"Denz-Buch "
Die Ausseer Tabulatur


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Die "Ausseer Tabulatur"

 

Die "Ausseer Tabulatur" genannte Handschrift, die auf dem Vorsatzblatt die Anmerkung "Denz Buch Angehörig mir Kaspar Fellner" (geb. 27.12.1780?) trägt, ist im Original für die fünfchörige Barockgitarre notiert. Das Originalmanuskript ist inventarisiert mit dem Vermerk: "Kauf aus Grundlsee, XII 1937", liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und ist in einem sehr guten Zustand, bis auf einige leider fehlende Blätter, die verlorengegangen sind. Es trägt die Inventarnummer S.M.9659. Es handelt sich bei dieser Handschrift um eine französische Tabulatur, d.h. wir finden fünf Linien entsprechend den 5 Saiten (respektive Chören) der Barockgitarre, wobei die oberste Linie der höchsten Saite entspricht. Die zu greifenden Bünde werden durch Kleinbuchstaben repräsentiert, "a" bedeutet leere Saite, "b" erster Bund, "c" 2.Bund und so weiter.

Musikhistorisch gesehen bietet dieses Manuskript einige Besonderheiten, die erwähnenswert sind. So sind beispielsweise die 4 Partien (=Suiten) beginnend mit der Allemande Nr.56 bis zur Gavotte Nr.78 in eher unüblicher Form zusammengestellt und folgen in keiner Weise der heute als Suitengerüst angesehenen Satzfolge, man könnte regelrecht von einer willkürlichen Zusammenstellung sprechen, auf jedenfall aber von einer sehr individuellen. Vermutlich gründet das auf den persönlichen Vorlieben des Schreibers des Manuskriptes oder regionalen Tanzgewohnheiten.

Ein wenig ungenau ist im Manuskript die Bezeichnung der recht ähnlichen Sätze "Trezza" und "Menuet", die ja immerhin die Unschärfe des gemeinsamen Dreiertaktes haben, auch wenn die Trezza punktiert daherkommt während das Menuett vorzugsweise drei gleiche Viertel hat (siehe die "Menuette" Nr.5 und Nr.37)

Aber die Trezza Nr.54 kommt gar im 4/4-Takt! Das kann ja wohl nur eine irrtümliche Satzbezeichnung sein! Oder können sie sich vorstellen, zu einem Rock´n´Roll Walzer zu tanzen?!?

Die Satzbezeichnungen tragen überwiegend die Bezeichnungen der Tanzsätze. Interessant ist Nr.63 "Amener", Bernhard Trebuch vermutet eine Ableitung des Titels vom lateinischen amoenus = schön,angenehm. Selbsterklärend sind auch die Titel "Bauern Madl" und "Gurte Nacht", schwieriger ist da schon "Salome", "Caplan" und "Schmitt Courante", wo leider nicht klar ist auf wen oder was hier jeweils Bezug genommen wurde.

Das Manuskript scheint in mehreren Etappen geschrieben worden zu sein. Darauf deuten gleich mehrere Faktoren hin. Beginnend ab der "ersten Partie" ist eindeutig mit einer anderen Feder geschrieben worden, die Handschrift weist leichte Unterschiede auf (obwohl es aber der gleiche Schreiber gewesen sein dürfte). Vor diesen vier Suiten kommen auch keine erkennbar zusammengehörenden Suiten vor. In der "Double" Nr.75 werden erstmals Lautstärkebezeichnungen verwendet, nämlich "forte" und "piano", bis dahin fehlen, wie vormals üblich, jegliche dynamische Angaben. Ebenso wechselt die Bezeichnung der "Allamande" zur "Allemande".

Gleich am Beginn des Manuskriptes ist vor den Beginn der Tänze ein Blatt gesetzt, auf dem 24 Akkorde in Tabulatur aufgelistet sind, denen zur Bezeichnung die groß geschriebenen Buchstaben des Alphabets mit Ausnahme von J und U zugeordnet sind. Da in den Stücken diese Kürzel aber nur sporadisch verwendet werden, mag das vielleicht didaktische Gründe gehabt haben. Die Buchstabenkürzel haben allerdings keine Verbindung mit den Akkorden. So bezeichnet das Kürzel "B" das Griffbild des C-Dur-Griffes, "D" wäre a-moll und so weiter (bezogen auf heutige Gitarrenstimmung). Sinnvollerweise sind die Kürzel groß geschrieben, um keine Verwechselungen mit den Bundbezeichnungen, die ja durch Kleinbuchstaben ausgedrückt werden, zuzulassen.

Spieltechnisch sehr ungewöhnlich ist das Fingertremolo (à la Tarrega!) in Nummer 22 "Schmitt Courante". Mir ist kein anderes Stück aus dieser Zeit bekannt, das Gebrauch von dieser Technik macht.

Das Manuskript ist im Querformat angelegt, hat in etwa A4-Format und für gewöhnlich 4 Zeilen pro Blatt. Nur die letzten drei Seiten wurden für ein Menuet mit Trio und noch ein weiteres Menuet genutzt, bei denen je zwei Zeilen zu einem Doppelsystem zusammengefasst wurden und in normaler Notation stehen, also vielleicht für ein Tasteninstrument gedacht waren. Bei diesen zwei Stücken ist als einzigen im ganzen Manuskript durch eine Überschrift der Komponist angegeben, nämlich "Auth: Wagenseil", vermutlich Georg Christoph Wagenseil (1715-77). Die Handschrift könnte die Gleiche wie bei den Tabulaturen sein, weist aber doch einige Unterschiede auf, sodaß sie vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt hinzugefügt wurde.

Problemlos hätte man diese 92 Tänze auf der sechsaitigen modernen Gitarre ohne Umstimmen spielen können, was aber dem Klangcharakter nicht entsprochen hätte. Da mir leider eine Barockgitarre nicht zur Verfügung stand, habe ich mich entschlossen, die Einspielung auf einer Renaissancelaute vorzunehmen, da das klangliche Resultat dem Originalklang wesentlich näher kommt als eine modernen Gitarre.

Im übrigen habe ich die Schreibweise der einzelnen Satzbezeichnungen wie im Manuskript vorkommendend beibehalten und nicht auf den heute üblichen Stand gebracht.

Die Tabulatur wurde erstmals teilweise 1958 von Josef Klima in Übertragung auf reguläre Notation herausgegeben, später noch einige Stücke von Karl Scheit.

 

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Anmerkungen zur Vervollständigung

 

Da, wie erwähnt, einige Blätter fehlen, sind manche Stücke unvollständig. Es gab hier die Möglichkeit, die Stücke unvollkommen einzuspielen und somit plötzlich zu beenden, respektive mittendrin anzufangen; die zweite Möglichkeit wäre gewesen, die unvollständig überlieferten Stücke wegzulassen, was Schade gewesen wäre; die dritte von mir gewählte Möglichkeit war, die Stücke behutsam zu vervollständigen und somit spielbar zu machen.

Es fehlen die Seiten 19 -24, sowie 29, 35, 37 und 43, was zur Folge hat, daß die Allamande (Nr. 31) ihr Ende eingebüßt hat, das nächste erhaltene Stück (Nr. 32, vermutlich eine Chaconne) keinen Anfang hat und Nr. 41 (Caplan) wieder kein Ende.

Daher weist Nr. 31 zwei von mir hinzukomponierte Takte am Ende auf, Nr. 41 wurde um fünf Takte ergänzt.Die Trezza Nr 54 (im 4/4-Takt!!!) wurde nur um den letzten Akkord ergänzt, der zweite Teil des Stückes fehlt leider komplett, daher habe ich hier nichts ergänzen können und beschlossen nur den ersten Teil aufzunehmen. Das darauffolgende Fragment (Nr.55) könnte ein Menuet sein und verlangte nach einem ersten Teil (4 Takte mit Wiederholung) sowie zwei Achtelnoten am Beginn des zweiten Teils, die auch fehlten. Die Allemande (Nr.56) wurde um sechs Viertelnoten am Ende ergänzt. Bei der Allemande konnte ich übrigens nicht an mich halten und habe, was ich sonst eigentlich ablehne, im 19. und 20. Takt (nach ca.50 Sekunden auf der CD) die Bassführung durch Oktavierung nach unten so gelegt, wie sie eigentlich Sinn macht. Dieses wäre auf der Barockgitarre natürlich wegen der nur fünf vorhandenen Saiten nicht möglich gewesen und ist deshalb im Manuskript so auch nicht notiert. Das Ergebnis ist aber eine tief nach unten führende Linie, wie sie wohl gedacht ist.

Da Blatt Nr 43 auch verschollen ist, musste die Guigue Nr.66 um zweieinhalb Takte vervollständigt werden. Vom nachfolgenden Stück im 4/4-Takt sind leider nur sechs Takte erhalten, was für eine Vervollständigung leider zu wenig war und ich dieses Fragment weglassen musste. Vermutlich handelte es sich hierbei aber um den Beginn der 3.Suite, da auch die Überschrift dazu ("3.Partie" o.ä.) fehlt. Diese Stück war also eine "Entrée" oder etwas ähnliches.Das Ende der zweiten Suite wäre demnach die Guigue Nr.66 gewesen.

Bei Nr. 75 (Double) fehlen offensichtlich durch einen Abschreibfehler im zweiten Teil die Takte 5, 6 und 7, wie ein Vergleich mit dem ersten Teil dieses Stückes zeigt, diese habe ich mir auch erlaubt einzufügen. Ich bitte, mir diese Eingriffe nachzusehen und zu Bedenken, daß die fragmentarisch erhaltenen Tänze ansonsten hier nicht vorgelegt hätten werden können, was wirklich schade gewesen wäre.

Das Instrument ist eine 8-chörige Renaissancelaute (Nachbau eines historischen Instrumentes von Tieffenbrucker) von Frank-Peter und Markus Dietrich in g-Stimmung (417 Hz).

 

Herzlichen Dank an die österreichische Nationalbibliothek, insbesondere an Beate Neunteufel-Zechner für die Unterstützung und Hilfe bei den Recherchen,die zur Realisierung dieses Projektes führten.

 

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Die Inhaltsangabe des Manuskriptes

auf CD 1

1. Menuet 2. Sarabande 3. Salome 4. Aria 5. Menuet 6. Entrée 7. Menuet 8. Gavotte 9. Double 10. Menuet 11. Menuet 12. Aria con Variatione 13. Chaconne 14. Chaconne 15. Menuet 16. Aria 17. Menuet 18. Sarabande 19. Aria 20. Menuet 21. Menuet 22. Schmitt Courante 23. Allamande 24. Courante 25. Menuet 26. Gavotte 27. Menuet 28. Echo 29. Gavotte 30. Aria 31. Allamande 32. Chaconne (?) 33. Trezza 34. Bourée

 

auf CD 2

35. Menuet 36. Menuet 37. Menuet 38. Menuet 39. Menuet 40. Menuet 41. Caplan 42. Menuet 43. Bourée 44. Gurte Nacht 45. Sarabande 46. Gavotte 47. Menuet 48. Aria 49. Menuet 50. Bourée 51. Aria 52. Guigue 53. Sarabande 54. Trezza 55. Menuet (?) i Partie: 56. Allemande 57. Menuet 58. Sarabande 59. Menuet 60. Aria 61. Menuet

 

auf CD 3

2: Partie: 62. Entrée 63. Amener 64. Aria 65. Aria 66. Guigue 3eme Partie (?): 67. Menuet (?) 68. Gavotte 69. Paspiet 70. Sarabande 71. Menuet 72. Guigue 4tr Partie: 73. Intrada 74. Bourée 75. Double 76. Menuet 77. Passepiet 78. Gavotte 79. Menuet Angloise 80. i. Menuet 81. 2. Menuet 83. 3 Menuet 84. 4 Menuet 85. 5 Menuet 86. 6 Menuet 87. 7 Menuet 88. 8 Menuet 89. 9 Menuet 90. i0 Menuet 91. ii Menuet 92. i2 Menuet

 

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Kritischer Bericht durchgeführter Änderungen und Berichtigungen

(Tonhöhen in Tabulaturzeichen, d.h. a=leere Saite, b = I. Bund...), T=Takt

 

2 Sarabande

T 12 3. Viertel Melodie c hinzugefügt

9 Double

T 4 4. Viertel: statt Original 1/8 3.Saite a/ 4.Saite d - 3.Saite 1/16a 4.Saite 1/16d, 1/16c 1/16 a

14 Chaconne

letzter Akkord: Grundton um eine Okatve nach unten oktaviert

19 Aria

T 17 4.Saite 1. 1/4 c hinzugefügt

31 Allamande

2 Takte am Ende hinzugefügt (Fol.19-24 fehlen)

34 Bouree

T 6 letzte Note 1/4, ab T7 wieder 1/8
T14 vierte Note wegen der Bassführung eine Oktav nach unten oktaviert

41 Caplan

die letzten 5 Takte ergänzt, da Fol. 29 fehlt

43 Bourée

T 14 3. 1/4 um eine Okt. nach unten versetzt, wegen Bassführung, Rhythmusnotation in T 6 fehlt offensichtlich 1/4, festgesetzt auf letzter Note im Takt

44 Gurte Nacht

T3 offensichtlich fehlt auf erster 1/4 ein Viertelnotenzeichen

45 Sarabande

vorletzter Takt fehlt offensichtlich 1/8 Rhythmuszeichen

46 Gavotte

drittletzter Takt a auf zweiter Saite muß wohl auf dritter sein

47 Menuet

da Capo hinzugefügt

49 Menuet

T12 letzter Akkord statt Oktavlage Terzlage (wegen der Melodieführung)

53 Sarabande

T5 fehlt Rhythmuszeichen 1/4 (auf erster Zählzeit?)

54 Trezza

unkomplett, zweiter Teil fehlt erster Teil durch letzten Akkord ergänzt

55 Menuet (?)

erster Teil hinzukomponiert (4 Takte mit WH), 2 Achtel am Beginn des zweiten Teils ebenso

56 Allemande

Rhythmus T2 statt <1/4 1/8 1/8 1/4> wohl eher lauter 1/4 (siehe T7!)
T 13 5.7.und 8. Achtel eine Oktav nach unten versetzt (Bassführung), ebenso T 14 erste Bassnote
letzte 5 Akkorde ergänzt (Fol.37 fehlt)

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