stellte die drei vor: ,,Konrad, 10 Jahre, ist vom Baum gefallen und hat sich einen Wirbel angeknackst; Karoline, 35 Jahre, ist beim Fensterputzen von der Leiter gefallen und hat sich den Oberschenkel gebrochen, liegt im Streckverband, weil sie wegen der Narben nicht geschraubt werden wollte; Kurt, 60 Jahre, hat einen offenen Oberarmbruch. Sie können sich zwar kaum rühren, aber sonst geht es ihnen gut. Er wandte sich zum Mädchen: ,,Das ist Kitti, 5 Jahre, sie ist aus derselben Gruppe wie Konrad und hat ihm gerade sein Essen gebracht. Er wies auf Alfa: ,,Ihr habt Ihn wahrscheinlich schon erkannt, das ist der Außerirdische, den Ihr vor ein paar Tagen im TKS gesehen habt. Er wird Euch sicher gerne ein paar Fragen beantworten. Die vier fragten, und Alfa antwortete. Plötzlich klopfte es und ein Mann mit einem Korb in der Hand trat ein. Er stutzte kurz und sagte: ,,Ich bringe Karoline das Essen. Im Augenblick sind so viele Leute hier, ich komme dann später wieder. ,,Halt, bleiben Sie nur!, hielt Nora ihn zurück. ,,Wir gehen gleich. Alfa erzählte das Begonnene noch fertig, dann verabschiedeten sich Nora und Alfa. Im Weggehen hatte Nora noch eine Eingebung: ,,Alfa kann Euch über das TKS seine Filme vorspielen, gut?
       Draußen meinte Karl: ,,Der zweite Stock ist gleich eingeteilt wie dieser, aber hauptsächlich für Patienten mit ansteckenden Krankheiten vorbehalten. Im Augenblick ist er unbelegt. Wir können uns das Besichtigen sparen. Aber einen Sprung sollten wir doch noch bei Karin vorbeischauen. ,,Ja, das sollten wir!, bestätigte Nora. Sie gingen den Korridor zurück, an der Stiege vorbei zum Personalraum.
       Karl klopfte, von drinnen hörten sie ein ,,Herein, also traten sie ein. Durch einen kurzen Gang mit Garderobehaken links und rechts kamen sie in einen großen Raum. Eine Fensterwand mit einer Glastüre gab den Blick frei auf die Glasveranda. Gleich linker Hand war eine kleine Kochnische mit Herdplatte, Spüle und Geschirrspüler, Kühlschrank und Hängekästchen. Rechter Hand eine Sitzecke mit Tisch und zwei Stühlen. Ganz im Eck ein Bett mit Umrandung, davor ein großer Kasten. Auf dem Bett lag eine Frau, ein aufgeschlagenes Buch in den Händen, und musterte die Ankömmlinge. Als sie Alfa mit ihrem Blick erfaßt hatte, legte sie das Buch weg, stand auf und kam ihnen entgegen. Sie lächelte Karl zu, grüßte Nora lässig und wandte sich Alfa zu: ,,Nett, Sie zu sehen, und dann an alle: ,,Darf ich Euch einen Tee aufwarten. Karl und Nora nickten und Alfa schloß sich an. Karin bat sie zum Tisch, stellte das Teewasser auf, richtete Teekanne und die Teedose her und setzte sich ebenfalls zu Tisch. Karin fragte Nora über ihren Aufenthalt im Weltraum, Karl hörte interessiert zu. So konnte Alfa unauffällig Karin betrachten: ein schmales, engelhaftes Gesicht, braune Augen, feingliedrige Hände. Sie strahlte eine zarte Sinnlichkeit aus. Wenn in Noras Erzählung von Alfa die Rede war, sah Karin zu ihm, so begegneten sich ihre Blicke für die Dauer von ein paar Herzschlägen.
       Das Teewasser brodelte. Karin ging hin und brühte den Tee auf. Ein würziger, erfrischender Duft erfüllte den Raum. Karl sog den Geruch ein und kommentierte: ,,Karin ist unsere Kräuterhexe und Giftmischerin in der Apotheke. Karin lachte und sagte dann: ,,Stimmt! Ich habe auf mehreren Erdteilen die Gewächse und ihre Wirkungen auf den Menschen untersucht. Das ist ein weites Feld und ich bilde mir keineswegs ein, der Weisheit letzten Schluß gefunden zu haben. Aber ich fand unsere heutige Einstellung bestätigt: Dem Menschen bekommen die Pflanzen, die in seiner Umgebung wachsen, am besten. Es ist unsinnig, Pflanzen aus anderen Klimaten einzuführen. So tut Kaffee in Afrika oder Südamerika wohl, hier in Europa schadet er Magen und Kreislauf. Ähnliches gilt für schwarzen Tee. Ich führe das darauf zurück, daß der Mensch und die Pflanzen seiner Umgebung dasselbe Klima als Schicksal haben und daß die Pflanzen genau diese Mineralien und genau in dieser Mischung aus der Erde holen, wie mensch sie zum Überleben in diesem Klima braucht. Die Betonung liegt auf Mischung (!), wie ja auch bei einem guten Essen nicht einfach lauter gesunde, gute Zutaten wahllos zusammengemischt werden dürfen. Karin begutachtete den Tee, war aber offenbar noch nicht zufrieden, und fuhr fort: ,,Ich meine, das Einführen von Lebens- und Genußmitteln aus fernen Ländern war zuerst Prahlerei einer naturentfremdeten Schickeria mit verdorbenem Geschmack, dann falsch verstandener Luxus der Mittelklasse und zuletzt nicht hinterfragte Gewohnheit der Allgemeinheit. Zum Beispiel Kakao: Kakao wurde aus den neueroberten Kolonien in Südamerika nach Spanien eingeführt und teuer verkauft. Nur die Wohlhabenden konnten sich Kakao leisten. Sie tranken ihn zu Pulver zerstoßen und mit Wasser angerührt und behaupteten, das sei eine Köstlichkeit. Jeder kann sich überzeugen, daß dieses Gebräu in Europa eher schlecht schmeckt. Aber so war der Mensch damals: Wenn etwas teuer war, folgerte er daraus, daß es auch gut sein muß. Der Dichter Wilhelm Busch spottete: ,Und bei näherer Betrachtung steigt mit dem Preise auch die Achtung! Die Leute damals besaßen scheinbar ein unterentwickeltes Urteilsvermögen. Karin sah nach dem Tee, brachte die Kanne zusammen mit einem Untersatz zum Tisch und stellte sie in der Mitte des Tisches auf den Untersatz. Karl und Nora holten die Tassen. Karin schenkte ein. Ein kräftiger Duft strömte aus der Kanne und den Tassen. Alfa fühlte, wie sich seine Müdigkeit verflüchtigte. ,,Wir müssen den Tee noch auskühlen lassen, nahm Karl das Wort.
       ,,Inzwischen können wir Alfa unser Krankenversorgungssystem - oder besser unser Gesundheitserhaltungssystem darlegen.
       Unser Ideal ist der vollkommen gesunde Mensch. Dies erreichen wir im allgemeinen durch ein menschengerechtes Leben nach dem Schöpferplan: viel Aufenthalt unter freiem Himmel bei Sonne und auch bei Regen; Beschäftigung mit Pflanzen und Tieren, die Lebensfreude ausstrahlen; wohlschmeckende, mit Liebe und Einfallsreichtum zubereitete Speisen aus hochwertigsten Lebensmitteln; Liebe und Zärtlichkeit, wobei wir Sex als die innigste Form der Zärtlichkeit werten; Schönheit und Gediegenheit bei allem, was uns umgibt, Haus, Möbel, Geschirr, Garten, Ort, Landschaft; Zeit für angenehme Geselligkeit; die Möglichkeit zu jedweder geistiger Betätigung; Unterhaltung durch Musik, Schauspiel, Sport; Erweiterung des Blickfeldes durch Reisen; keine nerv- und geisttötenden Arbeiten über längere Zeit; Mäßigung bei Ausschweifungen; Ausgewogenheit und Augenmaß beim Genießen. Dieser Lebensstil hält gesund.
       Sollte doch jemand krank werden, so sehen wir darin mehr eine geistige und seelische Fehlhaltung als eine körperliche Angelegenheit. Wir suchen darum bei jeder Erkrankung auch nach dem geistigen und seelischen Hintergrund und behandeln neben dem Körper auch, nein besser überwiegend, Seele und Geist. Kranke bleiben, sofern es irgendwie geht, auf ihrem Grundstück, und werden dort vom Lebensgefährten oder von Freunden oder von den Nachbarn und vom örtlichen Pflegedienst betreut. Muß der Kranke sich im Krankenhaus aufhalten, so versorgen ihn der Lebensgefährte oder Freunde und der Pflegedienst. Karl machte eine Pause und nippte am Tee. Karin fuhr fort: ,,Eine feststehende Arbeitsaufteilung gibt es nicht. Normalerweise bringt der Lebensgefährte bzw. der Freund das Essen und richtet das Bett, der Pfleger übernimmt die ärztliche Betreuung und das sonstige Wohl der Kranken. Das hat den Vorteil, daß das Essen ... Es gongte. Karin brach den Satz ab, entschuldigte sich: ,,Einer von den Kranken braucht etwas, entschuldigt mich kurz!, zog sich einen weißen Mantel an und ging hinaus. Karl nutzte die Unterbrechung und nahm vorsichtig einen Schluck Tee, Nora und Alfa ebenfalls. In die entstandene Pause fiel Alfa eine Frage ein und er stellte sie sofort:
       ,,Wer reinigt das Haus? Karl antwortete: ,,Unser Reinigungszeug ist gleich bei der Hand und läßt sich bequem handhaben. Kleinere Sachen, wie ein Staubwuckerl oder ein Läckchen, saugen bzw. wischen wir weg, oder auch die Kranken selbst, wenn sie dazu in der Lage sind. Den gründlichen Großputz erledigen ehemalige Pfleglinge, sobald sie wieder bei Kräften sind. Das ist sozusagen eine Abgeltung für die Pflege, die sie hier genossen haben. Wir halten dies für gerecht und zumutbar. Es hat auch noch niemandem geschadet, denn wer als Kranker die Krankheitskeime hier übersteht, der hält sie als Gesunder leicht aus. Zudem ist alles so gestaltet, daß es leicht reinigbar ist. So sind Fugen, ,tote Winkel, Ecken und Kanten, in denen sich der Schmutz sammelt und sich schlecht entfernen läßt, vermieden worden. So geht zum Beispiel der Boden im Gang und in Räumen, in denen er feucht gewischt wird, in einer Rundung in die Wand über. Ebenso sind im WC und Bad die ,toten senkrechten Kanten ausgerundet. Die Möbel haben glatte Flächen, vor allem eine glatte Deckfläche. Und so weiter. Karl machte eine Pause, trank ein paar Schlucke, dachte nach und fuhr dann fort:
       ,,Für die Instandhaltung haben wir zwei Systemerhalter, einen für das Gebäude und einen für die medizinischen Geräte. Der Betreuer für die medizinischen Geräte wurde und wird immer wieder vom Herstellerwerk entsprechend geschult. Unserer fährt einmal jährlich auf zwei Wochen hin, und das gerne. Ich habe den Verdacht, daß er auch wegen der Frauen dort hinfährt. Einmal hat er auch eine auf sein Doppelgrundstück hergebracht. Sie war eine rassige Frau mit etwas braunerer Haut, ihr hat es aber wegen unserem Klima hier nicht so richtig behagt und sie ist dann wieder weg. Schade, sie wäre eine Bereicherung für unseren Ort gewesen. Karl schwieg und lächelte versonnen. Eine Weile schwiegen alle.
       Karin kam wieder, hängte ihren Mantel an den Nagel und setzte sich auf ihren Platz. Ihre Hände rochen auffallend nach Seife. ,,Was war los?, fragte Karl. ,,Ich will Alfa nicht den Appetit verderben!, wich Karin aus. ,,Sie sind unterbrochen worden, knüpfte Alfa das Gespräch wieder an. ,,Stimmt, erinnerte sich Karin, ,,worüber habe ich denn zuletzt geredet?
       ,,Über die Betreuung der Kranken und irgendwelche Vorteile, half Alfa. ,,Ja, richtig, bestätigte Karin, daß sie den Faden wieder gefunden hatte, und setzte fort: ,,Daß jeder Kranke das Essen vom Lebensgefährten oder einem Freund gebracht bekommt, hat den Vorteil, daß jeder Kranke ein Essen nach seinem Geschmack erhält. Ein Nachteil dieses Systems ist es, daß mensch zumindest einen Menschen haben muß, dem mensch etwas Arbeit wert ist. Wenn ein Mensch ein unverträglicher Eigenbrötler ist, darf mensch besser nicht so krank werden, daß mensch Hilfe braucht. Nun ja, ich könnte mir schon vorstellen, daß ich hier für ein paar Leute koche. Karin schwieg nachdenklich.
       ,,Wieviel Leute arbeiten hier?, fragte Alfa. Karl antwortete: ,,Wir sind vierzehn örtliche medizinische Betreuer, so daß jeder in jeder Woche nur einen Tag und eine Nacht hier arbeitet. Da wir regelmäßig hier Dienst machen, sind wir ,Systemerhalter. Wenn wir Urlaub machen wollen, springen ,freie Ärzte für uns ein. ,,Eine solche ist Nora, nicht wahr?, fiel Alfa ein. ,,Ja, genau, bestätigte Karin.
       Nora hatte ihre Tasse ausgetrunken. Karin wollte ihr nachschenken, doch Nora lehnte ab: ,,Danke, Karin, aber wir müssen bald gehen! Alfa nahm noch eine halbe Tasse, weil der Tee ihn angenehm belebte. So saßen sie eine Weile ohne zu reden und genossen das angenehme Körpergefühl. Als Alfa ausgetrunken hatte, wartete Nora noch ein bißchen und stand dann langsam auf. Alfa, Karl und Karin erhoben sich ebenfalls. ,,Auf Wiedersehen, Karin! ,,Auf Wiederschauen! Ihr Tee war köstlich! ,,Behüt Euch Gott!, verabschiedeten sich Nora, Alfa und Karin. Karin fügte noch hinzu: ,,Kommt doch mal bei mir vorbei! Alfa glaubte dabei einen weichen Schimmer in ihren Augen gesehen zu haben. Karl geleitete sie nach unten. Nora wechselt wieder ihre Schuhe, Alfa gab die Filzüberzieher zurück. Sie verabschiedeten sich von Karl und fuhren nach Hause.
       Nora richtete ein Abendessen, wobei Alfa mit zur Hand ging. Sie aßen und räumten gleich anschließend ab und auf.
       Der Himmel klarte auf. Deshalb machten sie sichs auf der Veranda bequem. Nora ließ dann Alfa kurz allein, um ein passendes Getränk zu richten. Alfa versuchte, die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Am meisten beschäftigte ihn das Gesellschaftssystem mit der Trennung von Heranwachsenden und Erwachsenen. ,,Was hatte den Denkanstoß dazu gegeben?, Nora braute inzwischen aus Most, Ei, Zucker und Gewürzen einen heißen Trank. Sie brachte einen Krug davon und zwei Gläser hinaus, stellte alles auf den Beistelltisch, füllte die Gläser und streckte sich im Liegestuhl neben Alfa aus. Sie schauten schweigend in den Garten und den Abendhimmel, an dem die Wolken zogen und vereinzelt Sterne blitzten. Der Dampf aus dem Krug und den Gläsern stieg Alfa in die Nase; er regte ihn an.
       ,,Ich habe vorher über euer Gesellschaftssystem nachgedacht, eröffnete Alfa das Gespräch. ,,Was gab den Denkanstoß dazu? Nora dachte kurz nach und führte dann aus:
       ,,Kurz vor der ,großen Umgestaltung steckte die Menschheit in der Krise: Wahnwitzige Rüstung, Zerbröckeln des Kommunismus, wirtschaftliche Schwierigkeiten im Kapitalismus, weltumfassende Umweltzerstörung, kleinkarierter Nationalismus, Kriege, übertriebener Reichtum mit sinnloser Verschwendung auf der einen und hoffnungsloses Elend auf der anderen Seite. Der Schluß lag nahe, daß die Menschen falsch erzogen wurden. Also versuchte mensch vollkommen neue Denkansätze zu finden.
       Wir gingen davon aus, daß hinter dieser Welt ein Schöpfer steht, daß dieser Welt ein Schöpferplan zugrundeliegt und daß dieser Plan aus der Welt selbst herauszulesen sei. Da es um die Erziehung ging, sahen wir uns die Entwicklung der Persönlichkeit genauer an.
       Dabei fiel auf, daß alle(!) Kinder schon im Alter von drei bis vier Jahren die elterliche Autorität sowie ihre Umwelt hinterfragen und sich manchmal dagegen auflehnen. Die Kinder fragen dann: ,Warum muß ich...?, ,Warum darf ich nicht...?, ,Warum darf der...?. Oder sie sträuben sich: ,Ich mag nicht...! Dieses ,Trotzalter muß doch einen Sinn im Schöpfungsplan haben. Aber welchen? Nun. Mensch fragt, wenn mensch sich geistig mit etwas auseinandersetzt und Klarheit sucht; mensch lehnt sich auf, wenn mensch sich falsch behandelt oder auf einen falschen Weg gezwungen oder unterdrückt fühlt. Der Schluß liegt nahe, das Kind im Trotzalter sucht Klarheit, fühlt sich aber von den Eltern auf einen falschen Weg gezwungen oder unterdrückt. Der Verdacht tauchte auf, daß die Antworten auf die Fragen und damit die Erziehung vom Schöpfungsplan abwichen; die Kinder spürten das, daher die Auflehnung. Psychologen und Soziologen sahen sich daraufhin die Antworten der Erwachsenen an.
       Sie stellten fest, daß die Antworten in den verschiedenen sozialen Schichten - damals waren bei uns die Arbeiten noch auf Berufe aufgeteilt, wie Du es aus Deinen Dokumentarfilmen von Deiner Heimat kennst; der Bildungsgrad und das Einkommen ,schichtete die Bevölkerung - also sie stellten fest, daß die Antworten je nach Schicht verschieden waren. Die Intellektuellen versuchten intellektuelle Antworten zu geben. Ich erinnere mich an folgendes Beispiel:
       ,Der Spinat schmeckt mir nicht!, ,Komm, iß den Spinat!, ,Warum soll ich den Spinat essen? ,Weil er gesund ist. So jetzt sei ein braves Kind und iß deinen Spinat. Woher wußten die Eltern, daß der Spinat für ihr Kind jetzt gesund war, wo er ihm offensichtlich gar nicht schmeckte. Offenbar gaben die Eltern nur ein Vorurteil weiter. In Gesellschaftsschichten mit ,autoritärer Erziehung lief es etwa so ab: ,Ich mag den Spinat nicht! ,Halt den Mund! Gegessen wird, was auf den Tisch kommt! und aus Angst vor Schimpfen - oder gar Schlägen - würgte das Kind den Spinat hinunter. In diesem Fall wird der Wille des Kindes gebrochen und das Kind an Gehorsam und ,Hinunterschlucken gewöhnt.
       Die Geschichte der Menschheit zeigte, daß sich in fast allen Menschen über alle Generationen Vorurteile und die Bereitschaft, sich unterzuordnen, hartnäckig hielten. Eben weil dies von den Erwachsenen auf die Kinder übertragen wurde. Daher stellten wir die Berechtigung der Erwachsenen zur Erziehung der Kinder in Frage, denn die Vorurteile über Rassen, Völker, Religionen, Gesellschaftssysteme und die Unterordnung unter religiöse oder politische ,Führer haben schon genug Unheil gebracht.
       Verfolgt mensch die seelische und geistige Entwicklung eines Erdenmenschen, so findet mensch noch eine zweite Zeitspanne der Auflehnung gegen die Erwachsenen, nämlich im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren. In dieser Zeit reift der Mensch geschlechtlich und sucht nach dem Sinn des Lebens, nach der eigenen Stellung in der Welt und wie mensch Leben und Welt gestalten sollte. In unserem System jetzt lassen wir die Jungen suchen, wir geben ihnen lediglich die Regeln mit: ,Benimm dich selbst so, wie du es auch von den anderen möchtest. ,Tritt jedem Lebewesen mit derselben Achtung entgegen, wie du sie für dich selbst forderst!,Was Du nicht willst, das mensch Dir tut, das fge auch keinem andern zu. Diese Grundsätze sieht jeder Mensch mit Gerechtigkeitssinn ein und sie halten auch der Kritik eines Jugendlichen stand. Zudem kann jeder auf die Geschichtsdokumentation der einzelnen Weltanschauungen, Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen zurückgreifen. Diese Dokumentationen sind möglichst wissenschaftlich und wertfrei zusammengestellt, so daß mensch sich bei allem ein Bild von den Vor- und Nachteilen machen kann - selbstverständlich auch im Vergleich zum heutigen System. Dies bringt heiße Streitgespräche zwischen den Jugendlichen, denn jedes System hat Vor- und Nachteile, und es ist keineswegs auf den ersten Blick erkennbar, wie zukunftsfähig ein System ist. Da im jetzigen System alle Menschen, und damit auch alle Jugendlichen, in gesicherten Wohlstand leben, bleiben diese Auseinandersetzungen auf der geistigen Ebene.
      Unsere Statistiken zeigen, da�fast alle aus Vernunftgründen zu unserem System kommen. Fr das System spricht: höchstwertige Lebensmittel, gesunde Arbeit im eigenen Garten, selbstbestimmtes Leben, viel Freiheit fr die eigene Selbstverwirklichung, stabile Gesundheit, wenig Transportverkehr, ruhige und sorgfältige Produktentwicklung, mehr Qualität in allen Lebensbereichen, viel Zeit zum Nachdenken und Mitgestalten, mehr Zeit fr die seelische und geistige Höherentwicklung, bessere Partnerwahl, keine Armut , überschaubares System. Nachteile des Systems sind: Mensch muss im Garten arbeiten - muss er eigentlich nicht, denn er kann Arbeit gegen Arbeit tauschen - , Kleinere Produktvielfalt, langsamere Entwicklung der Technik und Wissenschaft. Die meisten Menschen heute überzeugt das, denn alle Menschen in unserem System leben in mehr Wohlstand als 95 Prozent im gestrigen. Na, und für die wenigen, die der Traum von übergro�m Reichtum unwiderstehlich lockt, haben wir das ,kapitalistische Reservat - Du erinnerst dich. Nur: das ,kapitalistische Reservat wird bald der Vergangenheit angehören, weil dort auf Grund der kapitalistischen Dynamik die Lebensgrundlagen in absehbarer Zeit zerstört sein werden.
       Wenn ein Junger Verbesserungen findet, so kann er nach der ,Maturareise seine Vorschläge der Allgemeinheit unterbreiten, dann wird - wie bei jedem Vorschlag - in der Öffentlichkeit diskutiert und schlußendlich von der Allgemeinheit in einer Abstimmung entschieden. Damit wären wir bei einem anderen Kapitel, nämlich unserem politischen System. Aber das erkläre ich dir ein andermal, ich mag jetzt nicht mehr.
       Nora schwieg. Sie tranken den Glühmost. Die Nacht fiel langsam herein und sie kamen auf ein anderes Thema.


<|zum Inhaltsverzeichnis|< ||| ^|zurück zum vorigen Kapitel|^ || v|zum nächsten Kapitel|v