Der Pfarrer von Ars

Sein Leben und sein Wirken

Diplomarbeit zur Erlangung des Magisteriums der Theologie von Roland Biermeier

[Zur Information: Die Fußnoten konnte ich voerst aus zeitlichen Gründen nicht angeben!
Gerne schicke ich allen Interessierten die Datei als word-Dokument via e-mail zu: Mag. Roland Biermeier ]

"Seht, meine Kinder, wir müssen bedenken, daß wir eine Seele haben, die wir retten müssen, und eine Ewigkeit, die uns erwartet. Die Welt, ihre Reichtümer, Vergnügungen und Ehren werden vergehen; Himmel und Hölle werden niemals vergehen. Seid deshalb wachsam!"

INHALTSANGABE

I.) VORWORT


II.) DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION UND IHRE AUSWIRKUNGEN

1. Einführung
2. Die zeitbedingten Geisteströmungen
a) Die Aufklärung
b) Die Aufklärung und ihre französischen Vertreter
3. Die französische Revolution
a) Die Vorgeschichte - Zeitalter des Absolutismus
b) Der Ausbruch der Revolution
c) Die zweite Phase der Revolution
d) Die dritte Phase der Revolution

III.) DAS LEBEN DES PFARRERS VON ARS


1. Einführung und Vorgeschichte
2. Die Geburt und die Kindheitsjahre von Johannes-Maria Vianney
3. Die Jugendjahre und der Wunsch des Priesterberufs
4. Der Leidensweg der Priesterausbildung und die Einziehung zum Militär
5. Der Deserteur und der mühsame Weg zur Priesterweihe
6. Der junge Priester und die Berufung nach Ars
7. Der Einzug in Ars
8. Ars
9. Der Aufbau der Gemeinde von Ars
A. Gebet
B. Buße
Exkurs: Der Jansenismus
10. Der Pfarrer von Ars und seine Kirche
11. Der Pfarrer von Ars und das Tanzen
12. Das Entstehen der Gebetsgemeinschaften und die Kinder von Ars
13. Das Bekanntwerden seines Wirkens durch das Beichthören
14. Der Predigtdienst und die Katechesen
15. Die Providence
16. Grappin
17. Der große Angriff und die Pfarrmission
18. Ars ist nicht mehr Ars
19. Die heilige Philomene
20. Das Wunder von Ars
21. Die Krankheit des Jahres 1843
22. Die Flucht von Ars
23. Zwischen dem Kreuz und Wundern
24. Der Pfarrer von Ars und die Marienerscheinungen von La Salette
25. Ehrungen, der letzte Fluchtversuch und das Zeichen der Madonna
26. Die letzten Jahre (1854-1858)
27. Das Spiel ist aus - 4. August 1859
28. Der heilige Pfarrer von Ars

IV.) DIE SPIRITUALITÄT DES PFARRERS VON ARS

Einführung
a) Das Gebet
b) Die Liebe Gottes und die Liebe zu den Mitmenschen
c) Das Kreuz
d) Die Trinität - Der heilige Geist
e) Die Eucharistie
f) Demut
g) Die Lauheit
h) Die Heiligkeit
i) Die Muttergottes

V.) SCHLUSSBEMERKUNGEN

a) Das Gründonnerstagsschreiben von Johannes Paul II.
b) Persönliche Anmerkungen
VI.) AUSGEWÄHLTE BILDER
VII.) LITERATURLISTE

I. VORWORT

Warum schreibt man eine Diplomarbeit über den Pfarrer von Ars? Vor einigen Jahren bekam ich durch Zufall ein Buch über den Heiligen Pfarrer von Ars von Hünermann in die Hand. Dieses in Romanform geschriebene Werk berichtete in einer Art und Weise über diesen Menschen, daß es einen nicht mehr losläßt. So wurde ich "in den Bann" dieses Buches gezogen. Zur gleichen Zeit hörte ich von einem Freund, daß er ebenfalls dieses Buch gelesen hat. Bei einem Gespräch beschlossen wir nach Ars zu pilgern. Gesagt, getan.

Im darauffolgenden Sommer reisten wir mit einigen anderen Freunden nach Frankreich und nach Ars. Die Faszination dieses Ortes liegt nicht darin, daß dort "viel los ist", wie vielleicht in anderen großen Wallfahrtsorten, wie zum Beispiel Lourdes oder Fatima. Die Faszination - die uns alle gepackt hatte - liegt darin, daß sich dieser Ort seit dem Tod des Heiligen Johannes Maria Vianney im Jahre 1859 nur unwesentlich verändert hat und daß man nach wie vor das Geheimnis des Heiligen dort spüren kann.

Der ägyptische Mystiker Henri Boulad charakterisiert in dem Buch "Zeugnis der Wahrheit" vielleicht am treffendsten Johannes Maria Vianney, indem er meint: "Der Pfarrer von Ars hat mich damals sehr erschüttert, zutiefst, das kann ich wohl sagen, und seitdem blieb er für mich "das" Priesterideal überhaupt. Dieser Heilige ist heilig und das im tiefsten Sinn des Wortes, wirklich authentisch heilig".1

In der nachfolgenden Arbeit möchte ich daher den Versuch unternehmen, das Leben des Heiligen und sein Wirken auf gestern und auf heute zu beleuchten. Da ich diese Arbeit im Rahmen des Faches "Kirchengeschichte" schreibe, werde ich systematisch auch den geschichtlichen Hintergrund des Pfarrers von Ars - vor allem die Französische Revolution - darstellen und anschließend im Hauptteil das Leben des Heiligen zu bearbeiten versuchen. Im abschließenden dritten Teil möchte ich auch einen Einblick in die Spiritualität des Johannes Maria Vianney geben.

II. DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION UND IHRE AUSWIRKUNGEN

1. Einführung

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Mit diesen Schlagworten wurde vor mehr als 200 Jahren die Französische Revolution eingeleitet. Daß diese Schlagworte in der Praxis einen wahren Blutrausch auslösten, der sich vor allem auch gegen das Christentum richtete, ist ein historisches Faktum. Warum kam es aber zur französischen Revolution? Was war ihre Vorgeschichte? Welche Auswirkungen gab es? Diese und andere Fragen versuche ich nun, im Umfeld der geschichtlichen Orientierung zu beantworten.

2. Die zeitbedingten Geistesströmungen

a.) DIE AUFKLÄRUNG:

"Die Französische Revolution und ihre nur wenig ältere Schwester, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, sind unauflöslich mit dem Zeitalter der Aufklärung verbunden."2 Die geistige Vorgeschichte begann bereits mit dem Auftreten Voltaires, Rousseaus und anderen aufklärerischen Zeitgenossen.

Die Aufklärung entstand aber nicht in Frankreich, sondern bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Holland, wo so bedeutende Denker wie René Descartes(1596 - 1650), Baruch de Spinoza(1632-1677) und Pierre Bayle (1647-1706) wirkten. Spinozas Bibelkritik und die Ablehnung der monarchischen Ordnung, Bayles Kreation der unbedingten Glaubensfreiheit, Descartes'Erkenntniskritik und seine Verkündigung einer mechanistischen Naturerklärung erschüttertenn das von Religion, Theologie und einer daran orientierten Hierarchie geprägte Weltbild zutiefst. Besonders interessant erwies sich der philosophische Ansatz Descartes, der durch den Zweifel das "Ich" bestätigt sah. "Descartes stößt durch den Zweifel schließlich auf das Evidenteste und Unzweifelhafte: das Selbstbewußtsein. Selbst im Zweifel muß das Ich vorausgesetzt sein: 'Alsbald machte ich die Beobachtung, daß während ich so denken wollte, alles sei falsch, doch notwendig ich, der das dachte, irgend etwas sein müsse, und da ich bemerkte, daß diese Wahrheit 'ich denke, also bin ich' so fest und sicher wäre, daß auch die ... Skeptiker sie nicht zu erschüttern vermöchten, so konnte ich sie meinem Dafürhalten nach als das erste Prinzip der Philosophie, die ich suchte, annehmen.'

Das Selbstbewußtsein des Subjekts ist also das Fundament, auf dem Descartes alle weitere Philosophie aus einem Guß aufbauen will." Diese aufkommende philosophische Skepsis sprang bald auf England, Frankreich und - verspätet - auch auf Deutschland über. In England waren bedeutende Vertreter John Locke (1632-1704) und Isaac Newton (1643 - 1727). Die bedeutendsten Vertreter der Aufklärung in Deuschland war Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646 - 1716), den Friedrich der Große "eine Akademie für sich" nannte, Christian Thomasius (1655 - 1728), Christian von Wolff (1679 - 1754) und vor allem aber auch Immanuel Kant (1724 - 1804). Kant bezeichnete 1784 die Befreiung und Mündigkeitserklärung des autonomen Menschen, der befähigt sei, "sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen", als Ziel der neuen Bewegung.

b) Die Aufklärung und ihre französischen Vertreter

Während die Aufklärung in Deutschland vorerst keine religionsfeindlichen und umstürzlerischen Tendenzen zeigt, sollte sie in Frankreich weit dramatischere Reaktionen hervorrufen. Charles de Montesquieu (1689 - 1755), Francois Marie Voltaire (1694 - 1778), Jean Jacques Rousseau (1712 - 1778), Denis Diderot (1713 - 1784), Jean-Baptiste d'Alembert (1717 - 1783) und Gabriel Mirabeau (1749 - 1791) sind nur einige der wichtigen Vertreter.

Das erste politsche Aufsehen erregte Montesquieu 1748 mit seiner Schrift "De l'Esprit des lois" ("Vom Geist der Gesetze"), worin er, ausgehend von der englischen Verfassung, den Absolutismus verwirft und in einer konstitutionellen Monarchie die "Gewaltenteilung" (Legislative, Exekutive, Jurisdiktion) auf verfassungsmäßiger Grundlage fordert; den ständischen Vertretern sollte die legislative, dem Herrscher die exekutive Funktion zukommen, die Gerichtsbarkeit von beiden unabhängig sein.

Dieser naturrechtliche Ansatz, das heißt, daß gewisse Dinge nicht positivistisch bestimmbar sind, erwies sich für die Rechtswissenschaft von großer Bedeutung.

"Der größte Philosoph der Aufklärung" war Voltaire. Eine Zeitlang stand er in engen Beziehungen zu Friedrich II., dem Preußenkönig. Später zog er sich, als er die Gunst von Ludwig XV. verlor, nach Ferney an der Grenze zur Schweiz zurück. Mit bürgerlichem Namen hieß er Francois Marie Arouet; die leidenschaftliche Schärfe seiner Argumentation und Polemik trügt ein wenig - "in der Tat ist er ein äußerst toleranter Geist und Feind jeder Gewalt".

Zwanzig Jahre lang war er der unbestrittene geistige Führer nicht nur Frankreichs. "Voltaire ist die vollkommenste Verkörperung der Aufklärung, ihrer kämpferischen Vernunftidee, ihrer Eleganz und ihrer Verbindung von konstruktiven Theorien mit praktischem Interesse an der Förderung menschlicher Wohlfahrt." In seinen philosophischen, historischen und dramatischen Werken(Artémise, Hérode et Mariamne, Brutus, Alzire, L'enfant prodigue u. a.) griff Voltaire jede Art von absoluter Autorität an, ganz besonders aber die katholische Kirche und schließlich das Christentum überhaupt. Sein Schlachtruf lautete: "Ecrasez l'infame" (Zerschlagt die Infame[die Kirche nämlich]).

Voltaire sah in der Religion die Wurzel aller Intoleranz, der Unfreiheit, der Verfolgung und der Ungerechtigkeit. Den Großteil der historischen Religionen sieht Voltaire als Aberglauben an. Sie sind zu läutern zugunsten einer vernünftigen Religion, die die Moral fördert. "Daß Gott ist, ergibt sich aus der Schöpfung, doch seine Attribute bleiben unerkennbar". Voltaire rückt in die Nähe einer deistischen Position.

Nach dieser typisch aufklärerischen Gottesvorstellung ist Gott Schöpfer der natürlichen Ordnung, greift aber nicht mehr in diese Ordnung ein.

Ein ähnliches Ansehen in und außerhalb Frankreichs genoß damals nur mehr ein anderer Philosoph, nämlich Jean Jacques Rousseau (1712-1778). Rousseau stammte aus Genf und begann sich schon sehr früh gegen soziale Ungerechtigkeiten zu engagieren. 1750 beginnt er mit bahnbrechender Kulturkritik. Seine Forderung "Zurück zur Natur" war dahingehend zu verstehen, daß er von einem glücklichen naturhaften Zustand des Menschen ausging. Alles Gute kommt von der Natur und alles Übel von der Zivilisation.

1761 und 1762 folgen seine Werke "Die neue Heloise" und "Emile". Sie beschreiben einen "neuen Menschen" und seine der Natur gemäßen Erziehung in bisher ungewohnter Sicht. Ihr Einfluß auf die klassische und romantische Literatur der Welt ist enorm. Unerschütterlich glaubt Rousseau an die ursprüngliche Güte des Menschen, wovon ihn auch die vielen anderslautenden persönlichen Erfahrungen nicht abbringen.

1762 erschien sein berühmter "Du Contrat social" ("Der Gesellschaftsvertrag"), in dem sich die Angehörigen einer Gemeinschaft unterstellen: "Jeder von uns unterstellt der Gemeinschaft seine Person und alles, was sein ist, unter der höchsten Leitung des Gemeinwillens."

Rousseau wurde einerseits zu einem der Hauptwegbereiter der französischen Revolution und der späteren Romantik, andererseits aber zu einem der ersten Kritiker der Aufklärung, wie es in seinen autobiographischen "Confessions", die posthum 1781 erschienen sind, zu lesen ist.

Diese gewaltige Strömung der Aufklärung - die durchaus nicht generell zu verurteilen ist - wirkte sich natürlich auch auf die Kirche des 18. Jahrhunderts aus. Nicht wenig gläubig gesinnte Kirchenmänner und Laien unternahmen den Versuch, die längst fällige Kirchenreform im Geist der Aufklärung durchzuführen. Auch die Reformen von Maria Theresia und Joseph II. waren vom guten Willen getragen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren fast alle deutschen Bischöfsstühle mit sogenannten "aufgeklärten" Prälaten besetzt.

Die meisten von ihnen waren tadellose, ebenso gebildete wie gläubige Träger dieses Amtes. "Leider hat die rücksichtslose, übertriebende Kritiksucht mancher dieser katholischen Aufklärer die ganze Bewegung in Mißkredit gebracht und der Kirche geschadet. Doch sind diese als Außenseiter zu betrachten."

Daß an sich gute und berechtigte Ansätze und Ideen in der Praxis auch des öfteren sich ins Gegenteil - das heißt ins Negative - wenden, zeigt uns die Französische Revolution.

2. DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION

a) Die Vorgeschichte - Zeitalter des Absolutismus

Nach dem Tode von Kardinal Jules Mazarin (1602-1661) - des Nachfolgers von Armand Jean Richelieu (1585-1642) - begann 1661 mit der Machtübernahme durch Ludwig XIV. (1643-1715) die Glanzzeit des französischen Absolutismus. Der "Sonnenkönig" expandierte auf allen Ebenen die Macht Frankreichs. Mit der Vergrößerung des französischen Heeres und der Kriegsflotte begann ein Ausbau des französischen Kolonialreiches(Kanada, Louisiana, Westindien).

Durch verschiedene Eroberungen gewann Frankreich das südliche Flandern und die Freigrafschaft Burgund. Gegenüber dem Papsttum vertrat Ludwig XIV. 1682 die Selbstständigkeit, indem er die "Vier gallikanischen Artikel" feierlich im Namen des französischen Klerus proklamierte.

In diesen "Gallikanischen Artikeln" ging es vor allem um folgende Punkte:

1. Die Päpste haben von Gott nur eine geistliche Gewalt bekommen, die Könige sind in weltlichen Dingen keiner kirchlichen Gewalt unterworfen.
2. Die Vollgewalt des Papstes ist beschränkt durch ein Allgemeines Konzil.
3. Die Ausübung der päpstlichen Gewalt ist geregelt durch die kirchlichen Rechtsbestimmungen. Daneben müssen aber auch die seit alters her bestehenden Grundsätze und Gewohnheiten der gallikanischen (=französischen) Kirche in Kraft bleiben.
4. Bei Entscheidungen in Glaubensfragen hat der Papst zwar den vorzüglichen Anteil. Aber seine Entscheidung ist ohne die Zustimmung der Gesamtkirche nicht unabänderlich.

Zwar nahm Ludwig sie bald darauf zurück, in der Praxis aber blieben sie bestehen und behielten in Frankreich bis ins 19. Jahrhundert Kraft. Erst das 1. Vatikanische Konzil hat sie mit dem päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma überwunden.

Sein Nachfolger war Ludwig XV. (1715-1774), der aber zum Zeitpunkt der geplanten Thronübernahme erst fünf Jahre alt war, sodaß vorerst Philipp von Orleans, ein Neffe Ludwigs XIV., die Macht übernahm. Intrigen, Korruption waren an der Tagesordung. 1723 kam nun Ludwig XV. wirklich an die Macht. Er hat neben geringen Eroberungen (Korsika 1768) wertvolle Kolonien in Nordamerika und Ostindien verloren. Im Inneren führte Ludwig XV. eine Regierung der Willkür, Verschwendung und Mätressenherrschaft.

Um so mehr wuchs die Kritik an den Mißständen der absoluten Monarchie, des Ancien Régime, wie es - wie bereits gesagt - durch Montesquieu und Voltaire geschah. 1774 starb Ludwig XV. Mit dem Nachfolger - Ludwig XVI. (1754 - 1793) wurde die letzte Phase vor der französischen Revolution eingeleitet.

Die Unfähigkeit und geringe Autorität der beiden Könige Ludwig XV. und Ludwig XVI. (1774-1792) vermochte nicht mit den aufziehenden Veränderungen und aufbrechenden Krisen fertig zu werden. Zaghafte Reformversuche scheiterten oder blieben im Sumpf der Korruption stecken.

Gegen Ende der 80er Jahre bricht eine gefährliche Wirtschafts- und Agrarkrise aus. Die Staatsschuld steigt ins Unermeßliche. Die soziale Unzufriedenheit entzündete sich an den vom Absolutismus geschonten Standesvorrechten des Adels und der katholischen Geistlichkeit; das aufstrebende Bürgertum, der "Dritte Stand" , fühlte sich zurückgesetzt.

Die politischen Wünsche richteten sich immer mehr auf eine liberale Verfassung nach englischem Vorbild. Schließlich sollten die Generalstände, die seit 1614 nicht mehr versammelt worden waren, den Staat reformieren; sie traten am 5.5.1789 zusammen. Damit war die Bewegung ausgelöst, die zur Großen Revolution führte.

b) Der Ausbruch der Revolution

Exkurs: Was ist der Dritte Stand?
Abbé Graf Sieyès (1748 - 1836), einer der bedeutenden Theoretiker der Revolution, verfaßte im Januar 1789 die berühmt gewordene Flugschrift "Was ist der Dritte Stand?", die man als Gründungsdokument des Politischen Bürgertums nennen könnte.

Die Präambel lautet: "Der Plan dieser Schrift ist ganz einfach. Wir haben uns drei Fragen vorzulegen:
1. Was ist der Dritte Stand? Alles.
2. Was stellt er in der politischen Ordnung bisher dar? Nichts.
3. Was fordert er? Etwas zu sein!"
Daran schließt Sieyès eine eloquente Darlegung, "was dem Dritten Stand zu tun bleibt, um den Platz einzunehmen, der ihm gebührt".

Im April 1789 stand der Staat wieder einmal vor dem Bankrott - dem 56. seit der Herrschaft Heinrichs II. (1547 - 1559)! Doch diesmal war der Hintergrund ein anderer. Die Ideen der Aufklärung waren bis ins kleinste Dorf vorgedrungen und die Revolution schien unaufhaltbar.

Am 5. Mai 1789 traten in Versailles die Generalstände zum ersten Mal seit 1614 zusammen. Die "Etats généraux" (Generalstände) waren eine Versammlung der Vertreter aller Provinzen, worin der Klerus, der Adel und ab 1302 auch der 3. Stand Abgesandte stellten. Der 3. Stand stellte 621 Abgeordnete, der Klerus 308 und der Adel 285. Von den kirchlichen Deputierten waren fast zwei Drittel niedriger Herkunft.

Die meisten davon vereinigten sich bald mit dem 3. Stand. Parteien im heutigen Sinne gab es noch nicht, es handelte sich vielmehr um ein ganzes Kaleidoskop von Bewegungen, deren Zentren zumeist Logen, Clubs und ähnliche Zusammenschlüsse bildeten. Eine der bedeutendsten war die berühmte "Gesellschaft der Dreißig" (Les Trentes). Darunter befanden sich so berühmte Persönlichkeiten wie zum Beispiel La Fayette, der Held aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der Graf Mirabeau, der als einer der ersten sich dem 3. Stand anschloß, oder auch Robespierre, der Advokat aus Arras.

Frankreich zählte zu dieser Zeit 24,7 Millionen Menschen, mehr als 95 Prozent waren dem 3. Stande zugerechnet. Nach den Regeln der Generalstände wurde jedoch nicht nach Köpfen, sondern nach Ständen abgestimmt. Die Bürger erblickten darin eine große Ungerechtigkeit. In der beginnenden Versammlung war vorerst alles noch in Harmonie. Doch als Ludwig XVI. In seiner Eröffnungsrede nach Steuererhöhungen verlangte, gab es die ersten Unruhen. Am nächsten Tag begann der Kampf der Klassen. Adel und Klerus zogen sich zu Beratungen zurück.

Indessen wurden die Beratungen des 3. Standes durch organisierte Kundgebungen pro und contra beeinflußt. Der 3. Stand weigerte sich, an diesem Verfahren weiterhin teilzunehmen und bestand auf Abstimmungen nach Kopfzahl. Inzwischen stieg der Brotpreis weiter an und als Folge auch die Unruhen. Paris hallte wider von revolutionären Parolen.

Die Deputierten des Dritten Standes mußten etwas unternehmen, da es ja in erster Linie ihr Potential war, das rumorte. Am 17.6.1789 erklärten sich die Deputierten zur "Nationalversammlung" und wählten aus ihrer Mitte Bailly zum Präsidenten, hoben die Vorrechte der obersten Klasse auf, schränkten die absolute Monarchie ein und begannen über eine Verfassung zu diskutieren. "Der 3. Stand hat das Recht und die Macht der Umstände auf seiner Seite. Er wird allmählich alle drei Stände zu einem einzigen vermengen und alle Unterscheidungen in ein System allgemeiner Freiheit und Gleichheit aufgehen lassen", proklamierte die Zeitung "Patriote francais".

Wie aber reagierte auf dies alles nun der König? Ludwig XVI. wollte dem Spuk ein Ende bereiten. Vorerst ließ er den "Salle des Menus Plaisirs", wo sich der 3. Stand traf, schließen. Doch dieser wich in den Ballhaussaal aus. Am 23. Juni wurden die Generalstände wieder einberufen.

Der König hielt in einer Rede an den Rechten des Königs und des ersten Standes fest und beurteilte die "Nationalversammlung" als illegal. Anschließend wollte der König durch seinen Zeremonienmmeister den Saal räumen lassen, was aber nicht gelang, da sich inzwischen auch immer mehr Deputierte des ersten und zweiten Standes auf die Seite des dritten Standes schlugen.

Als sich schließlich der König nicht durchsetzen konnte, erklärte sich die "Nationalversammlung" am 9. Juli zur "Assemblée nationale constituante" (Verfassungsgebende Versammlung). Doch selbst in diesem Augenblick reagierte der König äußerst ungeschickt, indem er im Raume Versailles-Paris sechs Regimenter (20.000 Mann) zusammenzog. Der König wollte weiterhin an seiner Macht festhalten.

Die Erzürnung des Volkes wurde immer größer, bis schließlich am Morgen des 14. Juli 1789 der berühmte Sturm auf die Bastille begann. Zuerst bemächtigte sich die wildgewordene Menge der Waffen, um anschließend die Bastille zu demolieren. "Das alles geschah - und das ist wirklich bewundernswert - ohne sichtliche Anführerschaft und lief dennoch wie nach Plan ab".

Als der König sah, daß er gegen das ganze Volk nichts ausrichten konnte, begab er sich in die nachbarschaftliche Nationalversammlung und ergab sich deren Willen. Auch das Heer wurde auf Befehl Ludwigs XVI. Zurückgezogen. Der König stand ab nun "unter der Macht des Volkes". Die Revolution, die von Paris ausging, verbreitete sich bald auf ganz Frankreich. Schlösser und Abteien wurden angezündet und geplündert, und ein Teil des Adels begann zu emigrieren.

Noch im August kommt es in der Nationalversammlung durch freiwilligen Verzicht der Priviliegierten zur Aufhebung des Feudalsystems. Die Leibeigenschaft wird abgeschafft und die steuerliche Gleichstellung eingeführt. Mirabeau, Sieyès und La Fayette entwerfen unter Mithilfe des amerikanischen Gesandten Thomas Jefferson eine Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte. Die persönliche Freiheit, Gedanken-, Rede- und Pressefreiheit werden geschützt. Der König allerdings verweigerte diesen Augustdekreten seine Zustimmung. Dazu kamen ihm die Unstimmigkeiten unter den Ständen sehr gelegen.

Doch diese Hoffnung war vergebens. Inzwischen wurde die Lage selbst für die Bevölkerung nicht besser, der Hunger konnte nicht gestillt werden. Am 5. Oktober kommt es anläßlich einer Provokation der Leibgarde - sie reißen die blau-weiß-roten Revolutionskokarden herunter - zum "Marsch nach Versailles". Vor allem Frauen belagerten das Schloß und forderten den König auf, nach Paris zu kommen. Am 6. Oktober marschierte schließlich der König und sein Stab nach Paris, um fortan dort zu residieren. Die Dinge, die nun folgen sollten, wurden durch einen fast prophetischen Kommentar von Mirabeau skizziert: "Wer wüßte nicht, daß der Übergang vom Bösen zum Guten oft schrecklicher ist als das Übel selbst?"

c) Die zweite Phase der Revolution

Vorerst wurde die Politik etwas ruhiger, die Nationalversammlung bemühte sich "Gesetze zu produzieren". Inzwischen wurde das Geld immer knapper, sodaß eine der Ideen von Bischof Talleyrand aufgegriffen wurde, nämlich die Beanspruchung des kirchlichen Vermögens. Dieser Antrag wurde mit 568 gegen 346 Stimmen bald in die Tat umgesetzt. Diese Maßnahmen wurden naturgemäß von Papst Pius VI. mißbilligt.

Pius VI. belegte auch alle Geistlichen mit dem Kirchenbann, die den Eid auf die Verfassung geleistet haben. Dennoch kamen mehr als die Hälfte der Geistlichen diesem Eid nach, von den Bischöfen jedoch nur 7 von 160 . Die Kirche Frankreichs wurde zu einer Staatskirche, die Priester wurden vom Staat bezahlt und der Papst hatte de facto nichts mehr zu sagen. Dies sollte zwischen dem Papst und Frankreich zu einem lang anhaltenden Kulturkampf führen.

Es kam auch zu einer neuen Einteilung Frankreichs und zu einem neuen Wahlrecht. Entgegen der Anforderungen (Freiheit und Gleichheit) wurde dieses Wahlrecht ein Zensuswahlrecht, das alle, die kein Geld hatten, davon ausschloß. "So trat an die Stelle der einstigen Hegemonie des Adels eine neue der Geldaristokratie."

Dadurch kam es nun zu einem merkwürdigen Bündnis zwischen dem durch die Revolution an die Macht gekommenen Bürgertum, das nun Geld besaß, und dem traditionellen Machtfaktor des Adels. Man kann dabei sehen, daß "das revolutionäre Feuer nicht ewig brennt"

Im Parlament saßen nun folgende Gruppen:
* Der Rest an "Royalisten".
* Die "Girondisten", die zunächst die Mehrheit besaßen.
* Die "Montagnards" (Bergpartei), die sich vor allem aus dem Jakobinclub rekrutierten und Reformer waren. Darunter waren die bekannten Männer Robespierre, Marat und Danton.

Wichtiger als die Fraktionen waren aber die Clubs, unter ihnen vor allem die Jakobiner. Die Jakobiner hatten ihre Residenz in einem Kloster; sie nannten sich auch "Gesellschaft der Verfassungsfreunde" und verlangten eine immense Gebühr, wenn man Mitglied werden wollte. Ihre Organisation erstreckte sich über ganz Frankreich und erwies sich als enorm effizient. Einer ihrer Gründer war La Fayette, später allerdings wurde Robespierre der Führer. Nach seiner Hinrichtung wurde 1794 der Club geschlossen.

Inzwischen sollte die Französische Revolution einen internationalen Charakter bekommen. Die Brüder der Königin Marie-Antoinette (1755-1793), Josef II. (1741-1790) und Leopold II. (1747-1792), sollten zu einer Intervention in Frankreich bewegt werden. Am 20. Juni versuchte die köngliche Familie aus Paris zu flüchten, wurde aber bald erkannt und nach Paris zurückgebracht.

Die Volksmassen glaubten an einer Konspiration zwischen Ludwig und dem Ausland, sodaß man 100.000 Freiwillige an die Grenzen schickte und Schlösser und Herrenhäuser anzündete. Der König wurde durch seine Fluchtaktion nicht unbedingt beliebter. Am 3. September 1791 trat die (konstitutionelle) Verfassung in Kraft und der König legte wieder einmal seinen Eid auf sie ab. Die neue Verfassung erließ Sanktionen gegen die Emigranten und gegen den eidverweigernden Klerus. Noch immer hofften der König und die Royalisten auf den Zusammenbruch der Revolutionisten.

Am 20. April beschloß die Gesetzgebende Versammlung auf Antrag des Königs, Österreich den Krieg zu erklären. Dieser Konflikt sollte bis 1797 dauern. Die Alliierten unter Leitung des Herzogs von Braunschweig wollten die volle Autorität Ludwigs XVI. wieder herstellen. Inzwischen beschloß die Versammlung die Auflösung der Nationalgarde und die Mobilisierung von 20.000 Mann, die der Revolution ergeben waren, vor Paris. Außerdem wurden aufsässige Priester deportiert. Der König legte zwar sein Veto dagegen ein, was aber nichts nützte, da am 11. Juli 1792 die 19 Notstands-Artikel in Kraft traten, die das königliche Veto ausschalteten.

Aus dem Hintergrund organisierten Danton, Marat und Desmoulins die "Erhebung des 10. August", den Sturm auf die Tuilerien. Das war diesmal wirklich ein kunstfertig geplanter Aufstand. Ludwig floh mit seiner Familie zur Gesetzgebenden Versammlung. Die Abgeordneten aber beschlossen eine "einstweilige Amtsenthebung Ludwigs XVI." Für den 20. September wurde der Nationalkonvent einberufen. Inzwischen sollte es ein "Provisorisches Kabinett" geben, dem erstmals ein Jakobiner, nämlich Danton, angehörte.

Inzwischen brach das Königtum zusammen, der König wurde als gewöhnlicher Gefangener betrachtet. Man forderte seinen Kopf. Schlechte Nachrichten von der Kriegsfront lösten überdies eine sehr schlechte Stimmung und Panik aus. Es kommt zu den berüchtigten "Septembermorden". Die Menge drang in Gefängnissen ein und tötete wahllos, spontane "Volksgerichte" traten in Aktion. Insgesamt starben zwischen 2. und 5. September allein in Paris 1.600 Menschen.

Am 21. September beschloß der Nationalkonvent die Abschaffung des Königtums und die Einführung eines neuen, republikanischen Kalenders. Weil überdies viele Pfarren verwaist waren, wurden die Gemeinden beauftragt, Geburts-, Ehe- und Sterberegister zu übernehmen. So wurde der 21. September zum Weltgründungstag des Standesamtes. Anstelle des Christentums trat der schon erwähnte "Kult der Vernunft". Die Kirchtürme sollten abgetragen werden, weil sie dem "Gleichheitsprinzip" widersprachen. Liturgische Geräte, Gefäße und Gewänder wurden sofort vernichtet. Und das alles im Namen von Toleranz und Vernunft!

Das Kriegsglück schien sich nun zu wenden. "Die Revolutionsarmee 'der Schuster und Schneider' erobert das Elsaß, Speyer, Worms, Mainz, Nizza, Savoyen, ganz Belgien und die Niederlande." Dies wurde nun auch als Anlaß gesehen, den Prozeß gegen Ludwig XVI. zu eröffnen. Am 17. Januar 1793 bejahte der Konvent einstimmig die Schuldfrage. Bei der namentlichen Abstimmung, ob man den König zu Tode verurteilen oder des Landes verweisen sollte, sprachen sich 387 für das Todesurteil und 334 dagegen aus. Diese Liste der Königsmörder sollte in den folgenden Jahrzehnten noch eine große Rolle spielen. Am 21. Januar um 10 Uhr 20 wird der Bürger Ludwig Capet (so wurde der König als Bürger genannt) enthauptet. Über diesen Mord aufs äußerste empört, traten Holland, Spanien, Sardinien, Neapel, Toscana, das Deutsche Reich und zuletzt auch England in den Krieg ein. Der König war tot, doch die Revolution war damit keineswegs zu Ende.

d) Die dritte Phase der Revolution:

Das Kriegsglück hat sich aber bald wieder gewendet. Belgien und das Rheinland gehen verloren. Außerdem erhob sich nun in der Vendée (westliche Atlantikküste) eine Konterrevolution, an die sich weitere Departments anschlossen. Man schaffte nun einen neunköpfigen "Wohlfahrtsausschuß", an dessen Spitze vorläufig Danton stand. Die Macht des Wohlfahrtsausschußes war praktisch unbegrenzt. Viele Girondisten, die von Diktatur sprachen, wurden verhaftet. Die Städte Lyon, Bordeaux, Marseille, Toulon, Nantes und viele andere erhoben sich gegen Paris. Am 13. Juni wurde Marat ermordet. Unmittelbar danach löste Robespierre Danton vom Wohlfahrtsausschuß ab und wurde de facto Diktator. Die Allgemeine Wehrpflicht wurde nun durchgesetzt, und 200.000 Kirchenglocken wurden eingeschmolzen.

Die Konventstruppen widmen sich nun den aufständischen Städten. Lyon wird als Exempel niedergerissen, die Vendéer niedergemetzel oder zu Tausenden in den Flüssen ertränkt. Am 5. September bekennt sich der Wohlfahrtsausschuß zum "Terror als Regierungsmittel". Ein Satz aus "Emile" von Rousseau wurde als Rechtfertigung für alles gesehen: "daß man 'aus Vernunft und Liebe zu uns selbst mit unserem Geschlecht mehr Mitleid haben muß als mit unserem Nächsten - denn Barmherzigkeit für Böse ist Grausamkeit gegen alle Menschen'".

Das Schreckensregime wurde immer brutaler. Es genügte schon für die eigene Hinrichtung, wenn man an dem Schicksal der Gefangenden oder Hingerichteten nur Anteil nahm. Die Guillotine hatte Hochkonjunktur . In Paris wurde in der Kirche Notre-Dame die "Göttin der Vernunft", die das Christentum ablösen sollte, installiert. Dies wurde aber bald darauf von Robespierre selbst zurückgenommen.

Am 5. April wurde Danton und seine Revolutionsfreunde aufs Schafott geführt. "Die Revolution frißt ihre Kinder"(Vergniaud). In Paris regte sich nichts mehr. Die Angst ging um, daß es einen selber erwischen könnte. Anstatt der "Göttin der Vernunft" wurde nun ein "Höchstes Wesen" von Robespierre eingeführt und die "Unsterblichkeit der Seele" verkündet. Die Willkür der Hinrichtungen griff immermehr um sich. In Paris allein waren es 15.000 bis 20.000 Opfer. Doch bald darauf sollte auch Robespierre unter die Guillotine kommen. Seine Gegner einigten sich darauf, ihn zu stürzen, was bald darauf durchgeführt wurde. Am 26. Juli wurde er verhaftet und am nächsten Tag unter das Schaffott gezerrt. Die Menge rief, wie jedesmal zuvor: "Nieder mit den Tyrannen! Es lebe die Republik!" und hatte noch am Tage danach ihren Spaß, als weitere 71 Jakobinerhäupter zu Boden rollten. Die "Schreckensherrschaft" war vorbei, der Schrecken ging aber weiter.

Eine neue Ordnung mußte her. Zuerst wurde das allgemeine Wahlrecht eingeführt und das begehrte Zwei-Kammer-System geschaffen: Der "Rat der 500" (Legislative", der "Rat der Alten" (250 Senatoren) und ein Direktorium von fünf Männern, das vom "Rat der Alten" auf Vorschlag der 500 gewählt wurde. Alle fünf Direktoren waren "Königsmörder". Am 3. November 1795 traten sie die Regierung an. Endlich trat eine gewisse Ruhe ein. Die Kirchen wurden wieder geöffnet, die Priester durften aus dem Untergrund auftauchen und öffentliche Gottesdienste abhalten. Am 21. Februar 1795 erhob man die Trennung von Kirche und Staat zum Gesetz, der Eid auf die "Zivilkonstitution" wurde nicht mehr verlangt.

Doch es blieb nicht lange ruhig. Die wirtschaftliche Situation verbesserte sich nicht, das Direktorium erwies sich als chronisch erfolglos. So wurde der Ruf nach einem starken Mann laut. Eine Handvoll Männer, darunter Sieyès, Talleyrand, Barras und Fouché, beschloß den Putsch. Ausführen sollte ihn der aus Ägypten herbeigeeilte Napoleon Bonaparte. Er hatte bisher mehrmals in schwieriger Lage der Rupublik die Treue gehalten, war als Feldherr überaus erfolgreich, bei der Armee populär und im Volke geachtet, mithin der geeignete Mann, wie die Direktoren hofften. Am 9. November 1899 wurden ihm die Pariser Streitkräfte unterstellt, am gleichen Tag noch wurde das Direktorium aufgelöst und durch drei Konsuln ersetzt. Am 15. Dezember gab es eine neue Verfassung. Napoleon wurde Erster Konsul. Unter ihm ging Frankreich einem neuen, nicht minder erschütternden Abenteuer entgegen.

"Wie immer das Spiel ausgegangen war: Nichts von dem, was die Aufklärung und in ihrem Gefolge die Französische Revolution in die Welt gebracht hatten, ging verloren. Ihr Geist beflügelte die liberalen und sozialen Revolutionen der folgenden zwei Jahrhunderte und weist mit der Botschaft von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Zeichen der Herrschaft der Vernunft noch weit darüber hinaus. Sie war tatsächlich, wie Goethe sagte, die Geburtsstunde einer neuen Zeit, die noch nicht zu Ende ist."

Dies sollte das Ende des geschichtlichen Vorspanns über das Leben des Heiligen Pfarrers von Ars sein, der in seiner Kindheit und Jugend die Französische Revolution miterlebte und die langfristigen Auswirkungen - vor allem die furchtbaren Folgen für das Christentum - in seinem Umfeld spürte.

II. DAS LEBEN DES HEILIGEN PFARRERS VON ARS

1. EINFÜHRUNG UND VORGESCHICHTE

"Die Aktualität des Pfarrers von Ars in unserer Zeit ist schlagend ... Ich sprach darüber vor einiger Zeit mit einem Jesuitenpater, der nicht auf meiner Seite steht, was aber unsere Freundschaft nicht stört. Nach einer einstündigen hitzigen Debatte über die gegenwärtige Krise der Kirche erklärte er mir - es klang wie ein letztes Geständnis, das er sich abgerungen hatte: ' Nun gut, ja. Sie wollen es von mir hören, und ich sage es Ihnen jetzt: wir würden zehn Pfarrer von Ars brauchen. ' Darauf konnte ich nicht umhin zu antworten: 'Einer würde genügen.' Die Kirche in Bedrängnis braucht vor allem Heilige. Die großen Erfordernisse des Priestertums haben sich seit der Zeit des Pfarrers von Ars nicht geändert. Er hat in sich all das vereinigt, was das Wesentliche des Priesters ausmacht und immer ausmachen wird, und freudig wiederhole ich heute mit allem, was mir an Überzeugungskraft zu Gebote steht, die Antwort, die ich dem guten Jesuitenpater gegeben habe: 'Ein einziger Pfarrer von Ars würde uns genügen.'", schreibt der Autor Michel de Saint-Pierre in dem Vorwort zu seinem Buch über den Pfarrer von Ars.

In Frankreich brach durch die Französische Revolution eine Nacht herein, durch die das Licht der Kirche bzw. das Licht Christi zu erlöschen drohte. Doch Gott läßt sein Volk niemals im Stich. Auf jede menschliche Not wird Gott eine Antwort geben. In seinem Roman "Der Pfarrer von Ars" läßt Hünermann den heiligen Benedikt Labre - er verweilte 1770 im Hause der Familie Vianney - wie folgt sprechen: "Wir müssen beten und Buße tun; denn die Macht der Finsternis ist groß. Die Lichter Gottes werden verlöschen und die Lampen des Teufels werden statt ihrer vor den Altären brennen. Dann wird einer kommen, der Gottes Feuer in seinen Händen trägt. Sein fromme Einfalt wird heller leuchten als alle Weisheit der Philosophen, denn die Hand, die das Feuer trägt, hat Gott gesalbt. Und die Menschen werden sich aufmachen und ihn suchen, wie solche, die aus dem Dunklen dem Lichte zustreben. Der Fackelträger Gottes wird er sein und sich selbst verzehren gleich dem Licht, das verbrennt."

Benedikt Labre, der später von der Kirche heilig gesprochen wurde, galt als "pèlerin perpétuel" (ewiger Pilger). Er war Novize bei den Trappisten von Sept-Fons, wurde aber von dort entlassen. Sein Ordenskleid durfte er behalten. Trochu beschreibt diese Gestalt folgendermassen: "Benoit Labre portait alors un costume étrange. Il avait gardé la tunique des novices qu'on lui avait abandonnée à sa sortie du monastère. Une besace pendait à ses épaules; un rosaire s'enroulait à son cou; un crucifix de cuivre brillait sur sa poitrine. Pour tout bagage, un bréviaire, une Imitation et un évangéliaire."

Später schrieb dieser Heilige von Rom aus an die Familie Vianney einen Brief, der als kostbares Andenken verehrt wurde. "Zwei in jeder Beziehung ganz ungewöhnliche Heilige haben die Bahnen gekreuzt, ohne voneinander zu wissen. Wir haben den Vorzug, die innere Sehnsucht der beiden geheimnisvollen Männer zu kennen, und gehen trotzdem wohl blind an beiden vorüber.", meint Walter Nigg.

2. Die Geburt und die Kindheitsjahre von Johannes-Maria Vianney:

Am 8. Mai 1786 wurde Johannes-Maria in Dardilly, einem Bauerndorf in der Nähe von Lyon, geboren. Seine Eltern waren fromme Bauernleute. Sein Vater, Matthäus Vianney, hatte 1778 Maria Beluse aus Ecully geheiratet. Johannes wird als viertes von sechs Kindern geboren. Die Mutter hat ihn nach dem Brauch der Zeit schon dem lieben Gott geweiht, als sie ihn noch unter dem Herzen trug. Ja, wenn es ein Bub würde und Gott ihn haben wollte, würde sie ihn freudigen Herzens hergeben, daß er Ihm als Priester am Altare diene. Der Kleine wird schon am Tag der Geburt getauft und erhält den Namen seiner Paten, Johannes Maria.

Seine Mutter weihte ihn schon ganz früh in die religiösen Dinge ein. Johannes lernte sehr bald das Kreuzzeichen. Als die Mutter einmal das Kreuzzeichen vergißt, beißt der fünfzehn Monate alte Knirps die Zähnchen aufeinander und schüttelt abwehrend den Kopf; erst als die Mutter ihr Versäumnis nachholt, öffnen sich willig die kleinen Lippen. Schon im Alter von 18 Monaten kniet er beim Abendgebet und betet mit seinen Geschwistern. Trochu beschreibt eine Szene, wie ihn die Mutter jeden Abend zu Bette bringt:
"Sa pieuse mère le couchait et, avant de l'embrasser une dernière fois, elle se penchait sur lui, lui parlant de l'enfant Jésus, de la Sainte Vierge, de son bon Ange... L'enfant s'endormait au murmure aimé de la voix maternelle."

Die Mutter ist eine außergewöhnlich gute Mutter. Die ersten Worte, die sie ihrem Sohn beibringt, sind die heiligen Namen "Jesus" und "Maria". Johannes ist für die frommen Belehrungen und Ermahnungen der Mutter weit zugänglicher als seine Geschwister. Sein ganzes Wesen drängt schon früh zu Gott. Nachbarinnen, die ihn beten hören, sagen zu den Eltern: "Er kann seine Gebete gut; Ihr solltet ihn Priester werden lassen."

Mit drei Jahren sucht er schon die Einsamkeit auf und versteckt sich in entlegenen Winkeln des Hauses, um besser beten zu können. Vielleicht spürte er schon jetzt, daß er den Großteil seines Lebens keine Möglichkeit mehr haben wird, in der Einsamkeit zu leben. Beim "Engel des Herrn" kniet er als erster nieder, um Maria zu grüßen. Ist er weinerlich und verstimmt, wie es bei Kindern ab und zu vorkommt, kann ihn am besten ein Rosenkranz oder ein Heiligenbild zufriedenstellen. Aus dieser Zeit gibt es eine Geschichte, die Trochu erzählt:
"...un voisin qui travaillait dans l'enclos d'à coté disait à Matthieu Vianney: 'Je crois que votre petit brunet me prend pour le diable!'. 'Pourquoi as-tu fait cela? interrogea la mère. 'Je ne savais pas', répondit Jean-Marie, 'que le voisin me regardait. Mais avant sa prière, et puis après, est-ce qu'on ne fait pas son signe de croix?"

Die ungewöhnliche Reife wird auch im Roman von Hünermann ausgedrückt, wo folgender Dialog stattfindet: "Was ist denn eine Seele, Mutter?", fragte der Bub. Einen Augenblick dachte die Mutter nach, dann sagte sie: "Sie ist ein schönes Licht, das der liebe Gott, als er dich schuf, in deinem Herzen entzündet hat. Wenn du etwas Böses tust, wird das Flämmchen schwach, oder es geht ganz aus, und das Herz wird dunkel." "Dann will ich nie etwas Böses tun!", versicherte Johannes, und seine lichtblauen Augen strahlten die Mutter an.

Eines Tages kauft die Mutter bei einem Händler für den kleinen Johannes eine Muttergottesstatue. Diese wird von nun an seine "große Liebe". Johannes hat sie Tag und Nacht bei sich. Oft zieht er sich zurück, stellt die Marienfigur vor sich hin und beginnt seine Kindergebete zu beten. Sechzig Jahre später, kurz vor seinem Tod, wird er sagen:

"O wie ich diese Statue geliebt habe! Ich konnte mich Tag und Nacht nicht von ihr trennen und hätte nicht ruhig schlafen können, wenn ich sie nicht neben mir im Bett gehabt hätte", und er fügte noch die Worte hinzu, die von einer geheimnisvollen Poesie erfüllt sind: "Die Mutter Gottes ist meine älteste Liebe. Ich habe sie geliebt, noch bevor ich sie gekannt habe."

Seine Mutter ist - wie schon angedeutet - die wichtigste Bezugsperson in seinen ersten Lebensjahren. Später wird er über sie sagen: "Wenn ich so beten gelernt habe, dann verdanke ich es nach Gott meiner Mutter. Sie war eine kluge Frau. Wie leicht strahlt doch das Tugendleben der Mutter auf die Kinder aus. Ein Kind, dem das Glück zuteil wird, eine gute Mutter zu haben, kann nicht zu ihr emporschauen und an sie denken, ohne tief gerührt zu sein."

Als ihn die Mutter wieder einmal sucht und ihn im ganzen Haus nicht findet, befällt sie eine große Angst, daß er eventuell in die Viehtränke gefallen ist. Schließlich sucht sie noch im Stall und findet ihren kleinen Sohn, wie er zwischen gemütlich wiederkäuenden Kühen kniet und und mit beiden Händen die Muttergottesstatue festhält. "Da bist du ja ...!" Aber warum hast du mir denn solchen Kummer gemacht? Warum versteckst du dich denn, wenn du beten willst? Du weißt doch, daß wir zusammen beten ..." Da schlingt der Kleine seine Ärmchen um die Mutter: "Verzeihung, Mama; ich habe nicht daran gedacht ... Ich will es nie wieder tun."

Ein andere interessante Seite des jungen Johannes-Maria ist, daß er ab und zu heftige Gemütserregungen hat. Gelegentliche Zornanfälle enden mit einer verzweifelten Niedergeschlagenheit. Seine Wutausbrüche zeigen ihn, wie er wirklich ist. Eines Tages will die um eineinhalb Jahre jüngere Schwester den Rosenkranz des Vierjährigen, an dem dieser so sehr hängt. Es gibt eine regelrechte Szene des kleinen Vianney mit Zornausbrüchen, Schreien und Stampfen. Die mütterliche Autorität sieht sich genötigt, einzugreifen. "Gib deinen Rosenkranz deinem Schwesterchen, Liebling", mahnt sie. Als ob das so einfach wäre! Fest hält er die Perlenschnur in seiner Hand. Allein, die Mutter weiß ihn an seiner schwachen Stelle zu packen. "Gelt, du gibts ihn ihr aus Liebe zu Gott?" Nur einen Augenblick kämpft er noch, dann reicht er schluchzend das Kleinod dem Schwesterchen hin.

Ein besonderes Ereignis wird für ihn, als er zum ersten Mal zur heiligen Messe mit der Mutter mitgehen darf. Sobald Johannes-Maria vier Jahre alt ist, ist er der ständige Begleiter zur Messe. Hört er am Morgen nur die Kirchenglocke, geht er der Mutter nicht mehr von der Seite und bittet sie, ihn mitzunehmen. Während der Messe wendet er keinen Blick vom zelebrierenden Priester am Altar. Die Mutter erklärt ihm Stück für Stück die heiligen Zeremonien. Am liebsten würde er ja selbst vorne knien und dem Priester bei der heiligen Messe dienen, aber dazu ist er noch zu klein. So kann er nur zuschauen und sich freuen, daß der liebe Gott so nah ist und die Mutter so innig betet.

Inzwischen haben sich die Zeiten für Frankreich weiter verfinstert, die Revolution ist bereits ausgebrochen. Auf die Kirche Frankreichs kommt ein schweres Kreuz zu. Besonders schlimm wird es, als die Nationalversammlung die sogenannte "Zivilkonstitution des Klerus" - dies ist ein verpflichtender Eid des Klerus auf die Verfassung - beschließt. Die der Religion feindliche Staatsgewalt findet allerdings nur sieben Bischöfe und achtundfünfzig Priester, die diesen Eid leisten. Zu Beginn des Jahres 1791 werden vierzig "falsche Bischöfe" aus der kleinen Schar der Eidleister ernannt. Der Religionskrieg beginnt. Die Gläubigen sind empört über diesen Einbruch der Staatsgewalt in die Domäne der Seelen, doch schon hören sie das Geschrei, mit dem man ihre Priester, ihre religiöse Freiheit bedroht.

"An die Laterne mit den Eidverweigern!". Sie nehmen die Herausforderung an. Voll Verachtung für die Verräter sind sie entschlossen, unter Gefahr ihres Lebens den Eidverweigerern beizustehen, die ihrem Glauben treu geblieben sind, sie zu beschützen, sie zu verstecken.

Der Pfarrer von Dardilly, Jacques Rey, hat sich diesem Eid unterworfen, später aber widerrufen, worauf ein neuer Priester nach Dardilly kam. Dieser Priester war von einem "falschen" Bischof bestellt worden, sodaß naturgemäß dieser Priester ebenfalls ein Eidleister sein mußte. Dieser Schwindel wurde von den Vianney erst später gemerkt, zuerst von der zwölfjährigen Katharina. Eines Tages bekommen sie Besuch von Verwandten. Im Buch von Trochu "Le curé d'Ars" kann man dazu folgendes lesen:
"Sur les entrefaites, les Vianney recurent la visite d'une parente d'Ecully. 'Ah! Mes amis, que faites-vous?' leur dit-elle en apprenant qu'ils allaient à la messe du jureur. 'Les bons pretres ont refusé le serment. Ils sont chassés, persécutés, obligés de fuir. Heureusement, à Ecully, il y en a qui sont restés parmi nous. C'est à ceux-là qu'il faut vous adresser. Votre curé nouveau s'est séparé par son serment de l'Eglise catholique ; il n'est pas votre pasteur; vous ne pouvez pas le suivre'".

Von nun an ist es mit dem Besuch der Messe in Dardilly vorbei. Die Mutter geht zu dem Pfarrer und wirft ihm den Glaubensabfall vor. Die reine Seele des kleinen Johannes-Maria wird von dem Verrat des Priesters so getroffen, daß er von diesem Tag an eine offene Abscheu gegen die Sünde zeigt. Die Kirche wird bald darauf geschlossen. Von nun gehen die Vianneys oft sehr weit, um zu einer richtigen Messe zu kommen. Johannes-Maria, damals erst sieben Jahre alt, ist unter denen, die in der Nacht in Angst und Sorge stundenlang wandern, um sich an den betreffenden Ort zu begeben. Eine Scheune, ein schwach erleuchtetes Zimmer, ein unbekannter Priester, Gläubige, stumm wie Schatten: es ist wie eine Meßfeier der ersten Christen. Der junge Vianney wird diese Szenen, die schön und düster zugleich sind, nie vergessen. "Das ist eines der merkwürdigen Kennzeichen seines Schicksal: er, der nie aufgehört hat, Milde und Liebe mit Wort und Beispiel zu predigen, hat von seiner Kindheit an bis zu seinem Tod unter den grauenvollsten und blutigsten Ereignissen gelebt, die ein einziges Menschenleben fassen kann", meint Michel de Saint-Pierre.

Mit der Zeit muß Johannes-Maria auch am väterlichen Hof mithelfen. Vorerst wird das Viehhüten seine Hauptaufgabe. Mit Gothon, seiner jüngeren Schwester, treibt er zweimal am Tag seine Schafe mit ein paar Rindern und dem Esel auf die Weide. Am liebsten geht er dabei in ein Tal, das Chante-Merle heißt. Dieses Tal ist von Vogelstimmen erfüllt. Der Bach, der dort vorbeifließt, ist von Espen und Ulmen gesäumt. "Schon erinnert der kleine Vianney an den Mann, den Priester, der er einmal werden wird. Praktisch und phantasiebegabt zugleich, hat er etwas vom Bauern und vom Dichter. Er spürt in seinen Adern den Frieden der Bäume und die Last des Tages. Er liebt die Wiesen und das Korn auf den Feldern, den guten Geruch der besonnten Erde. Wie oft wird er das später sagen! Er liebt die Geräusche der Ferne, aus denen die Stille wächst. Und die Stille liebt er über alles! In vierzig, fünfzig Jahren wird er noch davon sprechen, bis zu seinem Tod, manchmal mit einer von Schmerz zerbrochenen Stimme."

Wie schon einmal gesagt, wird diese Stille, die er während dieser Zeit kennengelernt hat, immer seine tiefste Sehnsucht sein, in der er Gott zu finden sucht und in der ihm der Himmel nahe ist. Die beiden Kinder - Johannes und Gothon - sind nicht alleine in diesem Tal. Auch andere Kinder kommen hierher, um die Tiere zu hüten. Dabei kommt es nicht selten vor, daß diese jungen Hirten in dem Tal einen jungen Prediger hören, der vor einem Altar und Heiligenfiguren von der Liebe Gottes spricht. Während in ganz Frankreich jede äußere religiöse Kundgebung verboten ist, wird in diesem Weidegrund durch einen siebenjährigen Jungen vor einem selbstgefertigten Kreuz der Rosenkranz gebetet und werden fromme Lieder gesungen. Unauslöschlich prägt sich auch in seinem Leben die geübte Liebestätigkeit seiner Eltern ein.

Die Vianneys sind für ihre Mildtätigkeit bald bekannt. Jeden Abend kommen Scharen von Armen und Obdachlosen. Mit ihren Nachbarn, den Vincents, sind sie übereingekommen, daß diese die Frauen und sie selbst die Männer zur Nacht beherbergen. Manchmal schlafen fünfzehn und mehr Fremde in der Scheune. Zuvor sitzen sie, zumal bei schlechtem Wetter, alle um den großen Ofen in der Küche, um sich zu wärmen und die Kleider zu trocknen. Zum Essen setzen sich alle an einem Tisch. Sollte es zuwenig sein, verzichtet der Vater auf seinen Anteil. Die Armen werden vorrangig behandelt. Für Johannes ist es eine große Freude, seinen Eltern bei dieser evangelischen Liebestätigkeit zu helfen. Diese Tätigkeit sollte später zu einer seiner großen Leidenschaften werden.

Noch eine interessante Anekdote gibt es aus seinem Kinderleben zu berichten. Mit der gleichaltrigen siebenjährigen Marion Vincent, dem Nachbartöchterchen, treibt er eines Tages einen mit Getreide beladenen Esel zur Mühle von Saint-Didier. Es ist heiß, und die Kinder rasten im Schatten eines Hohlwegs. Da sagte Jean-Marie ernst: "Ich glaube, wir würden uns gut verstehen, wir zwei." Marion findet, daß dieser braunhaarige Bub sehr sanfte blaue Augen hat und sagt: "Ja, wenn unsere Eltern einverstanden sind, dann heiraten wir." Da erwidert Jean-Marie lebhaft: "Oh, was mich betrifft, reden wir nicht davon, niemals!"

Nach dem Sturz Robespierres im Juli 1794 wurde der ebenfalls für Lehrer geforderte Eid abgeschafft. In Dardilly wird daraufhin wieder eine Schule eröffnet, in die auch Johannes-Maria geschickt wird. Auch wenn die Schule nur zeitweise geöffnet hat, reicht es dahingehend, daß der junge Vianney lesen lernt, um an den langen Winterabenden aus dem Katechismus zu rezitieren. Inzwischen sind trotz aller Verfolgungen noch immer an die dreißig Priester in der Diözese von Lyon anwesend. Sie durchziehen, als Handwerker verkleidet, die Gegend und spenden die Sakramente. Der verbliebene Generalvikar beginnt mit der Einteilung der Diözese in Pfarrgruppen. Den einzelnen Missionaren werden Laienkatecheten zugewiesen. Ecully, das nur fünf Kilometer von Dardilly entfernt ist, wird zum Missionszentrum.

Mit der Seelsorge werden vier Priester betraut, darunter der Genfer Ordensmann Karl Balley, der bald von immenser Bedeutung für Jean-Marie werden sollte. "Und heiligen Eifers leuchtet, gewinnt Johannes-Maria ein zeit seines Lebens gültigen Bild vom Priestertum. Scharf und unauslöschlich prägen sich ihm Gott und Welt als völlig unvereinbare Gegensätze ein: hier Gott, seine flüchtigen, gehetzten Priester und die im Dunkel der Nacht versammelten Gläubigen; und dort die Welt, die vereidigten Priester, die Konventsoldaten mit den Bürgern von Ecully und Dardilly, die sich den Machthabern beugen, um vom Opfer verschont zu bleiben. Bevor es noch das kleine Hirn begreift, hat es schon das junge Herz begriffen: 'Was haben Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Gott und Belial gemein? - Wer nicht mit Mir ist, der ist wider Mich!'"

3. DIE JUGENDJAHRE UND DER WUNSCH DES PRIESTERBERUFS

Im Jahre 1797 beichtet Johannes bei Abbé Groboz das erste Mal. Folgender Dialog ist dazu bei Trochu zu finden:
"M. Groboz interrogea Jean-Marie: 'Quel age as-tu?' 'Onze ans.' 'Depuis quand ne t'es-tu pas confessé?'; 'Mais jamais je ne l'ai fait encore, repartit l'enfant tout étonné.'; 'Eh bien, faisons cela tout de suite.' Jean-Marie resta seul avec le pretre et commonca sa première confession." Nach der Aussage von Catherine Lassagne (sie ist eine der wesentlichen Zeugen über das Leben des Pfarrers von Ars) hat Abbé Vianney später, über seine erste Beichte gesagt: "Ich erinnere mich noch immer daran. Es war zu Hause, unter unserer großen Uhr".

Von fast noch wichtigerer Bedeutung in seiner beginnenden Jugend wird die Erstkommunion, die er 1799 erhält. Noch immer wurden die Christen verfolgt, sodaß diese Erstkommunionsfeier in einem Privathaus zu Ecully stattfinden mußte, während draußen die Heuwagen heranfuhren und Heu abluden. Johannes-Maria war so glücklich, daß er den Raum nicht mehr verlassen wollte. In den Quellen (Procès apostolique ne pereant und Procès apostolique in genere) wird darüber noch folgendes berichtet:
"Plus tard, il ne parlera jamais de sa première communion sans verser des larmes de bonheur. Après cinquante ans écoulés, il montrera aux enfants d'Ars son modeste chapelet de communiant, en les exhortant à conserver précieusement les leurs." Später wird er über seinen Erstkommunionstag auch sagen:
"Wenn man kommuniziert, empfindet man etwas Außergewöhnliches ...Eine Freude und Glückseligkeit durchströmt das ganze Wesen und läßt einen aufjubeln ... Mit dem heiligen Johannes können wir dann ausrufen: 'Es ist der Herr! O mein Gott, welch eine Freude für einen Christen, der von der Kommunionbank aufsteht und den ganzen Himmel mit sich in seinem Herzen trägt!..."

Inzwischen ist Johannes herangewachsen, sodaß er das Viehhüten Gothon und dem jungen Franz überlassen mußte. Auf ihn wartet nun härtere Arbeit. Mittlerweile scheint sich auch der Sturm, der über das Land gefegt ist, etwas zu legen. 1799 wird Napoleon als "Erster Konsul" an die Spitze des Staatswesens berufen. Damit hören die Kirchenverfolgungen praktisch auf. Die verbannten Priester können zu ihrer Gemeinde zurückkehren. In Dardilly bleibt die Kirche vorerst noch verschlossen, in Ecully aber bringen Groboz und Balley wieder das heilige Meßopfer dar, was für den jungen Vianney zu einem wahren Freudenfest wird.

1801 schließt Napoleon mit dem Papst ein Konkordat ab. Inzwischen kehrt auch nach Dardilly wieder ein Priester zurück, der ehemalige Pfarrer Jakob Rey. Für Johannes-Maria ist damit die Welt wieder in Ordnung, da er nun wieder unbehelligt zur Kirche gehen kann. "Cependant une aurore nouvelle se levait sur l'Eglise de France".Aus dem kleinen Johannes-Maria ist inzwischen ein Jugendlicher geworden, der viel nachdenkt. Er denkt auch immer mehr nach, was eigentlich aus ihm werden soll. Sollte er ein Bauer werden?
"Aber in seiner Seele brennt eine andere Sehnsucht, heimlich und stark. Er möchte viel lieber das Unkraut aus den Seelen reißen, als Weingärten jäten, lieber die Herzen bereiten und das Gotteswort säen, als den Acker umbrechen und Mais- oder Weizenkörner streuen. Er möchte ganz dem lieben Gott dienen und Seelen retten; er möchte - PRIESTER WERDEN!"

Doch wie sollte das gehen? Seine Familie war eine arme Bauernfamilie, das Studieren schien für die Familie Vianney ein unmöglicher Wunsch, vor allem da gerade seine Schwester Katharina vor der Hochzeit stand und eine Aussteuer fällig wurde und gleichzeitig sein Bruder Franz zur Musterung sollte. Johannes-Maria weiht seine Mutter in seinen Wunsch ein, die ihn dabei sehr stärkt. Eines Tages wird es auch dem Vater geoffenbart, doch der ist strikt dagegen. Als 1804 in Ecully Karl Balley die Pfarrei übernimmt, scheint sich plötzlich eine neue Perspektive zu eröffnen.

Die Hauptsorge von Pfarrer Balley gilt vom ersten Tag an dem Priesternachwuchs, sodaß er eine kleine Priesterschule eröffnete. In Ecully - in der Nähe von Dardilly - lebte eine Tante von Johannes, bei der er wohnen könnte. Nach zweijährigem Widerstand gibt nun auch der Vater nach. Sofort machen sich die Mutter des Johannes und seine Tante auf, um Pfarrer Balley den Wunsch mitzuteilen. Er sagt zwar zunächst: "Ich bin so beschäftigt! Ich kann keine Schüler mehr nehmen." Doch schließlich willigt dieser heiligmäßige Priester doch ein, ihn zumindest zu empfangen. Die erste Begegnung zwischen den beiden - die später in ihrer Heiligmäßigkeit wetteifern werden - wird von Trochu auf folgende Art beschrieben: "L'austère M. Balley fixa de ses yeux scrutateurs ce jeune homme de dix-neuf ans, maigre et pale, recueilli et discret. Il le fit parler. Il le trouva instruit des choses de la religion. Son sourire lumineux et confiant lui plut. Il embrassa ce candidat au sacerdoce d'un regard chargé d'une affectueuse bonté. Et en meme temps: 'Oh! Pour celui-là, pensa-t-il tout haut, je l'accepte!" Puis s'adresant à Jean-Marie: 'Soyez tranquille, mon ami, je me sacrifierai pour vous, s'il le faut'".

4. DER LEIDENSWEG DER PRIESTERAUSBILDUNG UND DIE EINZIEHUNG ZUM MILITÄR

Johannes kann es fast nicht glauben, daß es nun wirklich gelungen ist, alle Hindernisse zu überwinden. Doch die wirklich großen Hindernisse kommen jetzt erst auf ihm zu. Von nun an verbringt der junge Vianney die Morgen- und Abendstunden im Pfarrhaus von Ecully. Johannes ist "intelligent, ein kluger Kopf, ein ungewöhnlich intuitiver Geist, höchster religiöser Meditation zugewandt, mit einer unerschöpflichen, ja glühenden Phantasie begabt. Sein ungestümes Naturell beherrscht er dank seine außerordentlichen Willenskraft. Er besitzt eine innerliche Ausgeglichenheit, und zu alldem ist seine Vitalität - im Eifer für die Seele wird sie alle Grenzen sprengen - jetzt schon staunenswert."

Doch da sein Gedächtnis untrainiert ist, hat er große Schwierigkeiten mit dem Erlernen von Latein. Die harte Arbeit auf dem Bauernhof hat zwar seine Beobachtungsgabe und sein Urteilungsvermögen geschärft, das theoretische Denken ist dabei leider zu kurz gekommen. Zudem sollte sich seine bis jetzt unzureichende Schulbildung ebenfalls bemerkbar machen. Vermutlich ist es auch eine gewisse Hürde, mit zehn- und zwölfjährigen Buben zusammen in der Schulbank zu sitzen - Johannes ist inzwischen schon neunzehn Jahre alt.

Inzwischen haben auch die anderen Schüler verstanden, daß das Gedächtnis von Johannes nicht das beste ist. Einer der Schüler - Mathias Loras - will ihm bei der Übersetzung von lateinischen Texten helfen, wobei es zu einer ganz wichtigen Begebung zwischen den beiden Studenten kommt.

Bei Trochu findet sich das wie folgt: "Mais l'enfant était un nerveux qui avait la main preste. Un jour, lassé des incompréhensions du 'grand' , il le gifla outrageusement en présence des autres. L'offensé, qui était né violent, lui aussi, se mit à genoux devant cet enfant de douze ans qui venait de le frapper et il lui demanda humblement pardon. Mathias cachait un coeur d'or. Aussitot repentant, touché jusqu'aux larmes, il tombait dans les bras de Jean-Marie Vianney, encore agenouillé."

Mathias Loras wird später als Bischof von Dubuque in Nordamerika sagen, daß er den Kniefall und den Ton in der Stimme Vianneys nie vergessen hat.

Inmitten der "Trostlosigkeit des Lernens" bekommt er den Trost der Firmung zu spüren, den ihm der Oberhirte von Lyon, Joseph Fesch, der Bruder der Mutter Napoleons, spendete. Als Firmpatron erwählt er sich Johannes den Täufer und unterschreibt fortan mit 'Johannes-Maria Baptista Vianney'. Dieser Heilige hat es ihm wirklich angetan. Der Täufer, der den Lärm der Menschen flieht, um anschließend wieder gegen die Sünde zu predigen, egal ob es ihn den Kopf kostet oder nicht, wird zu einem seiner Lieblingsheiligen. In der späteren Kirche in Ars wird Johannes der Täufer eine eigene Kapelle bekommen. Sein strenges Bußleben, seine Demut, sein unerschrockener Freimut, alles begeistert ihn. So möchte er auch sein: ganz abgetötet im Essen und Trinken, im Schlaf und in der Kleidung; fern dem menschlichen Getriebe, in der Einsamkeit Gott und dem Gebet hingegeben; und doch ganz entflammt vom Eifer für die Ehre Gottes.

Doch selbst durch die Firmung wird das Lernen und das Leben für ihn nicht einfacher; "in Chante-Merle, im Tal der Lerchen, war er glücklich. Abbé Balley spricht ihm Mut zu: 'Vianney, du wirst den Weg zu Ende gehen. Es gibt kein Zurück'". So sieht Johannes nur mehr einen Weg: Im Sommer 1806 macht er eine Pilgerfahrt zum Grab des heiligen Franz Regis. Für den mehr als 100 Kilometer langen Weg ist er einige Tage unterwegs. Da er mit seiner Gestalt nicht wie ein Bettler aussieht, hat er beim Betteln, das er sich vorgenommen hat, kein Glück, sodaß er sich notdürftig von Kräutern und vom Wasser eines Baches ernähren muß.

Schließlich erreicht er doch völlig erschöpft das 1100 Meter hoch gelegene Heiligtum. Hier in Louvesc hat der heilige Franz Regis zu Weihnachten 1640 zuletzt missioniert. Nun bittet ihn Johannes, ihm zu helfen, daß er das Theologiestudium schaffe. Bei der Beichte, die er in Louvesc ablegt, wird er beauftragt, daß er bei der Heimfahrt nicht mehr als Bettler agieren sollte, sondern selbst den Bettlern geben sollte. "So erfährt er, der von Kindheit an voll Mitleid für die Armen war, am eigenen Leib, daß Geben seliger ist als Nehmen."

Die Wallfahrt bewirkte nicht unbedingt ein sofortiges Wunder, aber das Lernen fällt ihm doch jetzt etwas leichter. Und wieder türmt sich eine neue Hürde auf: Napoleon, "der große Feldherr", braucht für seine Schlachten immer mehr Soldaten. 1807 wird Johannes von der Einberufung bedroht, aber der Pfarrer von Ecully hatte ihn in die Liste der Priesterkandidaten einschreiben lassen, sodaß er ihr diesmal noch entgehen konnte.

Doch im Herbst 1809 ist es soweit: ein Polizist aus Lyon kommt nach Dardilly und überbringt Johannes einen Stellungsbefehl. Sollte ihn nun, wo er endlich dabei ist, das Latein zu bekämpfen, der Militärdienst aus der Priesterlaufbahn werfen? Sein Vater läßt sich - von den Tränen des Sohnes gerührt - dazu überzeugen, einen Ersatzmann zu suchen. Schließlich wird auch einer gefunden, der aber am Gestellungstag auf einmal verschwunden ist. So trifft Johannes-Maria schweren Herzens beim Lager in Lyon ein. Das wilde Fluchen und gemeine Reden der Soldaten treffen ihn schwer. Bereits nach zwei Tagen wird er so vom Fieber gepackt, daß er nicht mehr aufstehen kann. Man bringt ihn ins Lazarett, wo er zwei Wochen gepflegt wird. Er soll nun seinen Truppen nach Roanne folgen.

Doch kaum genesen, wird er von neuem krank und in Roanne wieder ins Krankenhaus eingeliefert. Dort wird er von Augustinerinnen gepflegt. Diese sagen zu ihm: "Vous rendriez plus de services à la France en priant qu'en allant à la guerre." Später wird er über diese Zeit sagen: "Je n'oublierai jamais les petits soins que j'ai recus de toutes les religieuses de Roanne." Nach der Entlassung aus der Pflege erhält er am 5. Jänner 1810 von einem Hauptmann den Befehl, daß er mit einem Kommando an die spanische Grenze abzugehen habe. Ein Mißverständnis hat zur Folge, daß er die Abfahrt seiner Kameraden versäumt, und als er sich voll guten Willens neuerlich meldet, droht man ihm mit dem Kriegsgericht. Johannes-Maria wird beauftragt, der Truppe sofort zu folgen. So machte er sich alleine auf den Weg.

5. DER DESERTEUR UND DER MÜHSAME WEG ZUR PRIESTERWEIHE

Was nun passiert, wird von Walter Nigg als dunkler Fleck des Heiligen bezeichnet. Johannes-Maria marschiert mit seinem Tornister in Richtung Remaison. Je länger er geht, umso schwerer werden seine Beine. Kaum hat er die Höhen von Le Forez erreicht, übermannt ihn die Erschöpfung. Er muß ein wenig rasten. Er betet voller Inbrunst den Rosenkranz, da er sich wirklich verlassen vorkommt. Bei Trochu findet man nun folgende Schilderung:
"Tout à coup, a-t-il raconté lui-meme, survint un inconnu, qui me demanda: 'Que faites-vous ici?... 'Venez avec moi'. Il prit mon sac qui était très lourd et me dit de le suivre. Nous marchames longtemps, pendant la nuit, à travers les arbres de la montagne. J'étais si las que j'avais grand'peine à le suivre. Cet inconnu, vetu en paysan, n'était autre qu'un nommé Guy, de Saint-Priest-la-Prugne dans les Monts du Bois-Noir. Pour fuir la conscription, il s'était caché avec bien d'autres réfractaires, parmis les hauteurs boisées du Forez. Ce conscrit isolé, rencontré par hasard, Guy, l'entrainait à sa suite vers une destinée semblable à la sienne. Et Jean-Marie, confiant, n'en savait rien ; la seule chose qu'il comprit, c'est qu'il était rompu de fatigue, brulant de fièfre, qu'il avait besoin d'un gite pour la nuit ... et que son 'peloton de marche' était déja loin!"

Zurück kann Johannes-Maria nicht mehr, sodaß er - ungewollt - zum Fahnenflüchtigen wird. Walther Nigg schreibt dazu folgendes: "Selbst Vianneys Vater befahl ihm, sich zu stellen, doch der Sohn gehorchte nicht. Kann ein Mann, der sich von seiner Truppe abgesetzt hat, ein Heiliger sein? Wenn die Meinungen heute auch im Fluß sind, so steht doch fest, daß all den Menschen, die den Militärdienst für eine unabdingbare Pflicht gegenüber dem Vaterland halten, Vianneys Tun verurteilenswert erscheinen muß. Doch so einfach liegen die Dinge nun wiederum nicht.

Will man Vianneys Verhalten gerecht werden, bedarf es anderer Maßstäbe. Damals war die Armee nicht eins mit der Nation, sondern ein bloßes Werkzeug in der Hand Napoleons, der für seinen spanischen Eroberungskrieg Soldaten brauchte. Der ehrgeizige Usurpator war ausschließlich an der eigenen Macht interessiert. Andere Probleme gab es für ihn nicht. .... Vianney durchschaute das Wesen des brutalen Erfolgsmenschen nicht, hegte aber instinktiv eine Abneigung gegen diese ehrlose Menschenschlächterei. ... Er stellte keine hochstrebenden theoretischen Überlegungen an. Ohne lange zu grübeln, handelte er aus seinem Gefühl heraus, empfand den Einrückungsbefehl als absurd, denn er wollte ja Priester werden. Mußte er nun nach Spanien in den Krieg ziehen, in Reih und Glied marschieren und zuletzt auf einem fremden Schlachtfeld verbluten? Für wen? Für den Emporkömmling? Dazu war er nicht bereit. Vianney schämte sich keineswegs der Fahnenflucht, eher zürnte er mit Recht dem Stellungsbefehl."

Johannes wird also zum Fahnenflüchtling. Er wird im Dorf Les Robins, ein Dorf in der Nähe von Les Noes, versteckt, wo er einer Witwe, Claudine Fayot, zugewiesen wird. Von nun an nennt sich der junge Vianney auch anders: Jérome Vincent. Viele Wochen lang lebt Jérome Vincent nun in einer Scheue, um sich vor den Gendarmen zu verstecken. Nach einiger Zeit beschließt er, daß er im Dorf eigentlich unterrichten könnte, um die Zeit besser zu nützen. Er unterweist die Kinder in Lesen und Schreiben und selbstverständlich auch im Katechismus. Eines Tages wird er aber von den Gendarmen fast erwischt. Er konnte sich noch in letzter Minute in im Heu verstecken, wo er beim Durchsuchen von einer Säbelspitze getroffen wird.

Gott sei Dank entkommt ihm kein Schrei. Trotzdem wäre er bei dieser Aktion fast erstickt. Indessen gelingt es Jean-Marie, seine Studienbücher nach Les Robins kommen zu lassen. Denn nichts kann seinen Entschluß ändern: er will Priester werden und sich in jeder Hinsicht des Priestertums würdig erweisen, indem er seine allzu mangelhafte Ausbildung vervollständigt. Mit vierundzwanzig Jahren öffnet er seufzend wieder seine lateinische Grammatik.

Doch auch diese Zeit der Trostlosigkeit sollte vorbei gehen, als Napoleon 1810 die desertierten Rekruten amnestiert. Da sich der jüngste Sohn der Vianneys, Francois, bereit erklärte, für Johannes eingezogen zu werden, konnte Johannes wieder seinen richtigen Namen annehmen, und 1811 zurückkehren. Kurz nach seiner Rückkehr erwartet ihn ein neuer großer Schmerz: seine Mutter stirbt am 8. Februar 1811 im Alter von achtundfünfzig Jahren. Später, als Pfarrer von Ars, wird er sagen, daß er sein Herz an nichts mehr hängen werde, was ihm nicht ganz g elang, da er - so Michel de Saint-Pierre - auch später an seinem alten Lehrer Balley, an mehreren Freunden in Ars und an andere Personen hängen wird.

Johannes kehrt nun ins Pfarrhaus nach Ecully zurück. Immer mehr wird nun Pfarrer Balley sein Vorbild. Wenn dieser Pfarrer beim heiligen Opfer am Altar steht, laufen dem hochgewachsenen, hageren Mann die Tränen über die Wangen. Von ihm lernt Vianney begreifen, was es Großes und Unaussprechliches um das Geheimnis der heiligen Messe ist. Am 28. Mai 1811 empfängt er die Tonsur, er ist nun Kleriker. Im nächsten Jahr schickt ihn Balley nach Verrières ins Kleine Seminar zum Philosophiestudium. Dort ist der Älteste. Selbst sein Professor ist jünger als er. Sein Problem ist nach wie vor die lateinische Sprache, da er nun auch in Latein sprechen sollte, was ihm beinahe unmöglich vorkommt. Selbst seine Mitschüler machen sich oft über ihn lustig. Aber er gibt nicht auf. Im Tabernakel holt er sich die Kraft zum Durchhalten. Marcellin Champagnat, der spätere Gründer der Kleinen Brüder Mariens, wird sein Freund.

Sein Zeugnis, das am Ende des angelaufenen Jahres erhält, weist folgende Noten auf:
"Travail..................................Bien
Science.................................Très faible
Conduite................................Bonne
Caractère...............................Bon"

Sein guter Freund und Pfarrer Balley tröstet ihn, indem er sagt "Drei gute Prädikate gegen ein schlechtes". Außerdem sagt Pfarrer Balley einmal: "Tröste dich, der heilige Petrus wäre in Verrière sicher auch nicht besser mitgekommen. Ich habe ihn stark im Verdacht, daß er von Logik und Erkenntnislehre nicht viel verstand." Im Herbst geht er ins Großes Seminar in Lyon. Das Haus ist übervoll, und sein bescheidenes und zurückgezogenes Leben beeindruckt immer mehr seiner Mitstudenten. Leider bleiben die Erfolge seiner Studien aus. Die Vorgesetzten verfolgen das zähe Ringen des Spätberufenen mit Sorge. Der junge Mann mit dem Asketengesicht macht Eindruck auf sie; sie anerkennen seinen Fleiß und seine Frömmigkeit, aber seine Studienleistungen sind allzu schwach. Die Professoren haben es aufgegeben, Vianney noch weiter zu fragen. Er wird entlassen.

Wohin soll er sich nun wenden? Er geht zurück zu seinem einzigen wirklichen Freund, Pfarrer Balley. Dieser richtet, so schwer ihn der Schlag auch selber getroffen hatte, ihn wieder auf. "'Sei getrost, Johannes, du wirst dein Ziel erreichen. Wir wollen wieder gemeinsam anfangen', meinte Pfarrer Balley dazu." Nur mehr das Gebet kann ihm jetzt helfen. Aber auch das erscheint ihm nun manchmal trocken und dürr. Doch in der Trostlosigkeit kommt wieder einmal ein Ereignis, das er nicht vergessen wird. Bei Trochu wird darüber berichtet: "'Lorsque j'étudieais', devait-il raconter plus tard, 'j'étais accablé de chagrin. Je ne savait plus que faire...Je vois encore l'endroit, à Ecully : je passais à coté de chez la Bibost. Il me fut dit, comme si l'on m'eut parlé à l'oreille: Va, sois tranquille ; tu seras pretre un jour.'"

Inzwischen rückt der Weihetermin näher. Balley will es wagen. Ende Mai wird er wieder geprüft. Die Angst vor dem Examen ist bekannt; bei Vianney führte sie zu einer Katastrophe. Beim bloßen Anblick der Prüfungskommission beginnt er zu zittern. Der Professor richtet die Fragen wiederum auf lateinisch, doch Johannes bleibt stumm wie ein Fisch. Peinliche Stille herrscht im Raum. Er sitzt wie ein Häuflein Elend da und blickt flehentlich auf seinen Examinator. Eine bejammernswerte Situation. Ein Beisitzer erbarmt sich des unglücklichen Kandidaten und veranlaßt, daß man ihn in französicher Sprache befragt. Das scheint nun ein wenig besser zu gehen. Trotzdem ist das Resultat keineswegs genügend.

Die Prüfungskommission ist unschlüssig. Sie will ihn nicht glatt abweisen, da sie seinen guten Willen kennt. Sie kann ihn aber auch nicht aufnehmen, weil die Leistung mangelhaft ist. So sucht sie sich dadurch aus der Verlegenheit zu ziehen, daß sie es ihm freistellt, in einer anderen Diözese um Aufnahme anzusuchen. Doch schon am nächsten Tag geht Pfarrer Balley gemeinsam mit Groboz, dem erzbischöflichen Sekretär, zum Generalvikar Courbon. Den beiden Männern gelingt es, Bochard zur Zusage zu einer neuen Prüfung zu bewegen. Am nächsten Tag kommt der Generalvikar selbst mit dem Seminarvorstand nach Ecully, um an Ort und Stelle die Prüfung abzunehmen. Für den armen Vianney stellt dies wahrlich eine Erleichterung dar, da er in gewohnter Umgebung seine Prüfungsangst ablegen konnte. Die Prüfer fragen ihn auf französisch, und er gibt überraschend gute Antworten. Man ist mit ihm zufrieden.

Die Entscheidung liegt nun beim Generalvikar. Folgende berühmte Fragen sollte nun Courbon, der Generalvikar, der seit der Verbannung des Bischofs die Diözese leitet, stellen:
"L'abbé Vianney est-il pieux? ... A-t-il de la dévotion à la Sainte Vierge? ... Sait-il dire son chapelet? Oui. C'est un modèle de piété. Un modèle de piété! Eh bien, je l'appelle. La grace de Dieu fera le reste." "Damit bewies der Bischofsvertreter eine Genialität des Herzens, die alle Anerkennung verdient, wenn sie auch das Kopfschütteln sämtlicher Examinatoren hervorrief."

Im Mai 1815 kehrt er ins Priesterseminar zurück, um Exerzitien zu absolvieren. Am 23. Juni wird er zum Diakon geweiht. Am Mittwoch, dem 9. August, holt der Weihekandidat im Erzbischöflichen Sekretariat zu Lyon seine Papiere ab. Darin hieß es, daß ihn der Bischof von Grenoble für die Diözese-Lyon weihen könne, jedoch mit der Einschränkung, daß er erst zu einem späteren, dem Ermessen seines kirchlichen Oberen gutdünkenden Zeitpunkt die Sündenvergebungsgewalt erlangen solle. "Man traute ihm die Fähigkeit der Unterscheidung der Sünden nicht zu. Vianney hatte diesen kränkenden Vorbehalt entgegenzunehmen, er, der später der größte Beichtvater des Jahrhunderts werden sollte!"

Sonntag, den 13. August, wird er in der Kapelle des Priesterseminars von Grenoble dem Bischof Msgr. Simon vorgestellt, dem gegenüber man die Bemerkung macht, man habe ihn leider wegen einer Kleinigkeit stören müssen, es handle sich nämlich nur um eine einzige Weihe, worauf der Bischof so reagiert: "'Ce n'est pas trop de peine', repliqua-t-il 'avec un grave sourire, pour ordonner un bon pretre'". Die Priesterweihe selbst fand in der Kapelle des Seminars von Grenoble statt. Am folgenden Morgen zelebrierte Johannes Maria Vianney seine erste heilige Messe ebenfalls in dieser Kapelle und wollte das Priesterseminar nicht verlassen, bis er auch am Fest Maria Himmelfahrt noch einmal dort zelebriert hatte.

Johannes Maria hatte es geschafft. Mit neunundzwanzig Jahren und drei Monaten wurde er Priester. In den Augen des Mannes, dessen Demut einst alle Grenzen überschreiten wird, ist der Priesterstand von einer solchen Hoheit und Würde, daß er dafür sein Leben lang Worte finden wird, wie sie noch niemand vor ihm ausgesprochen hat: "Oh, was ist der Priester Großes! Wenn er verstünde, was er ist, er würde sterben..."

6. DER JUNGE PRIESTER UND DIE BERUFUNG NACH ARS

Zur übergroßen Freude von Johannes wird er zum Vikar in Ècully ernannt. Johannes war schon vorher durch sein Tun in Ecully bekannt geworden. "M. Vianney, se disaient-ils entre eux, nous a édifiés tandis qu'il étudiait parmi nous. Que sera-ce à présent qu'il est pretre?" Der junge Kaplan hat das seltene Glück, einen Heiligen als Lehrer und Vorgesetzten zu haben. Die beiden beten meist gemeinsam, und soweit es sich machen läßt, auch zur offiziellen Stunde das Brevier. Von seiner Mutter lernte Johannes-Maria die Frömmigkeit, von Pfarrer Balley lernt er nun die priesterliche Haltung und Gesinnung.

Wie oft hört er ihn sagen: "Mein Gott, ich liebe Dich aus meinem ganzen Herzen", und dann fühlt er sich selbst zu solcher Gottesliebe entflammt, daß er nicht aufhören kann, dasselbe zu beteuern: im Herzen, wenn er unter Menschen, und laut, wenn er allein ist. Eine herzliche Freundschaft verbindet die beiden. Gemeinsam schreiben sie Gebete zu Unserer Lieben Frau ab und verteilen sie in der Pfarrei; gemeinsam verfassen sie den Rosenkranz zur Unbefleckten Empfängnis; gemeinsam pilgern sie unter einem einzigen Regenschirm zu Unserer Lieben Frau von Fourvières, und gemeinsam arbeiten und studieren sie.

Täglich unterrichtet Balley ihn eine Stunde in der Glaubens- oder Sittenlehre und legt ihm Gewissensfälle zur raschen Entscheidung vor, die dieser ausführlich begründen muß. Als er sich von der Fähigkeit seines Kaplans, in Sittenfragen eine rasche Entscheidung zu treffen, hinreichend vergewissert glaubt, sucht er beim Generalvikar für ihn um die Beichterlaubnis an. 107
Nach kurzer Zeit ist die Sache erledigt, und das erste Beichtkind des neuen Vikars ist niemand anderer als sein Pfarrer. Von nun an beichtete der demütige Mann nur bei seinem Kaplan, und Vianney war aufs tiefste ergriffen vom Ernst und der Heiligkeit seines Pönitenten.

108 Pfarrer Balley wird immer mehr Vianneys geistlicher Vater. "Ohne diese prachtvolle Priestergestalt gäbe es keinen heiligen Pfarrer von Ars. Georges Bernanos setzte ihm im 'Tagebuch eines Landpfarrers' in der Figur des Pfarrers von Torcy kein historisches, aber dafür ein dichterisches Denkmal von unvergänglichem Wert." 109

Pfarrer Balley gehörte zu jenen französischen Priestern, die während der Revolution ihren Mann gestanden hatten. Hundertfach setzte er sein Leben aufs Spiel, wenn es darum ging, die Seelsorge auszuüben. Er gab sich als Schreiner aus, arbeitete praktisch im Schreinerhandwerk und war unermüdlich nebenher in der ganzen Umgebung priesterlich tätig. Er war ein Mann von tiefem Glauben und unerschütterlichem Gottvertrauen, ein Priester nach dem Herzen Gottes. Zweieinhalb Jahre durfte Johannes Maria Vianney als Vikar an der Seite von Pfarrer Balley wirken.

Was diese Zeit für ihn gewesen ist, hat er später in folgenden Worten zusammengefaßt: "Welch ein Segen wäre es für mich gewesen, wenn ich bis zu meinem Tode an der Seite von Pfarrer Balley hätte bleiben dürfen. Niemand anderer hat mich eine größere Selbstentäußerung gelehrt, als er es getan hat und gezeigt, wieweit es möglich ist, daß der Mensch fähig wird, ein engelgleiches Leben zu führen." 110

Der Pfarrhaus von Ecully wird zum Schauplatz eines heiligen Wettstreites. Die beiden Priester wollen einander im Bußetun übertreffen. Claudin Bibost und ihre Tochter Colombe müssen nun auch dem Kaplan, wie früher schon dem Pfarrer, ein härenes Bußhemd machen, das er von nun an auf dem bloßen Körper trägt. Das Essen im Pfarrhaus ist ebenfalls ganz nach dem Sinn der heroischen Büßer: wenig und mager. 111

Eine der Haupttätigkeiten von Johannes-Maria wird nun auch der Katechismusunterricht. Auf der Kanzel spricht er kurz und klar, während er später sehr lange Predigten halten wird. Marguerite Vianney, der man nicht übertriebene Parteilichkeit nachsagen kann und die ihre Worte auch nicht auf die Goldwaage legt, sagt später aus: "Er predigte damals noch nicht gut, meiner Meinung nach, und doch, wenn er dran war, strömten die Leute in die Kirche. " 112

Sie selbst kommt auch aus Dardilly, um ihn zu hören. Dieser Priester von dreißig Jahren scheute sich nicht, das Laster mit aller Leidenschaft anzugreifen. Schon damals ist Vianney dank eines echten Gefühls für das Wesen der Heiligkeit fähig, zwei Haltungen miteinander zu verbinden, die einander oft entgegenstehen: die Kontemplation, das Zurückziehen in sein Inneres, und die tätige Nächstenliebe.

Letzteres zeigt sich beispielsweise bei seinem unendlichen Einsatz für die Armen. Sein bescheidenes Vikarsgehalt fließt in die Hände derer, die noch ärmer sind als er. "Er gibt und gibt, unvernünftig, wie es die Heiligen tun, und daran wird nie jemand etwas ändern können." 113 Über seine Einstellung, lieber den Armen etwas geben, als sich selber etwas zu leisten, gibt es auch folgende Erzählung: Eines Tages schickt ihn der Pfarrer zu einer Frau nach Lyon und sagt: "Sie müssen aber heute die neue Hose anziehen, die man Ihnen geschenkt hat." Der Kaplan tut, wie ihm geheißen ist: er geht in einer neuen Hose fort und kommt in einer alten, zerlumpten heim. "Ja, was haben Sie denn mit Ihrer neuen Hose gemacht?"; "Die hab' ich einem ganz durchfrorenen Bettler gegeben und dafür die seine eingetauscht." Wiederum hat er es nicht über das Herz gebracht, einem Armen eine Bitte abzuschlagen.

Wenn zwei Heilige zusammen leben, gibt es nicht nur ein Leben der Buße und des Gebets, sondern auch oft kuriose Geschichten, wie zum Beispiel folgende, die bei Hünermann zu finden ist:
"Eines Tages verkündete Herr Balley seinem Mitarbeiter, er müsse unbedingt einmal nach Lyon. 'Das trifft sich gut, ich habe den gleichen Weg und kann Sie begleiten.' 'Was willst du denn dort?' 'Ich möchte zum Buchhändler Ruzand.' 'Na gut, gehen wir zusammen...' Während Vianney, in Lyon angelangt, den Weg in den Buchladen nahm, klopfte Herr Balley beim Prälaten Courbon, dem Bistumsverweser, an. 'Ich möchte mit Ihnen ein ernstes Wort über meinen Kaplan sprechen', sagte er bekümmert. 'Er mutet sich viel zu viel zu und richtet seine Gesundheit zugrunde durch übertriebene Kasteiung. Sprechen Sie einmal ein ernstes Wort mit ihm!' 'So, so!', nickte Courbon, 'Ist das Ihre einzige Klage?' 'Ja, meine einzige! Ich wünsche mir sonst keinen besseren Kaplan.' Als Balley den Prälaten verließ, begegnete ihm bei der Tür sein Mitarbeiter Vianney. 'Was willst du denn hier?', fragte er verblüfft. 'Ach, nur eine Kleinigkeit!' antwortete der Kaplan. 'Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, können wir gemeinsam nach Hause gehn.' 'Nun, was führt sie zu mir?', fragte Courbon, von einem Aktenbündel aufblickend. 'Ich möchte mit Ihnen über meinem Pfarrer sprechen, Monseigneur!', antwortet Vianney ein wenig verlegen. 'Er richtet sich zugrunde mit seinen übertriebenen Kasteiungen. Schließlich ist er doch ein alter Mann, der Geißel und Bußgürtel nicht mehr gebrauchen sollte.' 'So, so!' nickte Courbon. 'Haben Sie sonst noch eine Klage über ihn?' 'o nein, sonst ist er der beste Pfarrer von der Welt.' 'Ich werde gelegentlich mit ihm reden!', antwortete der Prälat, mühsam ein Lächeln verbergend." 114

Diese ungewöhnliche Herzensfreundschaft zwischen Kaplan und Pfarrer sollte nicht mehr lange währen. Der körperliche Zustand von Pfarrer Balley verschlechtert sich mit jedem Tag. Im Februar 1817 wirft ihn ein Beingeschwür aufs Krankenlager. Der Sommer bringt zwar einige Erleichterung, aber keine Heilung. Im folgenden Winter verschlechtert sich die Lage. Auf die Nachricht vom schlimmen Zustand des heiligmäßigen Pfarrers eilen die Nachbarpriester, die ihn wie einen Vater verehren und lieben, an sein Krankenbett.

Aus der Hand seines Kaplans empfängt Vianney die Sterbesakramente. Abbé Balley bittet mit fester Stimme seinen Vikar und die anderen anwesenden Personen 'um Verzeihung für alles, was er ihnen an Ärgernis geboten habe' - er, der nie etwas anderes getan hat, als ein gutes Beispiel zu geben. 116

Am nächsten Tag übergibt der Sterbende seinem Gefährten heimlich, fast verschämt, seine Bußwerkzeuge: "Tenez, mon pauvre enfant, lui murmura-t-il à oreille, cachez celà: si l'on découvrait ces objets après ma mort on croirait que j'ai suffisamment expié pour mes péchés; on me laisserait en purgatoire jusqu'à la fin du monde." 117

Das letzte, was er für den zu seinen Füßen schluchzenden Kaplan, die schönste und edelste Frucht seines ganzen Priesterwirkens, hat, ist sein priesterlicher Segen. "Behüt Dich Gott, liebes Kind! ... Hab' Mut! ... Hör' nicht auf, den Herrn zu lieben und Ihm zu dienen! Denk' im heiligen Opfer an mich! ... Dort oben werden wir uns wiedersehen ...!" Wenig später haucht er seine Seele aus. Vianney beweint seinen priesterlichen Freund wie ein Sohn seinen Vater. Verdankt er ihm nächst Gott doch alles. Sein Verdienst ist es, daß er heute am Altar stehen und in der Seelsorge arbeiten darf. Er wird den unermüdlichen heiligen Priester stets in seinem Herzen tragen und nur mit Tränen in den Augen von ihm sprechen. 118

Dieser Tod seines liebsten Freundes wird nun im Zusammenhang mit einer ganz neuen Entscheidung für sein weiteres Leben stehen. Obwohl ihn die Menschen von Ecully am liebsten als neuen Pfarrer gesehen hätten, kommt alles anders. Zwei Monate nach dem Tod von Balley wird er vom Generalvikar zum Seelenhirten von Ars ernannt. Von nun an sollte sein Wirken ganz andere Dimensionen bekommen. Bei seiner Ernennung sagt der Generalvikar zu ihm: "Gehen Sie, mein Freund", sagt er, "es ist nicht viel Gottesliebe in dieser Pfarrei. Sie sollen ihr diese bringen." 119

7. DER EINZUG IN ARS Ars liegt etwas mehr als dreißig Kilometer nördlich von Lyon und ist - als Vianney dorthin berufen wird - ein kleines Dorf mit nur zweihundertdreißig Einwohnern. Armselige, mit Stroh gedeckte Häuser gruppieren sich um eine kleine Kirche. Das Dort ist so trostlos, wie es viele Gemeinden in der französischen Provinz sind. Am 3. Februar 1818 verrichtet Johannes-Maria seinen letzten Dienst in Écully. Am 9. Februar 1818 macht sich Johannes Maria Vianney, ehemaliger Vikar von Écully, frühmorgens auf den Weg in seine neue Pfarre, sein neues Dorf: Ars. Er wird von Mutter Bibost zu Fuß begleitet. Außerdem folgt ihnen noch ein Wagen mit dem bescheidenen Gepäck des jungen Priesters und der kostbaren Erbschaft, die er gemacht hat: die Bibliothek Abbé Balleys. 121

Nach einigen Stunden verlassen sie nun das Saônetal und steigen zu den Höhen der Dombes hinauf. Der Weg wird immer schlechter. Man versinkt bei jedem Schritt im Schlamm. Außerdem fällt immer mehr Nebel ein. "'Hier scheint wirklich die Welt zu Ende zu sein!', seufzt Mutter Bibost. 'Daß man Sie aber auch in einen so verlorenen Winkel schicken muß. Das haben Sie doch nicht verdient! Wären Sie nur in Écully geblieben.' 'Die neue Stelle ist sicher noch viel zu gut für mich!', antwortete der Pfarrer. 'Eine bessere habe ich auf keinen Fall verdient, und wo ein Priester ist, da ist auch der liebe Gott.' 122

Inzwischen haben sie sich so verirrt, daß sie nicht mehr ein noch aus finden. Auf einmal hören sie Kinderstimmen. Es sind Kinder, die in der Gegend Schafe hüten. Mühsam verständigt man sich mit ihnen, da sie einen ziemlich unklaren Dialekt sprechen. Schließlich findet sich doch ein Junge, Antoine Givre, der ihnen den Weg nach Ars zeigt. Im Anschluß an diese Handlung findet eine der wohl berühmtesten Aussagen des Johannes-Maria Vianney statt:
" 'Mon petit ami', lui dit le pretre pour l'en remercier, 'tu m'as montré le chemin d'Ars; je te montrerai le chemin du ciel'." 123

"Dies war mehr als ein spontanes Wort. Die Aussage nimmt in nuce Vianneys ganze Tätigkeit in diesem unscheinbaren Dörflein vorweg: Den Weg zum Himmel hat er den Menschen in Ars auf eine einzigartige Weise gezeigt; er sollte ihnen fortan im Gewissen brennen." 124 Dieser Antoine Givre sollte auch der erste Bewohner von Ars sein, der nach dem Tod des Pfarrers ebenfalls sterben sollte. Beim Anblick des Dorfes sinkt Johannes-Maria in die Knie und beginnt zu seinem Schutzengel zu beten. Beim Anblick seines Dorfes denkt er sich: "Wie klein das ist!", und sogleich wird er wieder von einer jener Visionen, die ihn sein Leben lang erleuchten werden, erfaßt, die ihm sagt: "Diese Pfarre wird die Menschen nicht fassen, die später einmal hierher kommen werden." 125

Sofort nach der Ankunft in Ars besucht Vianney die Kirche. Verödet liegt das Heiligtum, in dem seit Wochen kein Gottesdienst mehr gehalten worden ist. Die Kirche ist lange ohne Beter gewesen, der Altar ist ohne Schmuck. Das ewige Licht ist erloschen, doch das Allerheiligste ist noch da. Johannes-Maria wirft sich auf die Stufen nieder und verweilt lange im Gebet. Erst beim Anbruch der Dunkelheit wird er von Mutter Bibost bedrängt, endlich mit dem Ausräumen zu beginnen. Beim Besichtigen des Pfarrhofs wächst seine Unzufriedenheit, da sich einerseits eine verwahrloste Kirche in Ars befindet, gleichzeitig aber das Pfarrhaus mit den feinsten Möbeln ausgestattet ist.

In Ars befindet sich neben vier Wirtshäusern und einigen anderen Häusern auch ein Schloß, jenes des Grafen Garets d'Ars. Es ist ein ländliches Herrenhaus, groß und still liegt es inmitten alter Bäume, einsam, ein wenig traurig. Das Schloß wird von einem Fräulein, Mademoiselle d'Ars, bewohnt. Diese Dame ist mittleren Alters und sittenstreng. Sie betet jeden Tag das Brevier in Gesellschaft eines treuen Dieners. Außerdem hat sie dafür gesorgt, daß im Pfarrhof die neuen Möbel hinkommen. 128 Sie wird auch weiterhin immer wieder dem Pfarrer hilfreich zur Seite stehen.

Am nächsten Tag läutet er zur Messe, was aber vorerst nur ganz wenige wahrnehmen wollen. Trotzdem erfährt auch bald der letzte Mensch im Dorf, daß ihr Pfarrer angekommen sei, und jetzt an jedem Morgen die hl. Messe in der Kirche gefeiert werde. 127 Am gleichen Tag fährt Vianney zu dem Schloßfräulein, um sich vorzustellen und um ihr all die schönen Möbel aus dem Pfarrhaus wieder zu bringen. Nach einem kurzen Gespräch verläßt er das Schloß wieder. Im Anschluß an dieses Treffen sagt das Schloßfräulein zu ihrem Diener:"Der Bischof hat uns einen guten und eifrigen Priester geschickt. Er will nichts für sich, aber alles für seine Kirche und den Heiland. Ars kann sich Glück wünschen zu einem solchen Seelsorger." 128

Beim Einführungsgottesdienst am 13. Februar 1818 ist schließlich fast die ganze Gemeinde versammelt, um ihn zumindest einmal gesehen zu haben. Johannes-Maria Vianney wird gleich bei der ersten Meßfeier von so manchem bewundert. Seine tiefe Art, wie er die Messe feiert, läßt schon am Beginn keinen unbewegt. "Nous avons une pauvre église, mais nous possédons un saint curé",128 meinte Bürgermeister Mandy.

Trotzdem dauerte es nicht lange, bis Vianney über den Zustand seiner Gemeinde völlig im Bilde war. Die Einsicht war auch unschwer zu erlangen; sie bot sich von selbst an. Die Einwohner zeigten ihrem Pfarrer die kalte Schulter; sie waren an einem kirchlichen Leben nicht im Geringsten interessiert. Von einer christlichen Gemeinde konnte also keine Rede sein. Die Auswirkungen der Französischen Revolution waren in Ars ganz besonders zu spüren.

Georges Bernanos schildert in seinem Roman: "Die tote Gemeinde" die entseelte Situation eines Dorfes, indem er den Pfarrer sprechen läßt: "Was wollt ihr heute morgen hier in der Kirche? Was wollt ihr von eurem Priester? Gebet für diesen Toten? Aber ohne euch vermag ich nichts. Ich vermag nichts ohne meine Gemeinde, und ich habe keine Gemeinde. Es gibt keine Gemeinde mehr, meine Brüder ... ein Dorf und ein Pfarrer, das ist keine Gemeinde. Gewiß, ich möchte euch dienen, ich liebe euch, ich liebe euch, so wie ihr seid, ich liebe euer Elend; manchmal kommt es mir vor, als ob ich eure Sünden liebte, eure Sünden, die ich so gut kenne, eure armen freudlosen Sünden. Und es ist wirklich so, daß ich mit allen meinen Kräften um euch leide und für euch bete." 130

Dies spiegelt Wort für Wort den Zustand der Gemeinde in Ars wider. Vianney trifft auf eine tote Gemeinde, beklagt sich darüber aber nicht, sondern versucht nun aus der toten Gemeinde eine lebendige Gemeinde aufzubauen. Daß dies nicht von heute auf morgen gehen würde, war ihm bewußt.

Vianney weiß, daß er seine Pfarrei zur Umkehr bewegen muß. Dies kann aber nur Gott bewirken. Von ihm muß sie erfleht werden. "Die Umkehr einer Gemeinde bewirken, heißt in einen Kampf einzutreten. Der Geisteskampf richtete sich gegen das Neuheidentum, das durch die Revolution und Napoleon entstanden war und Vianney in Ars unverhüllt entgegentrat. Das Neuheidentum ist nicht dem alten, vorchristlichen Heidentum gleichzusetzen. Das alte Heidentum glaubte an Götter; eine alte griechische Landschaft war mit Tempeln übersät, in denen man ernsthaft opferte. Paulus bestätigte in seiner Areopagrede den Athenern, daß sie 'in allen Stücken gar sehr die Götter fürchteten'. Das Neuheidentum dagegen hascht nur nach Glück und ist gegenüber dem Christlichen völlig gleichgültig. Die Indifferenz ist das Charakteristikum des Neuheidentums. Es besteht in einer ausgelaugten Dekadenz. Der neuheidnische Mensch wird von einer gespenstischen Lehre gepeinigt; die Sinnlosigkeit versteinert sein Gesicht zu einer Maske." 131

8. ARS

So ist Johannes-Maria Vianney also Vikar in Ars. In der ersten Zeit seines Wirkens versucht er auf verschiedene Weise ein Leben in Heiligkeit zu gestalten. Wie schon erwähnt, hat er all den übertriebenen Luxus im Pfarrhaus sofort dem Schloßfräulein zurückgebracht. Anstelle dessen behält er sich nur eine einfache Bettstelle, zwei alte Tische, zwei Schränke und ein paar handgeflochtene Stühle sowie einige kleine Haushaltsgegenstände. "Sehr bald beginnt der Pfarrhof in Ars jenen einzigartigen Anblick zu bieten, der in der Folgezeit so viele Besucher beeindruckt hat.'Man spürte wohl, daß darin jemand lebte, aber man war eher versucht zu glauben, daß es die Behausung eines Geistes sei, so sehr fiel einem das Fehlen der lebenswichtigsten Dinge auf.'" 132

Ein weiterer Aspekt dieser gelebten Heiligkeit ist die Nahrungsaufnahme des Pfarrers. Er kennt keine Menüsorgen und verliert mit dem Einkauf kaum Zeit. Seine Hauptmahlzeit bestand aus Kartoffeln, die er jeweils für eine ganze Woche kochte. Es störte ihn nicht, wenn sie am Ende der Woche schimmlig waren. "Sie sind nicht schlecht und immer noch brauchbar", meinte er einsilbig. 133 Er aß meist nur einmal am Tag.

Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in Ars versucht Johannes-Maria, seine Pfarrkinder kennenzulernen. Er muß dabei etwa sechzig Familien besuchen. Für diese Besuche wählte er gewöhnlich die Essensstunde, da er dabei die ganze Familie antrifft. Um niemanden zu stören oder zu überraschen, kündigte er von weitem sein Kommen an, indem er den Hausherrn beim Vornamen ruft. Dann betritt er das Haus und macht allen ein Zeichen, daß sie sich in ihrem Tun nicht stören lassen sollten. Klug und verständig versucht er mit den Bauern ins Gespräch zu kommen, vor allem reden sie über die materiellen Angelegenheiten, über die Ernte, die Arbeit, die großen und kleinen Leiden.

Er informiert sich über alles, über die Verwandschaftsverhältnisse und Beziehungen eines jeden. Dann aber vollzieht er "ebenso geschickt wie behutsam einen Übergang" und beginnt, von den göttlichen Dingen zu sprechen - nicht auf eine langweilige, abschreckende Weise, nein, seine Reden sind durchwirkt von Bildern, Anekdoten, fesselnden Geschichten, die er aus seiner emsigen Lektüre der Heiligenleben nimmt. Er hat schon damals eine eigene Art, diese Dinge zu erzählen, die die Zuhörer in Atem hält, und wenn er geht, bleiben sie wie verzaubert zurück. 134

Das Schloß von Ars - von dem bereits die Rede war - ist zu jener Zeit auch eine Zufluchtsstätte für alle Armen und Leidenden der Gegend. Von früh bis spät beschäftigte sich Mademoiselle d'Ars damit, "Kleider in allen Größen herzustellen, für Greise, Frauen und neugeborene Kinder. Sie weiß alle armen Familien in der Nachbarschaft auswendig. Jede ihrer Arbeiten hat ihre genaue Bestimmung, sie ist darauf bedacht, sich die gröbsten und unangenehmsten vorzubehalten." 135
Dieser Dienst für die Armen, der für Johannes-Maria schon immer eine seiner "Leidenschaften" war, wird nun in Ars immer "extremer" betrieben werden. Bei Hünermann findet man dafür folgende Geschichte: Frau Renard, die ihn "versorgte", brachte ihm jeden Tag einen frischen Laib Weißbrot. Eines Tages entdeckt sie, wie es zu einem ungewöhnlichen Tausch an der Tür des Pfarrhauses kommt. Ein Bettler tauscht seine alten Brotkrusten gegen das frische Weißbrot des Vikars. "So gehen Sie also mit meinem schönen Weißbrot um!", schüttelte die Näherin Renard den Kopf; "Der Tagedieb hätte seine Krusten selbst aufweichen und essen können." "Sprechen Sie nicht so von ihm!" erwiderte Vianney streng; "Es ist doch unser lieber Herr selber, der als Bettler zu uns kommt. Für ihn ist doch das Weißbrot nicht zu schade." 136

9. ) DER AUFBAU DER GEMEINDE VON ARS

Der Kampf um die "Seele von Ars" sollte zwar ein Leben lang dauern, trotzdem ist es vor allem das erste Jahrzehnt, in dem sich in Ars die wichtigsten Veränderungen ergeben. Wie schon gesagt, geschieht dies vor allem durch das unermüdliche Gebets- und Bußleben von Johannes-Maria Vianney.

A. Gebet

"Mon Dieu, suppliait-il, accordez-moi la conversion de ma paroisse; je consens à souffrir tout ce que vous voudrez tout le temps de ma vie! ...Oui, pendant cent ans les douleurs les plus aigues, pourvu qu'ils se convertissent!" 137
Diese Worte hört Bürgermeister Mandy eines Tages aus den Worten des jungen Vikars, als er ihn eines Tages im Wald kniend vorfindet. Der Bürgermeister verhält sich ruhig, stellt aber fest, daß der Pfarrer Tränen in den Augen hat. Der Anblick und das Anhören des Gebetes erschüttern seine Seele zutiefst. Er begibt sich ins Dorf zurück und gelobt, seinerseits alles zu tun, damit dieser heilige Priester in Ars das erreicht, worum er den lieben Gott angefleht hat. 138
Zum Gebetsleben von Vianney gehörten der Rosenkranz, das Brevier, vor allem aber die Messfeier und die Anbetung der heiligsten Eucharistie.

Bereits um vier Uhr früh kniet er vor dem Tabernakel und bereitet sich auf das heilige Opfer vor. Er ist ganz Anbetung, Dankbarkeit, Sehnsucht; sein Herz, er selbst ist nur noch für Gott da. Wenn er dann gegen sieben Uhr die Stufen des Altares hinansteigt, trägt er zwar die Sorge um das Heil seiner Gemeinde mit hinauf, aber die Welt um ihn herum ist versunken. "Bei der heiligen Wandlung kommt es wie eine Ekstase über ihn; aus den Augen bricht ein Leuchten, das sein ganzes Gesicht verklärt, die Tränen laufen ihm über die Wangen und die Anwesenden, denen er verboten hat, ihn am Altar indiskret zu betrachten, schauen unwillkürlich zur Erde, ob seine Füße noch den Boden berühren." 139

B) Buße

Eines jener Dinge, die einem "aufgeklärten" Menschen am merkwürdigsten, wenn nicht sogar am unverständlichsten vorkommen müssen, ist die Tatsache der Bußübungen des Johannes-Maria Vianney. Sein Vorbild dafür dürfte wohl - wie in so vielen anderen Dingen - sein inzwischen verstorbener Freund Pfarrer Balley gewesen sein. Obwohl er es vermied, daß andere Menschen etwas über seine Bußpraxis erfahren sollten, sickerten doch immer wieder Anzeichen davon durch, was sich im Pfarrhaus von Ars oft abgespielt haben muß.

Wie schon erwähnt verzichtet er vollkommen auf jeden Luxus. In der Praxis heißt das, daß zum Beispiel nachts nicht in seinem Bett schlief, sondern sich auf ein Reisigbündel in der Küche legte. Da dieses aber feucht war, zog er sich ein neuralgisches Gesichtsleiden zu, unter dem er fünfzehn Jahre schwer zu leiden hatte. Später verlegt er sein Nachtlager auf den Speicher, wo er als Kopfkissen einen herausstehenden Dachbalken benutzte. 140

Als besonderes Bußinstrument verfügte Johannes-Maria Vianney über eine Bußgeisel, die er sich selbst angefertigt hatte und von der er reichlich Gebrauch machte. Katharina Lassagne, die die Wäsche des Pfarrers besorgte, erklärte: "Es war mitleiderregend, feststellen zu müssen, daß die linke Seite seiner Hemden immer zerfetzt und blutdurchtränkt war." 141
Ein Teil seines Zimmers war durch einen Vorhang abgetrennt. In einer Ecke dieses Zimmers waren die Wände mit Blutspritzern übersät. Der Umstand, daß er später so manches Tun als "jugendliche Torheiten" bezeichnen wird, relativiert zwar das Ganze, trotzdem bleiben viele Fragen nach dem "Warum" vielleicht für immer unbeantwortet. Später wird er auch auf die Frage, wie man die Seelen auf den rechten Weg führt, antworten: "Der Teufel macht sich wenig aus der Bußgeisel und andern Bußinstrumenten. Was ihn aber zur Raserei bringt, das sind Enthaltsamkeit im Trinken, Essen und Schlafen. Nichts fürchtet der Teufel mehr als gerade das - nichts aber ist auch Gott angenehmer." 142

Für Johannes-Maria gehörten derartige Bußübungen einfach zum Christentum dazu, vor allem aber auch, um stellvertretend Buße für die Ungläubigen in seiner Pfarre zu tun. "Der Heilige sprang für seine Gemeinde in die Lücke. Das seltsame, für moderne Ohren beinahe unverständliche Wort "Stellvertretung" besaß für ihn einen tieferen Sinn. Als Beichtvater pflegte er gelegentlich zu sagen: 'Mein Rezept ist dies: ich gebe den Sündern eine kleine Buße auf und leiste den Rest an ihrer Stelle.'" 143
Das stellvertretende Handeln läßt sich auch aus dem Neuen Testament herauslesen. Christi Leiden und Sterben haben stellvertretende Bedeutung, und an ihr wollte Johannes-Maria Vianney ebenfalls anteilig werden.

Exkurs: Der Jansenismus

Versucht man das Tun des Pfarrers von Ars ein bißchen zu verstehen, muß man unbedingt auch das Phänomen "Jansenismus" beleuchten. Johannes-Maria Vianney war, genauso wie sein Lehrer Balley, vom Jansenismus beeinflußt. Der Jansenismus war eine gefährliche Verirrung, die unter dem Schein besonderer Frömmigkeit und Strenge eine einseitig überspitzte augustinische Erbsünden- und Gnadenlehre, nicht ohne Beeinflussung durch den Calvinismus, in die katholische Theologie und Frömmigkeit einführte. Ihr Gründer war der belgische Bischof Cornelius Jansen. Aus seinem Buch "Augustinus", das 1640 entstand, wurden einige Sätze auf Betreiben der Jesuiten von Rom verurteilt. Zentrum des Jansenismus war das Zisterzienserinnenkloster Port-Royal bei Versailles. Um dieses Kloster herum bildete sich eine Gruppe von Gelehrten, darunter zum Beispiel Anton Arnauld und Blaise Pascal. Um 1710 ließ Ludiwg XIV. Port-Royal niederreißen, wodurch sich die Jansenisten veranlaßt sahen, nach Holland zurückzuziehen. 144

Obwohl der Jansenismus mit seiner Lehre verurteilt wurde, lebte er als unterdrückte Strömung, die sich gegen ein laxes Christentum richtete, in der Kirche weiter. Walther Nigg geht dahin, daß er im Jansenismus Theologie und Frömmigkeit unterscheidet. "Zwar sind sie eng miteinander verbunden, aber doch nicht zu identifizieren." 145
Die Jansenisten erhoben gegen die Priester ihrer Zeit den Vorwurf, sie gingen mit der Lossprechung im Beichtstuhl zu leichtfertig um. Außerdem vertraten sie die Ansicht, daß man aller Fröhlichkeit entsagen muß. Der Christ soll sein Leben als ein einziges Opfer bewerten und den sündigen Leib beständig bestrafen. "Die jansenistische Frömmigkeit ist, wie der Pietismus auf protestantischer Seite, von einem gewissen Rigorismus nicht freizusprechen. Trotz dieser Grenzen der jansenistischen Frömmigkeit muß man ihren großen Ernst anerkennen. Sie nahm den Kampf gegen die Laxheit auf." 146

Walther Nigg meint weiters: "Der heutigen Christenheit würde eine Spritze jansenistischer Frömmigkeit - nicht jansenistischer Theologie! - ganz gewiß nicht schaden. Vielleicht trüge sie sogar zu ihrer Genesung bei, indem sie ihrer religiösen Tändelei Einhalt geböte." 147

10.) DER PFARRER VON ARS UND SEINE KIRCHE

Gleich zu Beginn seines Einzugs in Ars verstand jeder, daß Johannes-Maria Vianney die Ausstattung seiner Wohnstätte nichts, die Ausstattung des Gotteshauses aber alles bedeutete. So machte er sich vom Anfang bis zum Ende seines Wirkens daran, die Kirche, die Wohnung Gottes, zu erneuern. Die erste Arbeit, die er am Kirchlein selbst in Angriff nimmt, ist der Wiederaufbau des Glockenturms, der durch die Revolution zerstört worden ist. Kaum ist der Turm fertig, kauft Vianney auf eigene Kosten eine Glocke. Mitten in der Planung zur Vergrößerung der Kirche - sie ist mit zwanzig Metern Länge und fünf Meter Breite zu klein, um alle Arser zu fassen - gibt es einen Zwischenfall, der schon nach zwei Jahren Wirken von Johannes-Maria Vianney erkennen läßt, daß er die Herzen von so manchen bewegen konnte: Im April 1820 erhält er eine Ernennung zum Pfarrer von Salle im Beaujolais. Durch glückliche Umstände - aufgrund des Anschwellens der Saône verzögerte sich seine Abreise - kommt es aber nicht dazu, da eine Delegation der Gemeinde sofort zum Generalvikar aufbricht, um vorstellig zu werden. Generalvikar Courbon macht keine Schwierigkeiten und zieht die Versetzung zurück. 148

Die Arser sind durch diesen Vorfall beunruhigt, sodaß sich nun die Gemeinde bemüht, eine eigene Pfarre zu werden. Mit dem Dekret vom 20. Juni 1821 wird Ars zur Pfarrei erhoben, und Johannes-Maria Vianney ist nun auch formell Pfarrer von Ars. Munter baut er nun die Kirche weiter. Die erste Seitenkapelle in der Kirche - bis jetzt gab es keine - widmet er der Muttergottes. In dieser Kapelle wird er jeden Samstag die Messe feiern. 1823 läßt er zu Ehren von Johannes dem Täufer eine Kapelle errichten. Zu dieser Weihe am 24. Juni 1823, dem Titularfest der Pfarre, findet sich sein alter Studienkollege Loras ein, um in Ars zu predigen. Daß es mit dieser Täuferkapelle eine eigene Bewandtnis hat, gesteht der Pfarrer von Ars später selbst ein. An einem der auf die Weihe folgenden Sonntage entschlüpft ihm auf der Kanzel das Wort: "Meine Brüder, wenn ihr wüßtet, was sich in dieser Kapelle zugetragen hat, so würdet ihr es nicht mehr wagen, sie zu betreten" Und wie um sich zu verbessern, fügt er schnell hinzu: "Mehr sage ich euch nicht, nein mehr sage ich euch nicht." 149

Später wird Johannes-Maria noch weitere Seitenkapellen errichten, die natürlich alle heute noch vorhanden sind. Eine weitere Besonderheit seines Wirkens stellen dabei die Finanzen dar. Wie kommt er zu Geld, um all dies zu verwirklichen? Obwohl er fast nichts von seinem Einkommen für sich selber benötigt, reicht es bei weitem nicht, - vor allem da er auch immer wieder den Armen zu Hilfe kommt - um alle Rechnungen bezahlen zu können. So wendet er sich immer wieder an reiche Gönner, die ihm aushelfen. Die "Vorsehung Gottes" hat ihn dabei nie im Stich gelassen. Abgesehen davon führt er auch viele Arbeiten, wie zum Beispiel Malen, selber durch. Eine besondere Hilfe ist ihm immer auch der Graf Garnier des Garets d'Ars - dieser läßt sich bald nach der Ankunft von Vianney ebenfalls in Ars nieder - gewesen, der ihn praktisch nie im Stich ließ. 150

11. DER PFARRER VON ARS UND DAS TANZEN

Das Tanzen und das Wirtshausleben sollten von Anfang an einer der Hauptangriffspunkte seiner Tätigkeit in Ars sein. Obwohl Ars ein kleines Dorf war, gab es vier Wirtshäuser, wo sich am Wochenende auch die Menschen aus Nachbarsorte eintrafen. In diesen Gaststätten floß der Alkohol in Strömen. Außerdem trafen sich zu jedem Anlaß die Menschen zum Tanz. Fünfundzwanzig Jahre wird er brauchen, um dieses "Tanzlaster" aus Ars zu verbannen. Natürlich trifft seine Einstellung zum Tanz auf sehr viel Spott, dem er aber trotzt. Mit Vehemenz greift er in seinen Predigten immer wieder den Tanz auf.

Mit einer großen Geistesschärfe erklärt er: "Eines Tages stand ich vor einem großen Feuer. Ich nahm eine Handvoll ganz trockenen Strohes und warf dies hinein mit der Bemerkung, nicht zu verbrennen. Die dabei standen und alles beobachteten, lachten mich aus und spöttelten: Das haben Sie zwar gut sagen, aber das wird nicht verhindern, daß das Stroh dennoch verbrennt. - Und was sollte ich diesen Menschen darauf zur Antwort geben? Und Sie, gute Mutter, was denken Sie darüber? Erkennen Sie sich in dieser Sache nicht selbst wieder? ... Geschah es nicht, daß Sie Ihrer Tochter erklärten: Meinetwegen kannst Du wohl zum Tanzen gehen, aber schicke Dich! 151

Dann brauste er mit unerbittlicher und scharfer Stimme auf. "Der Teufel umgibt eine Tanzveranstaltung gleich einer Mauer um einen Garten. Der Tanz ist jener Strick, mit dem der Teufel die meisten Seelen in die Hölle zieht. Wer zum Tanzen geht, läßt vielfach seinen Schutzengel an der Türe zurück und der Teufel ersetzt ihn, so daß es im Tanzsaal alsbald ebensoviel Teufel wie Tänzer und Tänzerinnen gibt."152

So kam es auch vor, daß ein Dorfmusikant, der eines Tages nach Ars gekommen war, um zum Tanz aufzuspielen, vom Pfarrer von Ars die doppelte Summe dessen angeboten bekam, was er sonst verdient hätte, wenn er von seinem Vorhaben abließe und seiner Wege ginge. Ob der Pfarrer von Ars grundsätzlich gegen das Tanzen war oder nur die Folgen des Tanzen bekämpfen wollte, wird wohl eine offene Fragen bleiben.

Mit gleicher Heftigkeit griff Vianney immer wieder auch die Wirtshäuser an: "Das Wirtshaus, das ist die Werkstatt des Teufels, die Schule, wo die Hölle ihren Unterricht gibt, der Ort, wo man die Seelen verkauft, wo die Ehen zerstört werden, wo die Gesundheit untergraben wird, wo der Streit anfängt und die Morde begangen werden." 153
Im Laufe der Zeit kam es dann tatsächlich dazu, daß nach und nach alle Wirtshäuser schließen mußten.

Dem Tanzen und dem Wirtshaus setzte der Pfarrer von Ars nur eines entgegen: sein Leben, sein Gebet, seine Abtötungen, sein Fasten und seine Schmerzen. Doch wer steckte hinter all dem? Denjenigen sollte Johannes-Maria Vianney bald auf ganz neue Weise kennenlernen.

12. DAS ENTSTEHEN DER GEBETSGEMEINSCHAFTEN UND DIE KINDER VON ARS

Wie bringt man eine Gemeinde zum Gebet? Diese Frage stellt sich der junge Pfarrer von Ars immer wieder. Obwohl sich schon am Anfang seines Wirkens in Ars eine Handvoll Menschen, vorwiegend Frauen, zur Messe und zum Gebet einfanden, blieb doch der überwiegende Teil der Bewohner sogar am Sonntag auf dem Feld, um zu arbeiten, oder ging lieber ins Wirtshaus. Eines Tages, als Johannes-Maria Vianney wieder einmal am frühen Morgen zur Kirche geht, sieht er in der Kirche den Bauern, Vater Louis Chaffangeon, wie er im Gebet vor dem Allerheiligsten verweilt. Louis Chaffangeon ist eine der Ausnahmen von Ars; er besucht ganz von Anfang an regelmäßig vor Beginn seiner Arbeit die Kirche. Seinem Nachbarn, der ebenfalls auf dem Feld arbeitet, fällt das lange Fehlen auf, und er stellt ihn zur Rede. Bei Trochu findet man dazu folgende Dialoge:
"'Que fais-tu là si longtemps?', lui demanda-t-il.
L'autre lui répondit: 'J'avise le bon Dieu, et le bon Dieu m'avis.'
Et à ce simple récit qu'il aimait à faire et qui lui amenait chaque fois des larmes, le curé d'Ars ajoutait: 'Il regardait le bon Dieu et le bon Dieu le regardait. Tout est là, mes enfants!' ". 154

Die Männer müssen wieder zum Gebet gebracht werden. Um dies zu veranlassen, versucht Johannes-Maria Vianney, eine theoretisch bestehende, aber völlig eingeschlafene Sakramentsbruderschaft neu zu beleben. "Die Männer haben ebenso gut eine Seele zu retten wie die Frauen", meint er. "Sie sind sonst überall die ersten. Warum sollten sie nicht auch beim Gottesdienst und bei der schuldigen Verehrung Jesu Christi im Sakrament seiner Liebe die ersten sein? Die von Männern geübte Andacht wirkt tiefer und besser."155
Wenn auch nur ein kleiner Teil der Männer so weit kommt, den eucharistischen Herrn im Tabernakel täglich zu besuchen, wie es die Statuten eigentlich vorschreiben, so ist damit wenigstens soviel erreicht, daß sie am Sonntag zur Messe kommen. Viele bleiben dann später auch zur Anbetung.

Die Frauen, die man zwar immer öfter in der Kirche findet, faßt der Pfarrer von Ars in einer Rosenkranzbruderschaft zusammen. Von dem Tag an, wo er damit beginnt, wird das religiöse Leben in der Pfarrei zusehends besser. Allmählich beginnt man auch in den Familien wieder zu beten, was den Pfarrer wirklich große Anstrengungen gekostet hat.

"Schaut nur einmal, wie viele Christen beten, vorausgesetzt, daß sie überhaupt beten, denn die meisten tun es sowieso nicht... Oft, ja meistens haben sie ihr vergebliches Gebet beendet, ohne auch nur zu wissen, was sie gesagt haben; ja, sie dachten nicht einmal daran, vor wem sie sich befanden, und was sie bitten wollten... Oder seht sie im Hause Gottes. Muß man sie nicht aufs tiefste bedauern? Denken sie dran, daß sie in der heiligen Gegenwart Gottes sind? O nein, gewiß nicht. Sie geben acht, wer ein- und ausgeht; sie plaudern miteinander, gähnen, schlafen, langweilen sich und geraten vielleicht gar in Zorn darüber, daß der Gottesdienst ihrer Ansicht nach zu lange dauert. Sie knien sich kaum mit beiden Knien nieder; sie glauben schon zuviel zu tun, wenn sie bei der Wandlung oder beim Segen ein klein wenig ihr Haupt neigen. Ihr seht, wie sie ihre Blicke in der Kirche umherschweifen lassen. Und kaum sind sie eingetreten, da möchten sie schon wieder draußen sein..." 156

Gilt diese treffende Analyse nicht auch für heute, für das ausgehende 20. Jahrhunderts? In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant zu sehen, wie intensiv schon der Pfarrer von Ars - mehr als hundert Jahre vor dem 2. Vatikanischen Konzil - die Laien seiner Pfarre in die Reevangelisierungsarbeit für seine Pfarre integriert hat.

Ein weitere "strategisch" wichtige Tätigkeit war seine Arbeit mit den Kindern. Schon in seiner Tätigkeit in Écully hatte Johannes-Maria Vianney einen ungewöhnlichen Zugang zu Kindern. "Wie gut muß der liebe Gott sein, wenn der Pfarrer schon so gut zu uns ist!", sagt die zwölfjährige Katharina Lassagne glückstrahlend zu ihrer Mutter, und selbst der wilde Franz Pertinand, der älteste Sohn der Gastwirtes "Zur silberne Rose", rühmt den neuen Seelsorger immer öfter. "Er hat gesagt, ich soll Meßdiener werden", erklärt er stolz."Morgen abend soll ich ins Pfarrhaus kommen und der Benedikt Trève auch, damit wir die lateinischen Gebete lernen." Der Wirt meint dazu: "Na, mit Kindern scheint er ja umgehen zu können." 157
Durch die Kinder sollte er ebenfalls einen immer besseren Zugang zu den Eltern bekommen.

13. DAS BEKANNTWERDEN SEINES WIRKENS DURCH DAS BEICHTHÖREN

Bereits nach ganz wenigen Jahren seiner Tätigkeit verbreitet sich der Ruf des Pfarrers von Ars. Anfang 1823 findet in Trévoux eine Volksmission statt, wo der Pfarrer von Ars das erste Mal außerhalb seiner Pfarre - abgesehen von seinem Wirken als Kaplan in Écully - als Beichtvater auftritt. Vianney geht fünf Wochen hindurch jede Woche mehr als neun Kilometer zu Fuß hin und zurück. Sein äußerliches Auftreten, zum Beispiel seine abgetragenen Hosen, stoßen naturgemäß auf große Verwunderung, sodaß einige Mitbrüder, die ebenfalls in Trévoux sind, beschließen, ihm eine neue Hose zu kaufen. Am darauffolgenden Samstag überreichen sie ihm diese mit der Bitte, sie zur Erinnerung an die Spender zu tragen. Doch er hat sie kaum noch getragen, da begegnet ihm beim Heimgehen nach Ars ein armer Kerl und - so ist seine Mentalität - er schenkt sie ihm - fast möchte man das Attribut "natürlich" hinzufügen. 158

Das Wirken in Trévoux wird vor allem durch seine Beichtpraxis bekannt. Der kleine Pfarrer mit dem Asketengesicht und den leuchtenden Augen hat im Nu das Vertrauen der Pfarrmissionsteilnehmer gewonnen. Jeder möchte bei ihm beichten gehen, nicht nur das einfache Volk, sondern auch die gebildeten Stände, die Herren von der Unterpräfektur und vom Gericht. Seine Entscheidungen kennen kein Ansehen des Standes und der Person. Der Unterpräfekt ist zwar betrübt, weil seine Bälle und Abendgesellschaften keine Gnade gefunden haben, trotzdem lobt er mit Ruhm und Festigkeit die Weisheit des Beichtvaters. Dessen Ruf geht von Mund zu Mund und die Kapelle, in der er Beichte hört, wird nicht mehr leer. 159

Überhaupt sollte die Beichte - je länger er in Ars wirken wird - immer mehr seinen Tag und auch seine Nacht einnehmen. Johannes-Maria Vianney nimmt das Beichten sehr ernst. Er hat keinen geschlossenen Beichtstuhl, sondern nur einen unbequemen Stuhl, der auch heute noch in Ars ist, zur Verfügung. Vianney sitzt auf diesem Stuhl, und die Sünder flüstern ihm ihre Sünden zu. Auffallend ist, daß er sich keineswegs routinemäßig verhält, seine Strenge ist am Anfang vielleicht sogar übertrieben. "Jedoch die harten Beichtväter, nicht die allzu nachsichtigen haben den Menschen geholfen." 160
Vianney wollte am Beginn seiner Beichttätigkeit die Absolution nicht einfach so erteilen, darum kommt es auch zu einigen Lossprechungsverweigerungen, zum Beispiel bei einem Mädchen, weil es bei der Hochzeit ihrer Schwester getanzt hat. "Die Sünde war für ihn ein religiöses, kein moralisches Vergehen." 161

Erst durch die Beschäftigung mit Alphons von Liguoris Moraltheologie wird er später von einem starren Rigorismus befreit, ohne daß er aber deshalb in eine leichtfertige Praxis verfällt. Er begreift auch immer mehr, daß sich die Menschen wegen ihrer Sündennot zu ihm wenden. Im Beichtstuhl selber führt er auch keine langen Gespräche, sondern Johannes-Maria erfaßte oft sofort (und auch durch Eingebung) die Situation und gibt dem Pönitenten anschließend einen Zuspruch. Oft erteilt er auch eine strenge Buße, allerdings vor allem gegenüber sich selber: "Mein Freund, hier mein Mittel: ich gebe ihnen eine kleine Buße, den Rest leiste ich selber für sie." 162

Sein Verhalten im Zusammenhang mit der Beichte provoziert immer wieder merkwürdige Situationen. Eines Tages kommt zum Beispiel ein Mann nach Ars, der die Kirche besichtigen will. Johannes-Maria Vianney sagt zu ihm: "'Knien Sie nieder und beichten Sie.' Der Besuchter erklärte ihm, daß er sich nur die Kirche anschauen will. 'Dies wollen heutzutage alle Touristen. Sie gehen in den Kirchen herum, als wären es Museen und nicht Gotteshäuser.' Vianney hatte keinen Sinn für das ästhetische Anschauungsbedürfnis und wiederholte seine Aufforderung: 'Knien Sie nieder und beichten Sie!' Das Merkwürdige geschah. Der Mann kniete gleichsam gegen seinen eigenen Willen nieder und beichtete. Nachdem es geschehen war, empfand er einen seit langem nicht mehr verspürten Frohmut." 163

Der Pfarrer von Ars verbindet auf seinem Beichtstuhl Strenge und Milde, wobei im Laufe der Zeit die Milde mehr und mehr die Oberhand gewinnt. Immer mehr lernt er, die Sünder mit den Augen Christi zu betrachten. Das Geheimnis der Herzensschau wird später immer mehr im Zusammenhang mit Wundern stehen. "Dank seinem übernatürlichen Wissen waren ihm die Menschen durchsichtig geworden; er wußte um ihre Taten aus ihrer Vergangenheit, Dinge, die sie selbst längst völlig verdrängt hatten."

14. DER PREDIGTDIENST UND DIE KATECHESEN

Eines der Markenzeichen des Pfarrers von Ars sind seine Predigten und vor allem sein Predigtstil. In seine Predigtvorbereitung investierte Johannes-Maria Vianney am Anfang sehr viel Zeit. Er scheute sich nicht, Stellen aus den Predigtbüchern von Joly, Billot und Bonnardel abzuschreiben und auswendig zu lernen.164 Dies hatte zur Folge, daß er in seinen ersten Jahren manchmal mitten in der Predigt aufhören mußte, weil er nicht mehr weiter wußte. Mit einfachen und klaren Worten trug er dem Volk die christlichen Wahrheiten vor.

Seine eigene Schwester Margarete berichtet über seine Predigten, daß er zwar nicht gut predigen könne, aber trotzdem alles Volk in die Kirche ströme, sobald er die Kanzel besteige. Beim Predigen spricht er in Écully noch ziemlich leise, in Ars selber wird er aber in seiner Anfangszeit oft ziemlich laut. Außerdem dehnt er seine Predigten nun aus und verwendet eine bild- und farbenreiche Sprache. 165 Gefragt darüber, warum er die Gebete so leise spreche und die Predigt herausschreie, antwortete er: "Gott hört mich bei der leisesten Äußerung, aber meine Gemeinde ist taub."166

Seine Predigten sind nicht frei von Moralismus, oft verwendet er auch sehr harte Ausdrücke. Nie kommt er irgendwelchen Trends der Zeit entgegen. Er spricht sich beispielsweise vehement gegen das Fluchen der Männer und das Tanzen der jungen Frauen aus. Das Seltsame ist aber, daß er trotz dieser scheinbar "schwachen" Predigten das Volk von Ars berühren konnte. Sie konnten seiner Stimme nicht widerstehen. Nach und nach kam es zu einem Erwachen.

"Wahrscheinlich werden heutzutage bessere Predigten gehalten. Dennoch bleiben die gegenwärtigen Predigten mit ihren theologischen Abstraktionen oft wirkungslos. Warum dies? Wiederum wird Vianneys Geheimnis für einen kurzen Moment sichtbar, das nicht in Worte zu fassen ist."167 Als Quellen für seine Predigten zieht Johannes-Maria Vianney vor allem die Bibel und Heiligenbiographien heran. "Der Heilige entzündete sich an den Heiligen. Er lebte mit den Heiligen, gab deren Lebenszeugnisse weiter und hatte das Gefühl, von Ihnen angeschaut zu werden."168

Von ganz interessanter Bedeutung ist, daß der Pfarrer von Ars nie von bloßen Wortgottesdiensten spricht. "Das göttliche Wort stand für ihn auf der gleichen Ebene wie das Sakrament, denn 'das Wort ward Fleisch'. Seine Hinweis auf 'die beiden Tische' bezeugt eine seiner wesentlichen Erkenntnisse. Das Wort war für ihn ein sichtbares Sakrament und die Hostie ein sichtbares Wort. Beide haben heiligen Charakter, ergänzen sich notwendigerweise und dürfen niemals gegeneinander ausgespielt werden."169

15. "DIE PROVIDENCE"´

"Eine gute religiöse Bildung setzt ein Mindestmaß Allgemeinbildung voraus. Bevor einer wirklich Christ sein kann, muß er 'Mensch" sein und wenigstens einigermaßen seine geistigen Fähigkeiten gebrauchen können."170 Diese Lebensphilosophie vertritt auch - dies mag vielleicht überraschend sein - auch und vor allem der Pfarrer von Ars. Eine Schule wird dazu benötigt. Die Pläne dazu hat Johannes-Maria Vianney bereits 1823. Er benötigt dazu ein Haus und Lehrerinnen. Ein Haus, das sich in der Nähe der Kirche befindet, hat er schnell entdeckt.

Die Finanzierung passiert - man kann es als beinahe "alltäglich" ansehen - durch verschieden Spenden und der "Vorsehung". Darum nennt er das Haus auch "La Providence" (Die Vorsehung). Jetzt fehlen eigentlich nur mehr die Lehrerinnen. Dazu gibt es die Möglichkeit, entweder die Schwestern von Karl Borromäus oder die Josephsschwestern nach Ars zu holen, doch Johannes-Maria Vianney entscheidet sich für zwei Laien aus Ars: Katharina Lassagne und Benedikta Lardet.

Sie sind beide bis jetzt Bauerntöchter gewesen und müssen daher zuerst ausgebildet werden. Der Pfarrer von Ars schickt sie zu den Josephsschwestern nach Fareins und bezahlt auch ihre Ausbildung. Nach eineinhalb Jahren ist die Ausbildung beendet und das Projekt "Vorsehung" kann beginnen.

Es ist keine gewöhnliche Schule, da sie erstens nur für Mädchen zugelassen ist und zweitens außerdem vor allem Waisenkinder aufgenommen werden. Von Anfang an unterrichtet der Pfarrer von Ars die Lehrerinnen in der Vorsehung. In dem Haus gibt es, als die beiden Lehrerinnen einziehen, an Vorräten nichts als einen Topf Butter und ein wenig harten Käse. Nachdem sie das Haus gereinigt haben, sollen sie eigentlich heimgehen, bis es hier etwas zum Essen gibt. Aber sie sagen sich: "Bleiben wir, vielleicht sendet uns die Vorsehung etwas zu essen." Und so passiert es auch. Die Mutter eines Mädchens denkt an ihre Tochter und schickt ihr das Mittagessen, das sie mit der Kollegin teilt. Und so lebten sie wirklich jahrzehntelang von der Vorsehung, wobei auch so manches Wunderbare - wie später noch berichtet werden wird - passiert.171

Katharina Lassagne besitzt das uneingeschränkte Vertrauen des Pfarrers. Sie ist das Herz des Hauses, das tiefgläubig und schlicht die Lehren des Pfarrers ebenfalls zu leben beginnt. Mit der ebenso frommen Benedikta Lardet versteht sie sich ausgezeichnet. Gewisse Schwierigkeiten gibt es mit Johanna-Maria Chanay aus Jassans, die schon wenige Tage nach der Gründung der Schule auch in die Lehrerschaft aufgenommen wird.

Der Pfarrer läßt sie im Nähen ausbilden, zeitweilig übernimmt sie auch die Aufsicht über die Kinder. Durch ihre schroffe Art stellt sie Katharina täglich auf eine harte Probe.172

Die Schule erweist sich schon nach kurzer Zeit als ein Glücksgriff. Die Mädchen kommen so zahlreich, daß das Haus zu klein wird. Vermutlich liegt es daran, daß kein Schulgeld entrichtet werden mußte. Schon nach wenigen Jahren wird die Schule zu einem Internat umgebaut, außerdem muß sie auch vergrößert werden. Sobald der Umbau beendet ist, werden für das Internat nur mehr die "Waisenmädchen" zugelassen. Manchmal entdeckt Vianney sein altes Talent als "Rattenfänger" wieder und liest die Mädchen auf den Straßen auf. Als Catherine einmal einwendet, daß keine Betten mehr zur Verfügung seien, antwortet der Heilige: "Es ist immerhin noch deines da."173

Das Waisenhaus verschlingt alle persönlichen Mittel, die der Pfarrer von Ars zur Verfügung hat. Außerdem hält er regelmäßig Sammlungen im Dorf ab und bittet begüterte Personen, ihm zu helfen. Die "Vorsehung" wurde ihrem Namen mehr als gerecht. Während eines Vierteljahrhunderts wird sich dieses Werk ohne sichtbare Hilfe, ohne Kapital und ohne Einkommen mit jährlichen Ausgaben zwischen 6000 und 7000 Francs behaupten. "Sobald er ein wenig Geld hatte", erzählt Catherine, "kaufte er schnell Korn, Wein und Holz, und das übrige kam von selbst."174

Die "Providence" wird für den Pfarrer von Ars auch eine persönliche Notwendigkeit werden. Es wird immer mehr zu einem geistlichen Bollwerk werden, wo auch intensiv gebetet wird. Täglich wird durch den Pfarrer von Ars in der Providence ein Religionsunterricht abgehalten, und so manches Mädchen wird hier tief von den Worten des Pfarrers getroffen. Es gibt kaum ein Kind, das bei ihm nicht eine Generalbeichte ablegt und das nicht im Herzen verwandelt wird. Einige werden später Ordensfrauen, andere bewähren sich als ausgezeichnete Familienmütter. Katharina Lassagne wird später einmal sagen: "Ich habe es dem Herrn Pfarrer persönlich gesagt, daß erst am Tage des Letzten Gerichts offenbar werde, was in diesem Hause Gutes geschehen ist."175

Später, das heißt im Jahre 1849, wird er die "Providence" auf Wunsch seines Bischofs an die Schwestern vom hl. Joseph von Bourg übergeben. "Das war für Pfarrer Vianney ein schweres Opfer (und nicht minder für Katharina Lassagne, ohne daß sie es erwähnt), weil er glaubte, nachdem er alles abgetreten hatte, kein Recht mehr zu haben, sich irgendwie in die Dinge einmischen zu dürfen, da es anderen gehörte. Er zog sich ganz zurück."176 "Ich sehe darin nicht den Willen Gottes, aber Seine Eminenz sieht ihn. Wir haben ihm zu gehorchen"177 , meinte Vianney zu Katharina Lassagne. Dies zeigt, daß der Pfarrer auch zu gehorchen verstand.

In der "Providence" finden auch die berühmten Katechesen statt, die anfangs eigentlich nur als Religionsunterricht für die Mädchen gedacht waren. Jeden Tag um elf Uhr versammelten sich die Lehrerinnen mit den Kindern, um der Katechese des Pfarrers von Ars zu folgen. Später - als Ars immer berühmter wird - kommen zu dieser Katechese auch Pilger hinzu, sodaß die "Providence" zu klein wird und man in die Kirche ausweichen muß. Von 1845 an wird nun die Katechese jeden Tag um elf Uhr in der Kirche im Beisein aller Pilger abgehalten.

Natürlich wird man sich fragen, ob es nicht auch für die Buben eine Schule gibt. Schon 1832 wird auch eine Knabenschule errichtet, die Jean Pertinand, einer der besten Freunde von Johannes-Maria Vianney in Ars, leitet.178

Eines der vielen Wunder, die sich in Ars ereignen, findet in der Providence statt. Das erste ist das sogenannte Kornwunder: Wieder einmal gibt es in der "Providence" nichts zu essen, sodaß man Pfarrer Vianney holt. Johannes-Maria Vianney geht einfach auf den Dachboden, um dort die paar Körnchen, die dort noch liegen , zu sammeln. Anschließend steckt er eine Reliquie des hl. Francois Régis hinein und betet mit den Waisenkindern.

Nach einiger Zeit bittet er Jeanne-Marie Chanay, Korn vom Dachboden zu holen. Kaum öffnet sie den Dachboden, rinnt das Korn wie ein Bach hervor. Noch nie gab es am Dachboden so ein Last. Wieder einmal hat die Vorsehung eingegriffen. Die Nachricht vom Kornwunder verbreitet sich in Windeseile im Dorf. Der herbeigerufene Müller sagt, daß er noch nie so einen schönen Weizen gesehen hätte. Ähnliche "Vermehrungs-Geschichten" gibt es auch über Mehl und Wein zu berichten.179

16. "GRAPPIN"

Im Leben Vianneys gibt es verschiedene Dinge, die mit dem sogenannten aufgeklärten Bewußtsein im Widerspruch stehen. Die unerklärbarsten und unheimlichsten Dingen, die in Ars passieren, sind vermutlich auf einen zurückzuführen, den Johannes-Maria Vianney "Grappin" nennt. Von 1824 an bis 1858 hat der Pfarrer von Ars unter den Nachstellungen des Satans zu leiden. Hand in Hand gehen unvorstellbare Versuchungen der Verzweiflung, so daß er ein Martyrium schlimmster Art zu erleiden hat. Besonders der Glaube, daß er ewig verloren sei, sollte Johannes-Maria Vianney immer wieder zusetzen.

Um zu sehen, wie real jedoch der Teufel in Ars gewirkt hat, sollte man den Erzählungen von Katharina Lassagne folgen: "In jenem Jahr, da Pfarrer Vianney sich anschickte, die Mädchenschule zu gründen - ich glaube, es war 1824 - und wir, Benedikta Lardet und ich, uns bei den Schwestern vom heiligen Joseph in Fareins befanden, kamen wir eines Samstags nach Ars zurück, um dort den Sonntag zu verbringen. An einem dieser Tage erzählte mir der Pfarrer, daß er sich sehr beunruhigt fühle, weil er nachts im Pfarrhaus Geräusche wahrnehme. Er nehme an, es handle sich um Diebe oder um jemanden, der ihm Böses antun wolle..." Gerade zu dieser Zeit werden auch Schmähungen und Verleumdungen gegen Pfarrer Vianney in die Welt gesetzt. " Es dauert nicht lange, da entschlossen sich mehrere junge Männer aus Ars, nachts das Pfarrhaus mit Gewehren zu bewachen, um so den Pfarrer zu schützen. Die einen saßen im Glockenturm, die andern gingen um das Pfarrhaus"180

Einer der Männer, die dabei waren, war ein gewisser Verchère. Bei Trochu findet sich dazu folgender Bericht: "La nuit venue, je me rendis à la cure. Je causai en me chauffant avec M. le Curé jusqu'à dix heures. 'Allons nous coucher', dit-il enfin. Il me céda sa chambre et passa dans celle d'à coté. Je ne m'endormis pas. Vers une heure, j'entendis secouer avec violence la poignée et le loquet de la porte qui donne sur la cour. En meme temps, contre la meme porte retentissaient des coups de massue, tandis que dans la cure c'était un bruit de tonnerre, comme le roulement de plusieurs voitures.

Je pris mon fusil et me précipitai vers la fenetre, que j'ouvris. Je regardai et n'apercus rien. La maison trembla pendant environ un quart d'heure. Mes jambes en firent autant, et je m'en ressentis pendant huit jours. Dès que le bruit eut commencé, M. le Curé avait allumé une lampe. Il vint avec moi. 'Avez-vous entendu?' me demanda-t-il.
'Vous voyez bien que j'ai entendu, puisque je suis levé et que j'ai mon fusil'.
´ Le presbytère s'ébranlait comme si la terre eut tremblé.
' Vous avez donc peur?', demanda encore M. le Curé.
'Non', dis-je,'Je n'ai pas peur, mais je sens mes jambes fléchir." La cure va s'écrouler.'
'Que crouyez-vous que c'est?'
'Je crois que c'est le diable'.
Quand le bruit eut cessé, nous allames nous recoucher. M. le Curé revint, le soir suivant, me prier de retourner avec lui. Je lui répondis: 'M. le Curé, j'en ai assez comme ca!'"
181

Am Anfang dieser Teufelserscheinungen denkt Vianney oft, daß man diese Vorfälle natürlich erklären kann. Doch nach und nach erkennt er, daß all diese Ereignisse, die ihn sein Leben lang begleiten, nur von einem kommen können, vom Teufel, vom "Grappin". Jeden Abend, wenn er nun einschläft, beginnt der ganze Teufelsspuk von neuem. Es hämmert gegen die Türe, gellende Schreie ertönen, Stühle und der Schrank bewegen sich, und das ganze Haus bebt. Eine eiskalte Hand fährt ihm über das Gesicht, und er vernimmt die entsetzliche Stimme: "Vianney! Vianney!.... Du Kartoffelfresser! Ah, du bist noch nicht tot!... Ich werde dich schon kriegen!" Der Pfarrer bleibt tapfer, schlägt das Kreuzzeichen und sagt nur: "Dummer, alter Satan."182

Der Teufel fährt fort, den Pfarrer zu verhöhnen und zu beschimpfen. Und immer wieder ein Höllenlärm: Fledermäuse fliegen um Vianneys Haupt, Bienen summen, Schafe blöken, Hunde winseln, Bären brummen, Schweine grunzen. Es ist, "als ob die skurile Welt des Hieronymos Bosch leibhaftig auferstanden wäre; Vianney lag wie ein zweiter Antonius von Ägypten auf dem Bild von Mathias Grünewald hilflos da."183

Diese Ereignisse kommentiert Walther Nigg in seinem Buch folgendermaßen:
"Natürlich reagiert der Mensch der Gegenwart zunächst mit Skepsis. Sie ist nicht unangebracht. Viele abergläubische Geschichten wurden erzählt, die sich als unwahr erwiesen haben. Glauben heißt nie und nimmer Leichtgläubigkeit. Vorsicht und Zurückhaltung sind deshalb durchaus am Platz.

Der heutige Mensch ist von den nächtlichen Teufelsbesuchen bei Vianney unangenehm berührt, sie passen nicht in sein aufgeklärtes Weltbild. ... Die nächtlichen Teufelsbesuche beim Pfarrer von Ars verlangen eine behutsame Deutung. Über ein vorsichtiges Tasten wird man kaum hinauskommen. Alles, was Vianney erlebte, überschreitet unseren Erfahrungskreis bei weitem. Die überraschenden Teufelsbesuche fallen ganz und gar aus dem Rahmen unseres wissenschaftlichen Jahrhunderts heraus....

Vianney war ein Heiliger und lebte in der eucharistischen Gewißheit: "Er ist da". Viele Heilige, die in der Nähe Gottes atmeten, versuchte der Widersacher zu stören. Vianney steht in diesen Erfahrungen nicht allein da. Wird der Teufel aus Angst vor dem modernen Bewußtsein verschiegen, ist der Erzähler sich selbst untreu geworden. Es geht nicht an, die nächtlichen Teufelsbesuche mit Vianneys schwachen Nerven und seiner Unterernährung erklären zu wollen. Mit solchen banalen Überlegungen geben sich die Aufklärer zufrieden.

Ihnen fehlt die Tiefendimension. ... Andererseits hat Vianney den Teufel wohl gehört, ihn aber nie gesehen. ... Entscheidend ist, wie Vianney den nächtlichen Besucher verstand. Daß es der Teufel war, davon war er schließlich fest überzeugt. 'Ich kam zur Überzeugung, es ist der Teufel, weil ich Furcht empfand. Der liebe Gott flößt keine Angst ein', sagte Vianney später zu seinem Bischof, eine wahrhaft hellsichtige Erkenntnis....

Für den Pfarrer von Ars waren die Teufelsbesuche alles andere als eine Kuriosität. An solchen Dingen war sein ernsthafter Geist nicht interessiert. Er brachte die Teufelsanfechtungen mit seiner Rettung der Seelen in Zusammenhang. Sie sollte durch die teuflischen Belästigungen verhindert werden. ..."184

In diesem Zusammenhang ist auch der Aspekt der Teufelsaustreibung interessant. Der Diözesanbischof gibt Pfarrer Vianney bald die Erlaubnis, jederzeit von den ihm zustehenden Vollmachten Gebrauch zu machen. Von Katharina Lassagne wird dazu ein Fall geschildert, der besonders Aufsehen erregt. Wieder einmal kommt ein Besessener nach Ars. Als ihn der Pfarrer erblickt, ergibt sich folgender Dialog zwischen dem Besessenen und dem Pfarrer:
Der Pfarrer in lateinisch: "Tu, qui es? - Wer bist du?"
Der Dämon: "Magister caput! - der Oberteufel! Du schwarze Kröte, wie peinigst du mich! Immer wieder willst du dich davon machen. Weshalb gehst du denn nicht deiner Wege! Warum machst du dich nicht schleunigst aus dem Staube?"
Der Pfarrer: "Ich habe keine Zeit!"
Der Dämon: "Die andern nehmen sich die Zeit reichlich. Warum predigst du so schlicht und einfach? Du wirst als Dummkopf angesehen! Der violette Rock (Bischof von Belley) hat dir geschrieben. ....

Ich werde auch dich noch bekommen! Ich habe schon ganz andere erledigt als dich... Noch bist du nicht gestorben. Wenn nicht die ...da oben wäre(hier gebrauchte der Teufel eine Schmähung gegen die Gottesmutter), dann hätten wir dich schon! Aber sie wacht zu gut über dich mit diesem großen Drachen über dem Eingang der Kirche (Kapelle des hl. Michael und der hl. Agnes am Eingang der Kirche)."
185

Die "teuflischen Unruhen" sollten fast bis zum Lebensende von Pfarrer Vianney andauern. Erst wenige Jahre vor seinem Tod wird der Teufel von Johannes-Maria Vianney seine Finger lassen. Als eines der letzten großen Zeichen der "teuflischen Gegenwart" wird ein Vorfall passieren, dessen Folgen noch heute in Ars zu besichtigen sind. Drei Jahre vor seinem Tode im Jahre 1855 beginnt aus unerklärlichen Gründen das Bett des heiligen Pfarrers von Ars zu brennen. Das Merkwürdige dieses Brandes ist, daß das Feuer aus nicht geklärten Gründen entstand und auch wiederum aus unerklärlichen Gründen aufhörte.

Besonders interessant erscheint, daß der Brand nicht einfach planlos stattfand, sondern daß das Feuer vor den Reliquien der heiligen Philomene - diese wird uns noch später beschäftigen - aufhörte. Alles, was sich diesseits der Reliquie befand, verbrennt - alles andere nicht. Johannes-Maria Vianney meint zu diesem Vorfall nur: "Lieber Freund, das ist doch ganz klar: da er den Vogel nicht haben konnte, wollte er den Käfig verbrennen."186

Zum Abschluß dieser Darstellungen über den Pfarrer von Ars und "Grappin" soll ein Zitat von Baudelaire gebracht werden, der meint: "Die schlaueste List des Teufels ist, uns glauben zu machen, daß er nicht existiere."187

17. DER GROSSE ANGRIFF UND DIE PFARRMISSION

Inzwischen sind schon fast zehn Jahre seit der Berufung nach Ars vergangen. Immer wieder wird der Pfarrer angegriffen. Seine Strenge stößt oft auf Gegenwehr, sodaß man in den verbliebenen Wirtshäusern immer mehr gegen ihn spottet. Selbst seine eigenen Priesterkollegen ziehen über ihn her. Natürlich kommt es auch zu Verleumdungen beim Bischof, der aber zu ihm steht. Für Johannes-Maria Vianney sind alle Verleumdungen nur ein Kreuz. Seine Einstellung dazu drücken folgende Zitate aus:

"Was braucht man, um den Himmel zu verdienen? Die Gnade und das Kreuz." Oder "Niemals war ich so glücklich wie in den Augenblicken, da ich verfolgt und verleumdet wurde. Gott überschüttete mich dann mit Tröstungen, Gott gewährte mir alles, worum ich ihn bat."188

Doch eines der schlimmsten Ereignisse sollte beinahe so weit führen, daß der Pfarrer aus Ars flüchten wollte. Gegen Ende des Jahres 1826 stirbt die Witwe Matin, deren Tochter Christine dem Tanzfieber verfallen ist. Christine verfällt daraufhin in eine Lethargie, die vom Pfarrer von Ars wahrgenommen wird. Als sich herausstellte, daß das Mädchen ein Kind erwartete, herrschte im ganzen Dorf ziemliche Unruhe.

Doch Pfarrer Vianney nimmt sie in Schutz. "Weil ich die Sünde hasse, liebe ich den Sünder", antwortet er den Menschen von Ars. Es ist eine dunkle Nacht im September, als Christine ihr Kind zur Welt bringt. Dies erregt noch mehr den Spott von einigen Dorfbewohnern, vor allem der jungen Burschen. Als der Pfarrer von Ars sie beschützen will, wird in einem der Wirtshäuser das Gerücht im Umlauf gesetzt, daß vielleicht doch der Pfarrer von Ars der Vater sein könnte.

Nach einiger Zeit ist plötzlich Christine verschwunden. Sie hat den Druck der Mitmenschen nicht mehr ausgehalten und ist in die Saône gesprungen. Als der Pfarrer den Leichnam der Selbstmörderin auf dem Friedhof begräbt, löst dies neue Proteste aus. Mutter Renard - die Haushälterin des Pfarrers - weigert sich ebenfalls, das Kind von Christine zu behalten, worauf es der Pfarrer von Ars in die Providence bringt und sagt "Das schickt euch der liebe Gott". Selbst Katharina Lassagne plagen nun die Zweifel an Johannes-Maria Vianney.189

Inzwischen werden die Verleumdungen immer mehr, niederträchtige Briefe werden vor dem Pfarrhaus deponiert. Doch der Pfarrer von Ars schweigt beharrlich zu all den Vorwürfen gegen seine Person, obwohl er dabei Furchtbares durchmachen muß. Er sagt: "Ja, ich leide, wie ich nie zuvor gelitten habe. Gegen dieses Leid war alles andere nichts. Heute ist ein Kind, das mir sonst stets freundlich die Hand gab, vor mir fortgelaufen, als wäre ich der Leibhaftige.

" Das Werk des heiligen Pfarrers von Ars, das inzwischen aufgebaut ist, droht unterzugehen, da nun selbst gutgesinnte Menschen Zweifel an ihm bekommen. Vor allem die "Providence", die dringend Geld benötigen würde, leidet darunter. Die stille Benedikta Lardet bietet ihr Leben dem lieben Gott für die Ehre des Pfarrers an. Inzwischen kommt sogar der Dechant von Trévoux, der vom Bischof beauftragt ist, ins Pfarrhaus. Er schlägt ihm vor, entweder den Rücktritt einzureichen oder eine Volksmission für Ars zu organisieren.

Der Pfarrer von Ars entscheidet sich vorerst für die Mission. Kartäusermönche aus Lyon kommen und predigen tagelang auf der Kanzel und verteidigen den Pfarrer, doch die Leute von Ars sagen sich: "Wenn er selbst nicht spricht-? Wie soll man ihm da glauben?"

Doch Gott läßt Johannes-Maria Vianney nicht im Stich. Am dritten Tag nach Beginn der Mission ereignet sich ein Unfall. Ein Pferdeknecht des Bauern Trève, der sich über den Pfarrer von Ars im Wirtshaus lauter als alle anderen lustig gemacht hat, wird von einem Hufschlag getroffen und ruft in seinem Todeskampf nach einem Kartäuser. Nach der Beichte ließ der Priester sofort den Bürgermeister des Dorfes und andere Ehrenmänner holen und fordert sie auf, das Geständnis des Sterbenden zu hören:

"Ich bin der Vater des Kindes, das Christine Matin geboren hat. Ich habe es dem Pfarrer Vianney längst schon in der Beichte bekannt, aber er hat nicht gesprochen...."Wenige Augenblicke nach dem Geständnis stirbt er. "Er war es, der am meisten über den Pfarrer gelästert hat!"190 , sagt der Bauer Trève aufs tiefste erschüttert.

Sofort verbreitet sich die Nachricht im ganzen Dorf, doch fast scheint es, daß es zu spät ist, da Pfarrer Vianney inzwischen seinen Rücktritt beim Bischof einreichen ließ. Schließlich kann aber doch noch dank Intervention des Bürgermeisters und des Grafen Garets erreicht werden, daß der Rücktritt vom Bischof zurückgenommen wird. Durch dieses Ereignis wird die Pfarrgemeinde von Ars derart erschüttert, daß die Mission zu einem gigantischen Erfolg wird. Fast das gesamte Dorf bekennt seine Sünden und keiner spricht mehr schlecht über den Pfarrer. "Ars ist nicht mehr Ars!"

18. ARS IST NICHT MEHR ARS

Nach diesen turbulenten Ereignissen war de facto das Dorf Ars innerhalb von zehn Jahren derart gewandelt, daß zum Beispiel nach und nach alle Wirtshäuser schließen mußten. Das Fluchen - eine der großen Leidenschaften der Bewohner von Ars - ist ebenfalls verschwunden. Der Pfarrer von Ars wird immer bekannter, und inzwischen hat die Pilgerfahrt nach Ars eingesetzt, sodaß schon 1828 Catherine Lassagne sagt: "Die anderen Missionare laufen den Sündern nach bis in fremde Länder. Aber bei Ihnen ist es umgekehrt. Ihnen laufen die Sünder nach!" Überrascht, aber ehrlich, antwortet der Heilige sofort: "Das ist beinahe wahr!"192

"Diese Anziehungskraft eines einzigen Mannes, zu dem dreißig Jahre lang ganze Massen von Menschen strömen, ist vielleicht einzigartig in der Menschengeschichte und in den Annalen der Kirche. Einzigartig ist auf alle Fälle dieses Ganze, genannt 'Ars', diese verblüffende Mischung von Wundern und satanischen Machenschaften, heranbrandenden Menschenmassen und bescheidenstem täglichem Leben und diese so lang andauernde, so tief verankerte Gewohnheit, sich im Übernatürlichen zu bewegen." 193

Natürlich wird durch das Wirken auch der Neid von so manchen hervorgerufen. Besonders seine Mitbrüder im Priesteramt beschweren sich über ihn, weil ihre eigenen Pfarreiangehörigen lieber zum Pfarrer von Ars pilgern als in der eigenen Pfarre zu bleiben.

Ein Nachbarpfarrer schreibt ihm zum Beispiel: "Wenn man über so mangelhafte theologische Kenntnisse verfügt, wie es bei Ihnen, Herr Pfarrer, der Fall ist, dann sollte man wahrlich keinen Beichtstuhl betreten..." Schlicht und einfach und voller Demut antwortet er: "Vielgeliebter, sehr verehrter Herr Konfrater! Wie habe ich doch allen Anlaß, gerade Sie besonders zu lieben! Sie sind der einzige, der mich richtig kennt und einschätzt. "194

Durch diese Demut, Sanftmut und Geduld entwaffnet er nach und nach seine Mitbrüder, sodaß selbst der große Prediger Lacordaire, Prälaten und Bischöfe den Pfarrer von Ars um Rat bitten. Selbst sein eigener Bischof kommt eines Tages zu ihm beichten. Johannes-Maria Vianney gibt ihm nur einen Spruch: "Hochwürdigster Herr, lieben Sie Ihre Priester sehr!"195

Daß bereits ab 1830 der Pilgerstrom gewaltig ansteigt, zeigt unter anderem, daß der Bischof dem Pfarrer von Ars untersagt, an Exerzitien teilzunehmen. "Was tun denn Sie hier? Sie brauchen keine Exerzitien, aber die Sünder brauchen Sie daheim."196

Von 1836 an muß dreimal in der Woche zwischen Ars und Trévoux ein Postwagen eingesetzt werden, und von 1840 an zwischen Ars und Lyon täglich. In Perrache, dem größten Bahnhof Lyons, wird bald auch ein eigener Schalter für den Verkauf der Fahrkarten nach Ars eröffnet. Da man in Ars selber oft sehr lange auf die Beichte beim Pfarrer warten muß, haben diese Karten acht Tage Gültigkeit. Inzwischen gibt es in Ars statt der sogenannten "wilden Wirtshäuser", die nach und nach auf Druck des Pfarrers schließen mußten, neue Gaststätten, die mit Erlaubnis des Pfarrers von Ars eröffnet werden, um für die Pilger sorgen zu können. Doch selbst das reicht nicht aus, sodaß immer mehr Menschen aus Ars in christlicher Nächstenliebe ihre Häuser für die Fremden öffnen.

Auch Kranke pilgern immer öfter nach Ars. Angelockt durch die "Brot- und Mehlvermehrungswunder" setzen sie oft großes Vertrauen in eine Wallfahrt nach Ars. Immer wieder gibt es auch Heilungen, sodaß der Pfarrer von Ars sich genötigt sieht, eine weitere wesentliche Veränderung in Ars vorzunehmen.197

19. DIE HEILIGE PHILOMENE

Abgesehen von den unerklärlichen Vorkommnissen in der "Providence" gibt es immer mehr unerklärliche Wunder von Krankenheilungen. Obwohl Johannes-Maria Vianney nicht unbedingt auf Heilungen bedacht ist, passiert es, daß zum Beispiel in seiner Gegenwart ein stummes Kind geheilt wird oder ein auf Krücken gehender Mensch von einem Moment auf den andern normal gehen kann.

Für den Pfarrer von Ars sind diese Wunder nicht unbedingt sehr willkommen, da sie zu sehr Aufsehen über seine Person erregen, was ihm wirklich zuwider ist. "Vianney glaubte an Wunder, und deswegen erlebte er auch Wunder, obschon er nie daran dachte, er könne Wunder bewirken." 198

Um nun von ihm abzulenken, kommt er auf die Idee, in Ars eine neue Heilige zu "installieren", wobei es folgende Vorgeschichte gibt: Am 24. Mai 1802 entdeckten Arbeiter in der Priscillakatakombe in Rom ein Grab, auf dessen Stein die Worte standen: "Pax tecum, Philumena - der Friede sei mit dir, Philomena." Es enthielt die Gebeine eines etwa fünfzehnjährigen Mädchens. Man entdeckte auch Splitter einer Glasphiole, die Blut enthalten hat. Diese Philomena wurde von Anfang an als Märtyrerin verehrt.

Die Brüder des heiligen Johannes von Gott ziehen bettelnd von Dorf zu Dorf und singen dabei die "Klage der heiligen Philomena". Der Obere, Pater von Mongallone, kommt auch nach Lyon und übernachtet bei der reichen Familie Jaricot. Auf Bitten der Tochter schenkt er dieser Familie eine Reliquie der Heiligen. Da diese Familie mit dem Pfarrer von Ars gut bekannt ist, kommt die Reliquie schließlich nach Ars.199

Die heilige Philomena wird im 19. Jahrhundert besonders in Italien und Frankreich verehrt. So wird auch Pfarrer Vianney einer ihrer größten Verehrer. "Sie ist sein Leitstern für seine himmlische Liebe; sie ist auch seine 'Stellvertreterin' und 'Geschäftsträgerin' beim lieben Gott." 1837 errichtet er ihr eine Kapelle in der Pfarrkirche von Ars. Dort schickt er von nun an die Kranken, die nach Ars kommen.

"Ich wirke keine Wunder", sagt er. "Ich bin nur ein armer Dummkopf, der die Schafe gehütet hat..." "Wendet euch an die heilige Philomena. Ich habe sie noch nie um etwas angegangen, ohne erhört worden zu sein." "Das glauben die Pilger gerne. Wie könnte eine Heilige widerstehen, wenn sie ein Heiliger bittet ..."200

Von nun gibt es für Vianney für jedes Wunder eine logische Erklärung: Die Gnade Gottes wirkt durch die heilige Philomena. Daß es dem Pfarrer von Ars nicht unbedingt primär um die körperliche Heilung sondern um das Seelenheil geht, zeigt folgende Aussage: [zu einem blinden Mädchen] "Du könntest wieder genesen, liebes Kind; gäbe dir Gott aber das Augenlicht zurück, so wäre dein Heil nicht so gesichert. Wenn du aber deine Krankheit behalten willst, so wirst du in den Himmel kommen, und ich garantiere dir sogar einen schönen Platz."

Der Leib und seine Gesundheit zählten beim Pfarrer Vianney nicht so viel. "Ich habe gute Lust, der heiligen Philomena jedes Wunderwirken an den Leibern zu verbieten.", sagt er eines Tages. "Sie soll vor allem die Seelen heilen. Der arme Kadavaer, der ohnehin verfault, bedeutet nicht viel." Er verbietet seiner "lieben kleinen Heiligen" wirklich, hier soviele Wunder zu wirken. "Das bringt zuviel Gerede mit sich. Ich habe die heilige Philomena gebeten, sie soll hier soviele Seelen heilen als sie nur will, die Leiber aber soll sie weit weg von hier gesund machen."201

20. DAS WUNDER VON ARS

Obwohl man viele wunderbare Dinge und Heilungen in Ars feststellen konnte, ist vermutlich das wirkliche Wunder von Ars der Pfarrer von Ars selbst. Sein Lebenslauf ist nach wie vor von Askese und Busse geprägt. Seit 1827 nimmt er zwar seine Mahlzeiten in der "Providence" ein, später(1854) muß er sogar auf Anordnung des Arztes etwas Fleisch zu sich nehmen.

Aber er bleibt eigentlich immer unter dem Minimum, vor allem auch was sein Schlafpensum betrifft. "Ich habe eine gute Konstitution, ich bin zäh. Wenn ich etwas gegessen und zwei Stunden geschlafen habe, kann ich neu anfangen." 202

Zu seiner Hauptbeschäftigung wird immer mehr das Beichtehören. Mehr als dreißig Jahre lang hört er täglich zwischen fünfzehn und sechzehn Stunden Beichte, nur kurz unterbrochen durch das Breviergebet, die sonstigen religiösen Verpflichtungen und den täglichen Religionsunterricht. Normalerweise steht er schon um ein Uhr oder zwei Uhr in der Nacht auf, um die Beichtenden von ihrer Sündenlast zu befreien.203 Catherine Lassagne gegenüber gesteht er einmal: "Niemals wird man wissen auf dieser Welt, wie viele Sünder in Ars ihr Seelenheil gefunden haben." Da er aber in seiner Bescheidenheit und Demut dies nicht sich selber zuschreiben will, fügt er sofort hinzu: "Gott, der niemand braucht, bedient sich meiner Person für diese großen Werke, obwohl ich nur ein unwissender Priester bin. Wenn er einen andern Priester zur Hand gehabt hätte, der mehr Grund hätte, sich zu demütigen als ich, er hätte ihn genommen und durch ihn hundertmal mehr Gutes gewirkt." 204

Von nun an ist Pfarrer Vianney ein "Gefangener des Beichtstuhls", sodaß er fortan keine Zeit mehr hat, seine Pfarrkinder zu besuchen - wie er es in den ersten Jahren in Ars getan hat - sowie auch keine Zeit mehr findet, seiner Seele ein bißchen Ruhe zu gönnen."Er, der immer Weite gebraucht hat, schließt sich in dem kleinen hölzernen Kasten ein, wo er, der die Sünde haßt, unaufhörlich den Strom der Sünden dieser Welt auf sich niederrinnen hört..."205

Immer wieder passiert es, daß neugierige Menschen nach Ars kommen, die eigentlich nur den Pfarrer von Ars sehen wollen, die aber schlußendlich doch im Beichtstuhl landen. Eine dieser interessanten Begebenheiten kann man in dem Buch von Michel de Saint-Pierre finden: "Eines Tage sieht der Pfarrer von Ars einen sehr eleganten Herrn in die Sakristei kommen, der auf ihn zutritt und sich zu sagen beeilt: 'Hochwürden, ich komme nicht, um zu beichten. Ich komme, um mit Ihnen zu diskutieren.' 'O lieber Freund, da sind Sie an der falschen Adresse', antwortet Vianney, 'ich verstehe nicht zu diskutieren. Aber wenn Sie einen Trost brauchen, knien Sie hier nieder.'

Der Pfarrer von Ars weist dabei auf den Platz, wo seine Beichtkinder sich niederzuknien pflegen, und sagt dazu: 'Glauben Sie mir, es sind schon viele vor Ihnen hier gekniet und haben es nicht bereut.' Nach einigen Minuten liegt der fremde Herr wirklich auf den Knien. 'Er weiß nicht wie und fast wider seinen Willen'. Er wird sich ein paar Minuten später erheben, nicht nur getröstet, sondern 'vollkommen gläubig'.206

Leider wirkt sich diese unheimliche Buß- und Beichtpraxis nicht gerade positiv auf den Körper des armen Pfarrers von Ars aus, was bald auch schlimme Folgen haben sollte. Die Kälte, die im Winter im Beichtstuhl herrscht, verursacht ihm immer öfter schlimme Kopf- und Magenschmerzen. Und im Sommer ist die unerträgliche Hitze im Beichstuhl fast noch schlimmer. Besonders bedrückend ist für ihn auch die Sündenlast der Menschen, die ihn stundenlang beschäftigt und ihm große Schmerzen verursacht.207

21. DIE KRANKHEIT DES JAHRES 1843

Bevor auf die tragische Krankheit des heiligen Pfarrers von Ars eingegangen werden soll, ist noch ein historisches Faktum von einer gewissen Wichtigkeit: Der erste Fluchversuch.

Schon vor dem in Anschluß an seine Krankheit folgenden Fluchtversuch, versucht Pfarrer Vianney - der offensichtlich dem Druck der Sünden nicht mehr standhält - im Jahre 1840 von Ars zu fliehen. Still und heimlich macht er sich in der Nacht mit der Laterne in der Hand auf in Richtung Villefranche - dies ist der nächstgrößte Ort an der Saône. Als er schließlich bei einem großen Wegkreuz ankommt, kniet er - wie er es immer praktiziert - davor nieder. Da überkommt ihn eine seltsame Stimme - die bei Hünermann folgendermaßen beschrieben wird -

"Wohin gehst du, Johannes Vianney?" "Ich suche dich in der Einsamkeit, o Herr!", stammelte der Priester.
"Ich bitte dich, laß mich gehen!"
Aber er vernahm vom Kreuz, das in der Finsternis unsichtbar blieb, die Antwort des Herrn:
"Nicht in der Einsamkeit suche mich, Johannes Vianney, sondern in den Seelen, die mein Erbarmen zu dir führt! Eine einzige Seele wiegt mehr als alle Gebete, die du in der Einsamkeit verrichten könntest. Geh zurück, Johannes Vianney! Geh in deine Kirche! Ihre Wunden warten auf den barmherzigen Samariter."
Da kehrt der Pfarrer von Ars um und geht nach Ars zurück.208

Doch sein Gesundheitszustand verschlechtert sich immer mehr, was die Pfarrangehörigen von Ars mit großer Sorge erfüllt. Am Abend des 3. Mai 1843 wird er von Fieber und heftigen Atembeschwerden befallen ins Pfarrhaus gebracht. Er wird ohnmächtig. Der sofort herbeigeholte Arzt, Dr. Saunier, erstellt die Diagnose: Lungen- und Rippenfellentzündung. Die Freunde des Pfarrers, allen voran Graf des Garets, eilen zum Krankenbett. Man beschließt, noch drei weitere Ärzte herbeizuholen. Auf einmal hört man die schwache Stimme Vianneys:
"Ich kämpfe im Augenblick gegen eine große Übermacht."
"Gegen wen denn, Herr Pfarrer?"
"Gegen vier Ärzte. Wenn ein fünfter kommt, bin ich tot."
209
Sein Zustand aber verschlechtert sich weiter. Bei Trochu findet man folgendes Bekenntnis von Vianney an den Grafen Garets:
"Je voudrais vivre encore ...pour pleurer mes péchés et pour faire quelque bien." 210
In der Nacht hat er Alpträume, und er glaubt die Dämonen schreien zu hören:
"Nous le tenons, nous le tenons...il est à nous!"211

Ganz Ars zittert um seinen Pfarrer. Viele Pfarrangehörige und Pilger versammeln sich vor der heiligen Philomena, die im Glanz unzähliger Kerzen erstrahlt. Ganze Körbe voller Medaillen und Andachtsgegenstände werden an das Bett des Sterbenden gebracht, um sie noch segnen zu lassen. Am 11. Mai beginnt die Agonie. Mehrere Priester sind im Zimmer versammelt und Pfarrer Vianney erhält die Sterbesakramente. Er weiht sich nun der heiligen Philomena und verspricht hundert Messen zu ihrer Ehre lesen zu lassen und eine große Kerze vor ihrem Bild anzuzünden. Kurz darauf verkündet Dr. Saunier, daß er nur mehr dreißig bis vierzig Minuten zu leben hätte,212 worauf der Pfarrer von Ars sich denkt: "Mon Dieu, il faudra donc paraître devant vous, les mains vides!"213

Am 12. Mai atmet der Pfarrer noch immer. Plötzlich aber kommt er wieder zum vollen Bewußtsein und sagt zu seinem Schulleiter Pertinand, der an seinem Bett wacht:
"Mon ami, il vient de s'opérer en moi un grand changement ... Je suis guéri!" 214
Der Pfarrer von Ars schreibt die Heilung später der heiligen Philomena zu. Ein paar Tage später feiert er wieder die heilige Messe, da er sich überraschend schnell erholt.

22. DIE FLUCHT aus ARS

Im selben Jahr 1843 sollte noch ein Ereignis passieren, daß die Bewohner von Ars vielleicht in ebenso große Aufregung versetzt, wie die eben erst überstandene lebensbedrohliche Krankheit des Pfarrers. Die Ärzte sind nach wie vor nicht zufrieden mit dem Zustand des Pfarrers. Er selbst möchte immer mehr in die Einsamkeit, die er "seit seinem elften Lebensjahr sucht", fliehen.215

Er entwirft einen Fluchtplan, bei dem ihm sein "Hilfspfarrer" Abbé Raymond, der ihm seit seiner schweren Krankheit in der Pfarre aushilft und der jahrelang eines der "Kreuze" des Pfarrers von Ars sein wird, behilflich ist. Johannes-Maria Vianney schreibt an den Bischof, ihm einen anderen Posten zu geben: einen Dienst in einer einfachen Kapelle. Nachdem er seine Vorbereitungen getroffen hat, beginnt in der Nacht vom elften auf den zwölften September die Flucht. Doch die Sache bleibt nicht im Verborgenen, da die Leiterinnen von der "Providence", die vom Pfarrer ebenfalls eingeweiht wurden, das ganze Dorf informiert hatten.

Doch der Pfarrer läßt sich nicht aufhalten und marschiert zielstrebig in die dunkle Nacht hinaus. Johannes Pertinand eilt ihm nach und fragt ihn bestürzt:
"Monsieur le Curé ... pourquoi nous quitter ainsi?" 216
Schließlich begleitet er ihn aber auf dem Weg nach Dardilly, wo der Bruder von Johannes-Maria Vianney noch immer die Wirtschaft führt. Am frühen Morgen kommen sie dort totmüde an. Als am nächsten Tag in Ars alle bemerken, was los ist, herrscht große Aufregung. Pfarrer Raymond, der geträumt hat, nun Pfarrer von Ars zu werden, erkennt, daß die Pilger nach Ars nur wegen des Pfarrers kommen.

Einige Tage später beginnt ein ungewöhnliches Schauspiel. Die Pilger, die eigentlich nach Ars kommen wollten, pilgern nun nach Dardilly, sodaß der Pfarrer von Ars gezwungen ist, sich auch dort in den Beichtstuhl zu sitzen. Am 19. September bietet ihm der Bischof eine Kaplanstelle in Beaumont an. Er macht sich sogleich auf den Weg. In der Kirche vor dem Hochaltar von Beaumont sagt der Pfarrer von Ars plötzlich zu seinem Begleiter Raymond:
"Le bon Dieu ne me veut pas ici. ... Retournons à Ars!"217

In Ars wieder angekommen, sollte er einen Empfang erleben, wie er ihn nie vergessen wird. Alle Glocken läuten, vor Rührung kann er nicht sprechen. Mehrmals geht er, auf den Arm Raymonds gestützt, um den Platz herum und er verspricht allen, die vor ihm erschüttert niederknien:
"Tout était donc perdu? Eh bien, tout est retrouvé! Je ne vous quitterai plus, mes enfants ... Je ne vous quitterai plus!"218

Über den Versuch der Flucht aus Ars schreibt Nigg einen ausgezeichneten Kommentar:
"Für Vianney wurde die Sehnsucht nach Einsamkeit zu Versuchung; immer wieder trat sie an ihn heran und wurde in nächtlichen Stunden übermächtig. Ist er der Versuchung erlegen? Zum Teil ja, warum sollte ein Heiliger nicht schwach werden? Aber der Allmächtige bewahrte ihn doch. Aufs ganze gesehen hat er die Versuchung überwunden.

Gott hatte ihn auf den Platz von Ars gestellt, und deswegen gelang ihm die Flucht nicht. Die Einwohner des Dorfes vereiteln sie, umringen ihn und flehten ihn an: 'Bleiben Sie doch bei uns!' In der ganzen Lebensgeschichte Vianneys gibt es vielleicht kein rührenderes Wort als diese Bitte der einfachen Bewohner von Ars. Es ist weder ein tiefsinniges noch ein grandioses Flehen, und doch greift diese Bitte ans Herz. ... Der sehnliche Wunsch der Leute von Ars: 'Bleiben Sie doch bei uns' ist von tieferer Bedeutung: Die Gegenwart des Heiligen tat ihnen not.

Keine Schwärmerei für eine vergangene Gestalt hilft den Menschen. Vergangenes kann nicht zurückgeholt werden. Es muß sich in eine geistige Gegenwart verwandeln. Heilige müssen anwesend sein, müssen sich mit den Christen verbinden - darauf kommt es an. Alles andere verbleibt im Unbestimmten. Deswegen hat die Bitte der Bauern von Ars den herzergreifenden Klang. Sie ist von einer Zartheit und einer Dringlichkeit, die an die Worte der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus erinnert: "Bleibe bei uns, denn es will Abend werden."219

23. ZWISCHEN DEM KREUZ UND WUNDERN

Inzwischen ist in Ars wiederum so etwas wie "Alltag" eingekehrt, was de facto heißt, daß der Trubel in Ars nicht weniger wird. Der Ansturm der Pilger läßt den Pfarrer von Ars nicht mehr zur Ruhe kommen. Ein besonderes Zeugnis stellt auch der Besuch des berühmten Dominikanerpaters und damaligen Kanzelredners P. Locardaire dar, der eines Tages in Ars erscheint. Obwohl er versucht inkognito nach Ars zu kommen, erkennt man ihn bald, was große Aufregung in Ars verursacht.

Am nächsten Morgen sieht man Pater Locardaire in "demütiger Sammlung" der Predigt des Pfarrers lauschen. Nach der Predigt sagt Locardaire zu seinen Freunden:
"Dieser heilige Priester und ich, wir sprechen nicht dieselbe Sprache; aber ich habe das Glück, mir das Zeugnis ausstellen zu dürfen, daß wir dasselbe empfingen, wenn wir es auch anders ausdrücken." Vianney bittet ihn bald darauf, daß er ihn Ars predigen sollte, was er auch am Abend des selbigen Tages tut. "Er sei gekommen, erklärt er 'nicht um zu sprechen, sondern um zuzuhören'. Er sei gekommen, 'Rat zu erbitten und sich zu erbauen. Er sei gekommen, um zu beten und sich an der Quelle des Lebens zu stärken.'" Der Pfarrer von Ars ist restlos begeistert von der Art, wie Locardaire predigt. Nicht weniger begeistert ist Locardaire, wenn er zum Pfarrer von Ars sagt: "Durch Sie habe ich den Heiligen Geist kennengelernt."221

Immer wieder passieren auch verschiedene Wunder, die naturgemäß großes Aufsehen verursachen und den Bekanntheitsgrad des Pfarrers von Ars gegen seine eigene Intention weiter steigern. Eines Tages kommt Johannes-Maria Vianney in die Kirche und bereitet sich im Gebet auf die Beichtenden vor. Dann steht er auf und winkt jemandem in der Beichtschlange zu. Ein alter Mann ist mehr als verblüfft und bekommt von ihm die Hand gedrückt.
"Ist es schon lang her, daß Sie nicht mehr gebeichtet haben...?"
"Mein lieber Herr Pfarrer, das ist wohl schon an die dreißig Jahre, denke ich ..."
"Dreißig Jahre, mein Freund? Denken Sie gut nach: es sind dreiunddreißig Jahre! Sie waren damals in X., und erst auf dem Heimweg haben Sie gebeichtet."
"Sie haben recht, Herr Pfarrer ..."
"Jetzt aber beichten wir, nicht wahr?"
222

Immer wieder kommen Kranke nach Ars, die nach körperlicher Heilung suchen. Eines Tages kommt ein junges, halbgelähmtes Mädchen, das sich nur mühsam auf Krücken fortbewegen kann. Als Johannes-Maria Vianney von der Kanzel herabsteigt und durch die Kirche geht, berührt sie sein Chorhemd und sagt: "Vater, ich bin gekommen, um meine Heilung zu erbitten."

Der Pfarrer erwidert ihr: "Unglückliche, die du bist! Bevor du um die Heilung deines Leibes bittest, bitte doch lieber um die Heilung deiner Seele!" Doch während er weitergeht, sagt er sich: "Es ist wahr, die Kanaaniterin hat sich mit dem Brosamen begnügt, die vom Tisch des Herrn fielen."

Am nächsten Tag steht das Mädchen in der Reihe der Beichtkinder. Johannes-Maria Vianney holt sie heraus, sodaß sie beichten kann. Am Fest Mariä Geburt geht sie zum Tisch des Herrn. Doch kaum erhoben, entgleiten ihr die Krücken und fallen zu Boden. Aufrecht und ohne zu hinken, geht sie zum Kommuniontisch vor. "Ein Wunder! Ein Wunder!", ruft die Menge. "Still, meine Kinder, still!" beschwichtigt der Pfarrer, während sich seine Augen mit Tränen füllen, die dann auf sein Meßkleid tropfen.223

Noch heute kann man in Ars in der Kirche zahlreiche Krücken und ähnliches bewundern, die von Menschen, die im Laufe der Jahre geheilt wurden, zum Andenken zurückgelassen wurden.

Am 1. Februar 1850 kommt die taube und blinde Claudine Venet nach Ars. Während sie vor der Kirche auf den Pfarrer wartet, kommt er auf sie zu und bringt sie zum Beichtstuhl. Im Beichstuhl bekommt sie nun den Segen Vianneys, und plötzlich kann sie sehen und hören. Sie bekennt ihre Sünden. Doch Vianney sagt zu ihr:
"Mein Kind, Du wirst zwölf Jahre stumm bleiben, bis zum 18. Jänner."
"Bis zum 18. Jänner 1862"
"So ist es, mein Kind."
Claudine senkt in schmerzlichem Schweigen ihr Haupt.
Der Heilige tröstet sie: "Gott will es so!"
Sofort nach Verlassen des Beichtstuhl überfällt sie die Taubheit und verläßt sie erst zwölf Jahre später am angegebenen Tag.224

Zahlreiche Kreuze habe das Leben von Vianney begleitet. Vermutlich eines seiner größten Kreuze dürfte sein "Hilfspfarrer" Raymond gewesen sein. Pfarrer Raymond ist eigentlich selbst Pfarrer von Savigneux. Er ist aber seit der Flucht von Vianney im Jahre 1843 immer mehr in Ars präsent und überzeugt, daß der "arme Pfarrer von Ars" durch die Wallfahrten überfordert wird und unfähig ist, seine Aufgaben zu bewältigen.

Pfarrer Raymond sieht sich also als ein Vormund an der Seite Vianneys, den man als zu schwach und zu gutmütig erachtet. "Da jedoch die Demut nicht seine Stärke ist, geht der neue Vikar viel weiter: der wahre Pfarrer von Ars ist in seiner Vorstellung nunmehr er selbst." Im Pfarrarchiv von Ars gibt es sogar Akte mit der Unterschrift: Raymond, Pfarrer. Und dies, obwohl ein von Bischof Devie unterzeichnetes Dokument vom 19. September 1845 die beiderseitigen Kompetenzen eindeutig festgelegt hat. Pfarrer Vianney behält weiterhin den Titel und die Rechte des Pfarrers. 225

"Voller Betriebsamkeit und Anmaßung, ein unangenehmer Charakter, ohne jedoch schlecht zu sein, dabei von einem gewissen Geist der Gerechtigkeit beseelt, den man ihm nicht absprechen kann, aber autorität, tyrannisch und ehrgeizig, besitzt Abbé Raymond alle nötigen Eigenschaften, um in kürzester Zeit in Ars eine unhaltbare Situation zu schaffen", meint Michel de Saint-Pierre. 226

Das Verhalten von Raymond wird immer dreister. Er versucht immer mehr Macht in Ars zu bekommen und hat sogar den Plan, das Zimmer Vianneys in Besitz zu nehmen, was aber gerade noch verhindert wird. Wegen jeder Kleinigkeit rügt er den Pfarrer von Ars. Später erzählt dazu Bruder Athanasius folgendes: "Nachdem ich Ohrenzeuge einer unangenehmen Szene gewesen war, habe ich meinen Schmerz darüber dem Herrn Pfarrer ausgedrückt." Pfarrer Vianney antwortet darauf: "Sie haben es also gehört? Um so schlimmer. Es ist nichts dabei, wenn's niemand bemerkt. Ich bin schon so daran gewöhnt."227 Doch Vianney versucht immer wieder auch den Pfarrvikar zu entschuldigen, was das Volk von Ars offensichtlich nicht versteht. Der Zustand wird immer unerträglicher, da Raymond versucht, alle guten Werke, die Vianney tut, auf sein Konto zu schreiben.

Doch für Pfarrer Vianney ist Raymond nur ein Kreuz, das er liebt. Einmal freilich ist Vianney nahe daran, dem ganzen ein Ende zu machen. In der Karwoche diktiert er einen Brief, in dem er um Abberufung seines Vikars ersucht. Nachdem aber der Brief geschrieben ist, zerreißt er ihn und sagt: "Ich habe mir gedacht, in dieser Woche hat der liebe Gott sein Kreuz getragen, so kann ich wohl das meine auch tragen."228 Trotz aller Versuche, Raymond von Ars wegzubekommen, bleibt er volle acht Jahre in Ars, vor allem, da ihn der Pfarrer von Ars selbst immer verteidigt und droht, wenn sein Pfarrvikar geht, dann wird er auch gehen.

24. DIE PFARRER VON ARS UND DIE MARIENERSCHEINUNG VON LA SALETTE

In Ars kehren wieder einmal einige Veränderungen ein, die auch Johannes-Maria Vianney zu schaffen machen. Auf Wunsch des Bischofs muß er 1847 die "Providence" an die Josephsschwestern abgeben, worüber nicht nur er, sondern vor allem auch Catherine Lassagne besonders traurig ist.

Die letzten Jahre im Leben des Pfarrers von Ars werden von drei "marianischen Ereignissen" "überschattet. Das erste Ereignis, die Marienerscheinung von La Salette, findet 1846 statt. Im Jahre 1854 wird das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet und schließlich beginnen 1858 die Marienerscheinungen von Lourdes. Von großem Einfluß auf einige Jahre seines Wirkens ist die Marienerscheinung von La Salette, zu der es einer kurzen Vorgeschichte bedarf: La Salette befindet sich in den französischen Alpen in der Nähe von Grenoble. Am 19. September 1846 haben zwei Hirtenkinder, Mélanie Calvat und Maximin Gilenk, in den Bergen von La Salette eine einzige Marienerscheinung, die aber sofort großes Aufsehen erregt und bald darauf zu Wallfahrten nach La Salette führt. Natürlich gibt es bald darauf kirchliche Kommissionen, die die Erscheinungen untersuchen und - man kann dies ebenfalls als "natürlich" bezeichnen - gibt es bald zwei Parteien - Pro und Contra La Salette.

Durch wundersame Heilungen an einer entsprungenen Quelle in La Salette kommen bereits in den ersten zwei Jahren nicht weniger als 300 000 Pilger nach La Salette.229 Es fällt auf, daß sich bald viele Künstler und Dichter für La Salette, das sicherlich zu den schönsten Marienwallfahrtsorten der Welt gehört, interessieren. Zum Beispiel meint Léon Bloy zu La Salette: "Ich bezeuge, daß ich an diesem furchtbaren Orte von La Salette, wo sich der Geist offenbarte, die gewaltigste Erschütterung, den niederschmetterndsten Schlag verspürte, der je einen Menschen zermalmte. Bei meiner Ehre, ich zittere noch davon. Und es braucht viel, bis ich erschüttert werde."230

So wird auch der Pfarrer von Ars mit den Ereignissen konfrontiert und am Anfang ist der Heilige den Ereignissen positiv eingestellt, was Kaplan Raymond nicht gefällt. Am 24. September 1850 kommt überraschend der Hirtenjunge Maximin nach Ars. Als der Pfarrer von Ars erfährt, daß er ihn am nächsten Tag sehen wird, erlebt er eine sehr unruhige Nacht, da er noch immer nicht genau weiß, was er von den Marienerscheinungen halten soll. Am nächsten Tag kommt es zu dem Aufeinandertreffen der beiden. Durch einen unglücklichen Zufall ist der junge Seher bereits vorher mit Raymond zusammengetroffen, der ihn nicht gerade freundlich behandelt hat.

So kommt es dazu, daß ein gereizter Maximin auf einen Pfarrer von Ars trifft. Leider stellt ihm der Pfarrer von Ars auch die selben Fragen, die er schon seit Jahren immer wieder beantworten muß, und die er - so möchte man meinen - nicht mehr hören kann. Durch einen mißverständlichen Dialog bzw. durch das Schweigen des jungen Menschen wird Johannes-Maria Vianney schließlich ziemlich skeptisch. Am Schluß des mehr als unglücklichen Zusammentreffens reist Maximin überstürzt ab.

Die Zweifel des Pfarrers von Ars nehmen nun derart überhand, daß er sogar ein Bild von La Salette aus dem Pfarrhaus abnehmen läßt. Der übereifrige Pfarrvikar Raymond verkauft nun die Skepsis des Pfarrers sofort an die Medien, die auch damals schon auf derartige Sensationen warteten. So wird bald bekannt gemacht, daß der Pfarrer von Ars nicht mehr an die Erscheinungen von La Salette glaubt.231

Doch bereits 1851 werden die Erscheinungen von La Salette vom Erzbischof von Grenoble und nicht viel später auch von Papst Pius IX. anerkannt, sodaß Vianney nun wirklich in eine "merkwürdige" Situation kommt, daß die Kirche nun an "etwas" glaubt, woran er noch immer ziemliche Zweifel hat. Fast acht Jahre wird er unter diesem Zweifel leiden, bis wieder einmal Gott ihm auch in dieser Frage eine klare Antwort geben wird. Dies wird im letzten Kapitel über sein Leben behandelt werden.

25. EHRUNGEN UND DER LETZTE FLUCHTVERSUCH

Immer mehr wird er bekannt, der - als der er sich selbst bezeichnet - arme Pfarrer von Ars. Während die Welt immer mehr nach ihm verlangt, will er immer mehr der Welt entfliehen. Dieser Kampf wird ihn bald wiederum zu etwas verleiten, was er eigentlich nicht mehr tun wollte. Doch vorerst sollten einige andere wichtige Sachen passieren.

Inzwischen ist ein neuer Mann names Chalandon zum Bischof bestellt worden. Am 25. Oktober 1852 kommt nun der Bischof auf Besuch nach Ars. Bischof Chalandon ernennt den Pfarrer von Ars zum Ehrendomherr der Diözese Belley und überreicht ihm dazu das rote Mäntelchen, das Johannes-Maria Vianney wenige Zeit später verkaufen wird. Daß sich der Pfarrer von Ars darüber nicht freuen würde, war klar. Er lehnt nach wie vor jede Ehrung ab. Anläßlich des Besuchs des Bischofs schafft es auch Graf von Garets endlich, den neuen Bischof zu überzeugen, den Pfarrvikar Raymond von Ars abzuberufen.

Von neuem versucht nun Pfarrer Vianney seinen neuen Bischof zu überzeugen, daß auch er abberufen werden sollte, worauf Bischof Chalandon antwortet: "Ich Sie ziehen lassen, Herr Pfarrer? ... das wäre eine so große Sünde, daß mich niemand davon lossprechen möchte."232 1753 wird der Pfarrvikar Raymond abberufen und ein neuer Vikar kommt nach Ars: der Missionspriester Joseph Toccanier. Dieser Toccanier ist nun in seiner "frommen, offenherzigen und bescheidenen Art"232 das Gegenteil von Raymond und erwirbt sich bald die Zuneigung der Bewohner von Ars.

Nach der Ehrung durch den Bischof kommt es auch noch zur Ehrung durch Napoleon III. Er wird zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Doch als der Pfarrer erfährt, daß damit "kein Geld für die Armen zu machen sei", sieht er die ganze Ehrung als wertlos an. "Die können mir nicht imponieren. Die haben auch nur einen Körper und eine Seele", meint er.234

1853 kommt es somit zum letzten Fluchtversuch. Pfarrer Vianney weiht Catherine Lassagne ein. Diese wiederum erzählt alles Bruder Hieronymus, Bruder Athanasius sowie Kaplan Toccanier, sodaß bald darauf das Dorf vorgewarnt ist. Als er mitten in der Nacht fortgehen will, ist bereits eine ganze Menschenmenge ebenfalls wach, die ihn nicht verlassen will. Der Pfarrer sieht bald ein, daß es wohl auch diesmal nichts mit dem Fluchtversuch werden soll und kehrt erneut um. "Dem armen Pfarrer von Ars ist also seine Flucht gänzlich mißglückt. Von nun an stürzt er sich in seinen Dienst mit gesenktem Kopf wie ein Märtyrer ins Feuer."235

Ein Mitbruder schreibt ihm bald darauf, daß seine übergroße Sehnsucht nach Einsamkeit nichts anderes als eine Versuchung des Teufels sei. Der Brief macht starken Eindruck auf ihn. Er, der den Bösen sonst so scharfsichtig erkennt, scheint hier wirklich ein wenig von ihm an der Nase herumgeführt worden zu sein.236

26. DIE LETZTEN JAHRE(1854-1858)

Von nun an sollte es für den Pfarrer von Ars kein Entrinnen mehr geben. Immer mehr fühlt sich der gesundheitlich schon stark mitgenommene Pfarrer von Ars als Spielball zwischen Himmel und Hölle. Das Buch Hiob sollte ihn des öfteren beschäftigen, weil er sich immer mehr dieser alttestamentlichen Figur ähnlich sieht. Der Teufel treibt mit ihm sein Spiel und Gott sieht lächelnd zu. Natürlich weiß Johannes-Maria Vianney, daß am Ende Gott der Sieger sein wird.

Am 8. Dezember 1854 verkündet der Papst - wie schon erwähnt - das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, was für den armen Pfarrer von Ars ein unendliches Glück ist. "Das ist der schönste Tag meines Lebens! Nur der Himmel kann höhere Freuden haben!", meint er dazu. 237 Doch bald sollte ihn wieder das Leid einholen, als er ein paar Monate später erfährt, daß sein Bruder Franz im Sterben liegt. Besonders tragisch ist, daß Johannes-Maria Vianney eigentlich sofort zu ihm fahren will, er aber es gesundheitlich nicht mehr schafft, eine derartige Fahrt nach Dardilly zu unternehmen.

Mit dem Wallfahrtswesen, das seit vielen Jahren in Ars stattfindet, ist nun auch verbunden, daß vom Pfarrer immer mehr Bilder und andere Andenken verkauft werden. Dies ist dem heiligen Pfarrer gar nicht recht. Immer wieder beschwert er sich, daß man ihn um Geld als Bild verkauft. "Fünf Franken! Das verkauft ihr nie! Soviel ist der Pfarrer von Ars nicht wert!" 238 Ein anderes Mal fragt er beim Anblick eines seiner Bilder: "Sehe ich denn wirklich so albern aus?"239 Jahrelang versucht man, von ihm ein Portrait oder eine Photographie zu machen.

Da dies der Pfarrer von Ars natürlich nicht will, greift man zu einer List. Cabuchet, einer der bekanntesten Künstler Frankreichs, wird nach Ars geschickt, um von ihm eine Wachsbüste zu machen. Trotz eines Empfehlungsschreibens des Bischofs ist es fast unmöglich, das Projekt durchzuführen. So geschieht es nun, daß durch die Mithilfe von Toccanier der Bildhauer jedes Mal, wenn der Pfarrer in der Kirche predigt, einen vorderen Platz in der Kirche bekommt. Unter einem breiten Hut verbirgt er das Wachs, mit dem er den Pfarrer darstellt. Nach einigen Tagen ist das Werk nun fertig. Als der Pfarrer von Ars es sieht, gesteht er ganz verwirrt: "Ja, das ist kein Karneval. Wer hat das denn gemacht?"240
Cabuchet gibt sich zu erkennen und verspricht dem Pfarrer von Ars, es erst nach dem Tod des Pfarrers zu veröffentlichen. Noch heute ist diese berühmte und einzigartige Darstellung des Pfarrers von Ars in der Kirche von Ars zu besichtigen.

Nach wie vor passieren immer wieder wunderbare Vorkommnisse in Ars, von denen eines unbedingt erwähnt werden sollte. Eines Tages kommt eine Dame in Schwarz zufällig nach Ars, die von ihrem Arzt zur Beruhigung ihres Gemütszustandes Reisen verschrieben bekommt. Ihr Mann ist vor kurzem durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Als sie in Ars ankommt und der Pfarrer von Ars sie sieht, kommt er auf sie zu und sagt so laut, daß es die Umstehenden hören: "Er ist gerettet." Die Frau antwortet mit einer ungläubigen Geste. Der Pfarrer erklärt ihr, indem er jedes Wort ausdrücklich betont: "Ich sage Ihnen, er ist gerettet. Er ist im Fegefeuer, und man muß für ihn beten ... Zwischen dem Brückengeländer und dem Wasser hat er noch Zeit gehabt, einen Akt der Reue zu erwecken, und so hat er ein letztes Erbarmen verdient."241 Offensichtlich hat Johannes-Maria Vianney auch des öfteren einen Blick für das Jenseits erhalten.

Noch immer hat der Pfarrer von Ars - wie schon berichtet - Zweifel an den Erscheinungen von La Salette. Da er die jahrelange Unsicherheit endlich beenden will, beschließt er, die Madonna um ein Zeichen zu bitten. Doch welches Zeichen? Wieder einmal sollte Vianney in einen finanziellen Engpaß kommen, der Mietzins für dreißig arme Pächter in der Höhe von 750 Franken wird bald fällig. So beschließt er, daß er die Madonna von La Salette um die Beschaffung dieser Geldsumme bitten wird. Immer näher rückt das Fest des hl. Martinus, an dem der Zins fällig ist, doch merkwürdigerweise kommen diesmal keine Spenden durch die vielen Briefe, die er täglich erhält. Am Martinifest durchsucht er nun wieder die Post.

Doch keiner der Briefe enthält Geld. Müde erhebt er sich vom Sessel und will in den Beichtstuhl zurückkehren, als er am Fußboden noch einen Brief entdeckt. Auf dem Brief ist kein Absender zu entdecken, aber ein Poststempel: La Salette. Mit zittriger Hand öffnet er den Brief und findet darin zahlreiche Geldscheine. Als der Pfarrer von Ars die Scheine zählt, ergibt sich die genaue Summe von 750 Franken. Voller Freude über das selbst für ihn unglaubliche Zeichen stellt er sofort das Bild der Muttergottes von La Salette wieder auf und hat ab sofort seinen Glauben an La Salette wieder gefunden. Von nun an empfiehlt er in seinen Predigten und Katechesen, an La Salette zu glauben.242

27. DAS SPIEL IST AUS - 4. AUGUST 1859

Schon seit vielen Jahren spürt nun Johannes-Maria Vianney seine Krankheiten. Er weiß, daß er schön langsam am Ende seiner Kräfte angelangt ist. Jetzt begnügt er sich zu sagen, wenn er zu Tode erschöpft ist: "Man wird sich im andern Leben ausruhen." Oft wälzt er sich auf seinem Bett im Fieber und wird von einem unaufhörlichen Husten gequält. "Es nimmt kein Ende!", sagt er dann zu sich.243

Im Frühjahr 1859 kniet er wieder einmal vor der heiligen Philomena. "Es ist der letzte Lenz, der mich zu dir bringt! Den nächsten feiern wir, will's Gott, zusammen in der himmlischen Glorie. Mir altem Mann i st immer Frühling geworden, wenn ich zu dir kam, mein gutes Herz, mein Trost und meine Freude. Du hast mich reich gemacht in vielen Jahren, aber die Gaben, die ich dir brachte, waren gering. Ein paar Kerzen, ein paar Blumen, das war's! Sei meiner Armut nicht harm! Ich selber werd's nicht mehr können, aber meine Kinder werden dich schmücken, wie du es verdienst. Sie sollen dir eine Kirche bauen, die deiner wert ist, du mein Stern in der Nacht, du Sonne aller meiner Tag, meine Augen süßes Licht! Ave, Filomena! Meines Herzens große Freude, ave!"244

Am 24. April, dem Abend des heiliges Osterfestes, versammelt der Pfarrer von Ars Vianney seine Pfarrgemeinde noch einmal um sich.
"Als Moses fühlte, daß er sterben werde, ließ er sein Volk zusammenkommen. Er erinnerte es an die zahllosen Wohltaten, mit denen es von Gott überhäuft worden war; er ermahnte es, Gottes Gebote treu zu halten und dankbar zu sein; dann zeigte er ihm das Verheißene Land. Gestattet mir, meine Brüder, daß auch ich euch ins Gedächtnis rufe, wie gut Gott zu euch gewesen ist! Ihr habt - was so wenige Pfarreien das Glück haben zu besitzen: - Brüder für den Unterricht eurer Knaben, und Schwestern, die eure Mädchen erziehen; ihr habt Missionare, die euch den Weg des Herrn lehren und euch zum Himmel führen. Seid also recht dankbar! ... Eure Danksagung sei eure Beharrlichkeit: weil ihr so viel empfangen habt, wird Gott auch viel von euch fordern."245

Dann kommt er auf die Philomena-Kirche und auf seine größte Sorge zu sprechen:
"O mes enfants...que c'est beau ce que vous venez de faire! En remplissant le devoir pascal, vous avez préparé une demeure au bon Dieu dans votre coeur, et vous allez lui en préparer une autre en bâtissant une belle église... Les autres fois, mes frères, c'est moi qui allais chez vous; vous ne m'avez jamais rien refusé. Je vous en remercie ... Aujourd-hui, c'est le missionnaire qui vous visite, mais c'est comme si c'était moi : je l'accompagne avec mon coeur ... Ah! Il y a encore des pécheurs dans la paroisse. Il faut que je m'en aille pour qu'un autre puisse les convertir."246

Die Worte lösen natürlich große Trauer unter den Bewohnern von Ars aus. Und doch glaubt niemand so recht an seinen bevorstehenden Tod. Beim diesjährigen Fronleichnamsfest ist er bereits so geschwächt, daß er das Allerheiligste nicht mehr tragen kann, sondern nur mehr den Segen geben kann.

So kommt der Juli 1859 mit seiner drückenden Hitze. Die Luft im kleinen Kirchlein ist so heiß und stickig, daß die Pilger ständig ins Freie flüchten müssen, um nicht umzufallen. Nur der arme Pfarrer sitzt wiederum bis zu 16 Stunden im Beichtstuhl. "Die Hitze im Beichtstuhl gibt mir eine Vorstellung von der Hölle", sagt er einmal zu Catherine Lassagne. Seine Vorahnungen des nahenden Todes drücken sich auch durch wundersame Erkenntnisse aus. Frau Pauze aus Saint-Etienne verabschiedet sich im Beichstuhl von ihm. "Nein, nein, mein Kind", widerspricht er ihr lebhaft, "in drei Wochen sehen wir uns wieder." Drei Wochen später sind sie beide in der Ewigkeit.

Am Freitag, dem 29. Juli, geht er wiederum bereits um ein Uhr nachts zu seinem Beichtstuhl, hält seinen Katechismusunterricht und spricht auch noch das Abendgebet. Anschließend geht er ins Pfarrhaus. "Ich kann nicht mehr", sagt er zu Bruder Hieronymus.248 Als er sich um ein Uhr nachts wieder erheben will, bemerkt er, daß er dazu nicht mehr fähig ist. Catherine Lassagne, die im Nebenzimmer verweilt, hört sein Klopfen und ist sofort zur Stelle.
"C'est ma pauvre fin ... il faut chercher M. le Curé de Jassans".249
"Ich werde auch den Arzt rufen", sagt Bruder Hieronymus. "Das ist unnütz, da kann der Arzt nichts mehr machen." 250

Im Morgengrauen kommen der Arzt und auch der Pfarrer von Jassans. "Wenn die Hitze nachläßt, können wir noch hoffen", lautet sein Urteil, "hält sie aber an, werden wir ihn verlieren."251
Man legt nasse Decken aufs Dach und hängt feuchte Tücher vor die Fenster, um ein wenig Kühlung zu verschaffen, doch das Fieber steigt. Vikar Toccanier hofft, daß ihm die heilige Philomena, die ihn vor sechzehn Jahren geheilt hat, auch diesmal helfen wird, doch Vianney sagt:
"Nein, nein, jetzt kann auch die kleine Heilige nicht mehr helfen!" 252
Die Pilger, die an diesem 30. Juli nach Ars kommen, erfahren sehr schnell von den Ereignissen. Weinend drängen sie sich zur Tür des Pfarrhofs und versammeln sich in der Kirche, um ein Wunder zu erbitten. Vianney beichtet bei seinem Beichtvater. Anschließend fragt ihn Pfarrer Beau aus Jassans: "Haben Sie Furcht vor dem Sterben?".
Er antwortet: "Das ist seltsam! Ich habe mich immer gefürchtet, als Pfarrer vor den Richterstuhl zu treten. Nun ist aber alle Angst dahin. Ich sterbe ohne Furcht im Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes."253

Anschließend bringt Pfarrer Beau das Viatikum. Zwanzig Priester begleiten das Allerheiligste mit Kerzen. Als er das Allerheiligste empfängt, beginnt er zu weinen. "Es ist so traurig, zum letztenmal zu kommunizieren."254

Die Hitze nimmt auch in den folgenden Tagen nicht ab. Als eine der Josefsschwestern versucht, die Fliegen von der schweißnassen Stirn des Pfarrers zu vertreiben, meint dieser:
"Ach, lassen Sie die Fliegen nur, liebe Schwester! Nur eines ist lästig, die Sünde!" 255 Vianney leidet still in seinem Sterbebett. Er läßt die Behandlung des Arztes ruhig über sich ergehen. Nach und nach kommen zahlreiche Priester, Freunde und auch Pilger an sein Sterbebett. Bischof Langalerie, der sofort verständigt worden ist, kommt ebenfalls herbeigeeilt und ist zutiefst erschüttert. Er beugt sich über den Kranken und die Tränen Vianneys benetzen sein Brustkreuz.256

Am 2. August betritt Pfarrer Raymond, Vianneys ehemaliger Kaplan, das Zimmer. Unter Tränen bricht er neben dem armseligen Strohsack nieder, auf den man Vianney auf dessen ausdrücklichen Wunsch gebetet hat. "Verzeihen Sie mir!", schluchzt er, der dem greisen Pfarrer so viel Leid angetan hatte.
Vianney umarmt ihn mit großer Herzlichkeit.
"Ihr Besuch ist mir ein guter Trost! ...Ich habe auf Sie gewartet."257
Am gleichen Tag kommt ein kleines Mädchen in die Krankenstube. Sie teilt dem armen Pfarrer mit, daß ihr Großvater im Sterben liegt und um den Segen bittet.
"Wer ist dein Großvater, Kind?", fragt Vianney.
"Anton Givre heißt er! ...Er erzählt immer, er hätte Ihnen den Weg nach Ars gezeigt und Sie hätten gesagt, Sie würden ihm dafür den Weg zum Himmel zeigen."
"Ja, ich weiß!", lächelt der Pfarrer von Ars. "Sag deinem Großvater, morgen brächte ich ihn vor das Himmelstor!"258

Am Mittwoch, den 3. August, kommt der Notar und fragt ihn, wo er beerdigt sein möchte. "In Ars", kommt es leise von den Lippen des Sterbenden, "Aber mein Leib zählt weiter nicht." In seinem letzten Testament von 1855 hatte er bestimmt, da sich Ars und Darilly um seinen Leib gestritten haben, daß der Bischof von Belley bestimmen sollte, wohin sein Leib gebracht wird.259

Gegen zehn Uhr abends scheint das Ende zu kommen. Toccanier spricht die Scheidegebete und gibt den Sterbeablaß. Um Mitternacht reicht ihm Monnin das Missionskreuz zum Kuß um beginnt mit den Gebeten im Todeskampf. Bei den Worten: "Mögen ihm die heiligen Engel Gottes entgegeneilen und ihn einführen ins himmlische Jerusalem", haucht der müde Pilger in den Armen Bruder Hieronymus - ohne jeden Todeskampf - mit einem Lächeln in den Lippen seine reine Seele aus. Der alte Oriol schließt ihm die Augen.

Über Ars entlädt sich ein Gewitter; die Blitze zucken und der Donner grollt, während die dürstende Erde den ersehnten Regen trinkt. Der Zeiger der Uhr hat die zweite Morgenstunde überschritten, und der Kalender zeigt den 4. August 1859 an.
Der Pfarrer von Ars ist tot.260

28. DER HEILIGE PFARRER VON ARS

Vom Kirchturm her läutet die Totenklage, und in allen Nachbarorten bis an das Saôneufer stimmen die Glocken mit ein. Der Fernschreiber trägt die Trauerkunde in alle Welt. Um vier Uhr früh feiert der Beichtvater des Heimgegangenen das heilige Opfer für sein Beichtkind. Die Massen machen sich nun auf den Weg nach Ars. Zwei Tage lang ziehen die Pilgerscharen pausenlos an der Bahre des Heiligen vorbei. Man kann jedem nur die Zeit für ein Vaterunser und Ave Maria lassen, denn alle wollen ihn sehen. Die Andenkläden in Ars werden bis aufs letzte ausgeplündert.

Zwei Brüder und zwei Schüler des Pensionats haben zwei Tage lang nichts anderes zu tun, als die frommen Gegenstände am Leib des heiligen Pfarrers von Ars zu berühren.

Am Samstag, dem 6. August, wird der Leib des Johannes-Maria Vianney gehoben. Der Zustrom der Menschen ist so groß, daß in Ars alle Lebensmittel ausgehen. Dreihundert Priester und Ordensleute und mehr als sechstausend Gläubige geben Johannes-Maria Vianney das letzte Geleit. Man trägt ihn im Triumph durch den Ort. Die Menge, die die Straßen säumt, sinkt vor dem Toten in die Knie wie einst vor dem Lebenden. In der Rede des Bischofs heißt es:
"Wohlan denn, du guter und getreuer Knecht, geh' ein in die Freude deines Herrn! ... In wievielen Jahren, in wievielen Jahrhunderten vielleicht hat man einen solchen Priester nicht gesehen, einen Priester in ähnlichen Verhältnissen, so fruchtbringend, so heilig, so fortwährend beschäftigt und tätig im Dienste des Herrn ... Wir haben viel verloren; man kann den Pfarrer von Ars nicht ersetzen ... Ganz Frankreich hat einen Priester verloren, der ihm zur Ehre gereichte... Die armen Sünder, ach, was haben sie verloren...!"261

Nach dem Libera des Bischofs wird der Sarg in der Täuferkapelle aufgestellt und am 14. August in einer mitten in der Kirche von Ars gehobenen Gruft beigesetzt.
Drei Jahre später, 1862, wird der Seligsprechungsprozeß eingeleitet.
1872 wird der Pfarrer von Ars von Pius IX. als verehrungswürdig erklärt.
Am 17. Juni 1904 wird der Leib exhumiert und man entdeckt die körperliche Unverwestheit des Heiligen.262
1905 erklärt ihn Pius X. vor mehr als 30 000 Gläubigen in Petersdom für selig.
Am Pfingstfest des Jahres 1925, am 31. Mai, wird der Pfarrer von Ars heilig gesprochen.
Vor fünfunddreißig Kardinälen und zweihundert Erzbischöfen und Bischöfen verkündete Papst Pius XI. die von Gott durch Wunder beglaubigte und von der Kirche amtlich festgestellte Heiligkeit des "armen Pfarrers von Ars" und trägt ihn in das Verzeichnis der Heiligen ein.
1929 wird Johannes-Maria Vianney zum Patron aller Pfarrer der Welt ernannt.263
"Nun wirkt er vom Himmel aus als 'Patron aller Pfarrer und Seelsorger des ganzen Erdkreises', still und verborgen wie einst in seinem armen und doch so geliebten Ars - eine brennende Lampe, nein, eine lodernde Fackel, die hell leuchtet auch im Dunkel unserer Zeit."264

Heute ist Ars nicht unbedingt der größte aller Wallfahrtsorte, aber Ars gehört bestimmt zu den Wallfahrtsorten, wo - Gott sei Dank - das Wesentliche des Wallfahrens noch immer im Vordergrund steht. Ars hat sich nicht wesentlich seit dem Tod des Pfarrers von Ars verändert.
"Wer heute das Glück hat, ungestört von Menschenmassen durch die wenigen Straßen von Ars-sur-Formans wandern zu können, kann sich in der tiefen Ruhe, die dann hier herrscht, gut zurückversetzen in die Zeit vor eineinhalb Jahrhunderten, als sich der unscheinbare Priester Vianney aus dem Nichts zu einer der herausragenden Persönlichkeiten der katholischen Kirche emporschwang." 265

Der unverweste Leichnam liegt heute in einem vergoldeten Bronzeschrein in der neuzeitlichen Basilika, die über der alten Pfarrkirche von Ars erbaut wurde. Beeindruckend in der Kirche von Ars ist, daß tagsüber fast ununterbrochen bei den verschiedenen Seitenaltaren von unzähligen Priestern aus der ganzen Welt Messen gefeiert werden.

Ebenfalls unverändert ist das Pfarrhaus, wo Johannes-Maria Vianney gewohnt hat. Seit seinem Sterbetag ist praktisch alles so geblieben wie es war. Besonders beeindruckend ist in der Nähe von Ars die sogenannte "Begegnungsstatue", wo 1818 Pfarrer Vianney Antoin Givre begegnet ist.

IV. DIE SPIRITUALITÄT DES HEILIGEN PFARRERS VON ARS

Einführung

Im folgenden Kapitel möchte ich einen kurzen Einblick in die Spiritualität des Pfarrers von Ars geben. Obwohl von anderen Heiligen weit mehr Schriftliches hinterlassen ist, aus dem man die Spiritualiät studieren kann, gibt es doch auch von Johannes-Maria Vianney eine nicht unbedeutende Anzahl von Sammlungen seiner Predigten und Gedanken. Ich möchte daher auch das Kapitel über die Spiritualität in thematische Unterkapitel gliedern und diesen jeweils einige Auszüge aus den Predigten, Katechesen und Gedanken zuordnen.

Vorweg muß auch erwähnt werden, daß der Pfarrer von Ars niemals bewußt Texte für andere hinterlassen hat, sondern seine Predigten und Gedanken fast ausschließlich durch die Mitschrift anderer uns hinterlassen sind oder eben von seinen Predigtvorlagen Aufzeichnungen gefunden worden sind.

Seine Predigten und Katechesen fanden - wie schon erwähnt - anfangs in der "Providence" statt, später aber wegen des anwachsenden Pilgerstroms in der Kirche. In den ersten Jahren seines Wirkens in Ars lernt Vianney die Predigten, die er stundenlang vorbereiten mußte, auswendig, später wird er aber frei reden. Charakteristisch ist auch, daß er anfangs oft sehr laut schreit und oft von den "letzten Dingen" spricht.
"Ah, mein Freund, ich möchte euch bis auf zwei Finger an den Rand der Verzweiflung heranführen können. Ihr sollt über den entsetzlichen Zustand, in dem ihr euch befindet, betroffen sein und die Mittel annehmen, die der liebe Gott auch heute euch anbietet, um diesem Zustand zu entkommen."
Im Laufe der Jahre milderte sich aber dieser Rigorismus, und die Liebe Gottes wird immer mehr sein Hauptthema. Weitere Lieblingsthemen seiner Katechesen sollten das Gebet, die Eucharistie, die Umkehr und andere werden.

a) Das Gebet

"Um euch die Macht des Gebets und die Gnaden, die es vom Himmel herabzieht, zu zeigen, will ich euch sagen, daß die Gerechten nur durch das Gebet das Glück gehabt haben, auszuhalten. Das Gebet ist für unsere Seele, was der Regen für das Land ist. Düngt ein Land, soviel ihr wollt, wenn der Regen fehlt, nützt eure ganze Arbeit nichts. Ebenso tut gute Werke, soviel ihr wollt, wenn ihr nicht oft und wie es sich gehört betet, werdet ihr nie gerettet werden.

Das Gebet öffnet die Augen unserer Seele, es läßt uns die Größe unseres Elends fühlen, es zeigt uns, daß wir uns an Gott um Hilfe wenden müssen und läßt uns unsere Schwäche fürchten. Der Christ rechnet bei allem auf Gott allein und nicht auf sich selbst. Ja, durch das Gebet haben alle Gerechten durchgehalten ... Im übrigen bemerken wir selbst, daß wir sofort den Geschmack an den Dingen des Himmels verlieren, kaum daß wir unsere Gebete unterlassen. Wir denken dann nur an die Erde.

Wenn wir aber das Gebet wieder aufnehmen, fühlen wir den Gedanken an die Dinge des Himmels und den Wunsch nach ihnen wieder wachwerden. Ja, wenn wir das Glück haben, in der Gnade Gottes zu sein, dann halten wir uns entweder an das Gebet, oder wir werden sicher nicht lange auf dem Weg des Himmels verbleiben.

An zweiter Stelle sagen wir, daß alle Sünder ihre Bekehrung nur dem Gebet verdanken, abgesehen von einem außerordentlichen Wunder, das nur selten geschieht. Seht die heilige Monika, was sie tut, um die Bekehrung ihres Sohnes zu erlangen: Einmal kniet sie zu Füßen ihres Kruzifixes, um zu beten und zu weinen, ein andermal geht sie zu weisen Personen, um die Hilfe ihrer Gebete zu erbitten. Schaut auf den heiligen Augustinus selbst, als er sich ernsthaft bekehren wollte...

Ja, wären wir noch so schwere Sünder und wir nähmen Zuflucht zum Gebet und würden beten, wie man beten muß, Gott würde uns ganz sicher vergeben. Ach, meine Brüder, wundern wir uns nicht über die Tatsache, daß der Teufel alles tut, was er kann, damit wir unsere Gebete unterlassen oder schlecht verrichten. Er versteht viel mehr als wir, wie sehr das Gebet in der Hölle gefürchtet wird und daß Gott unmöglich verweigern kann, was wir von ihm durch das Gebet erbitten.

Es sind nicht die schönen und nicht die langen Gebete, auf die Gott achtet, sondern jene, die aus dem Grunde des Herzens kommen, mit einer großen Ehrfurcht und einer wahren Sehnsucht, Gott zu gefallen. Hier ein schönes Beispiel dafür. Im Leben des heiligen Bonaventura, des großen Lehrers der Kirche, wird berichtet, daß ein recht einfacher Ordensmann ihm sagt:
'Pater, denken Sie, daß ich zu Gott beten und ihn lieben kann, wo ich so ungebildet bin?' Der heilige Bonaventura gab ihm zur Antwort: 'Ach, mein Freund, solche Leute liebt Gott besonders, und sie gefallen ihm am meisten.' Der brave Ordensmann war ganz verwundert über diese gute Nachricht.

Er stellte sich an die Klosterpforte und sagte zu allen, die er vorbeigehen sah: 'Kommt, Freunde, ich habe eine gute Nachricht für euch. Der gelehrte Bonaventura hat mir gesagt, daß wir alle, auch wenn wir ungebildet sind, Gott lieben können so gut wie die Gelehrten. Was für ein Glück für uns, daß wir Gott lieben und ihm Freude bereiten können, ohne gelehrt zu sein.' Darum sage ich euch, es gibt nichts Leichteres, als zu Gott zu beten, und es gibt nichts Tröstlicheres.

Das Gebet, so sagt man, ist eine Erhebung des Herzens zu Gott. Besser sagen wir, es ist das süße Gespräch eines kleinen Kindes mit seinem Vater, eines Untergebenen mit seinem König, eines Sklaven mit seinem Herrn, eines Freundes mit seinem Freund, in dessen Herz er seinen Kummer und seine Schmerzen hineingibt." (Zum 5. Sonntag nach Ostern)

"Wenn es im Himmel einen Tag ohne Anbetung gäbe, wäre das nicht mehr der Himmel. Und wenn die Verdammten trotz ihrer Qualen Gott anbeten könnten, gäbe es keine Hölle."

"Le trésor d'un chrétien n'est pas sur la terre, il est dans le ciel. Notre pensée doit aller où est notre trésor. L'homme a une belle fonction, celle de prier et d'aimer. Vous priez, vous aimez: voilà le bonheur de l'homme sur la terre.
La prière n'est autre chose qu'une union avec Dieu...
Nous avions mérité de ne pas prier; mais Dieu, dans sa bonté, nous a permis de lui parler. Notre prière est en encens qu'il recoit avec un extrême plaisir."

"Il est impossible que le Bon Dieu puisse nous refuser ce que nous lui demandons par la prière."

"Das Privatgebet: ein brennener Strohhalm; das der Gemeinschaft: eine mächtige Flamme."

"Wer wenig betet, gleicht den Hühnern, die große Flügel haben und mit ihnen nichts Rechtes anfangen können. Wer innig und ausdauernd betet, wird einer Schwalbe ähnlich, die sich vom Winde tragen läßt."

"Der liebe Gott liebt es, belästigt zu werden."

Das Gebetsleben war - wie uns sein Leben gezeigt hat - die Basis für alles. Ohne Gebet wäre Ars niemals eine bekehrte Pfarrei geworden. Darin darf man sicherlich auch einen wesentlichen Impuls für unsere Zeit, für unsere Kirche und für unsere Gesellschaft sehen. Wie würde unsere Kirche bzw. unsere Gesellschaft aussehen, falls wir alle mehr beten würden?

b) Die Liebe Gottes und die Liebe zu den Mitmenschen

Wenn der Pfarrer von Ars von der Liebe Gottes sprach, merkte man, daß er zu denjenigen Menschen in der Geschichte gehörte, von denen man sagen muß, daß sie fast hunderprozentig die Liebe Gottes auf Erden widerspiegelten und von ihr erfüllt waren.

"Wenn ich ein Kind frage: 'Was ist die Liebe?', so antwortet es mir: "Sie ist eine Tugend, die vom Himmel kommt. Durch sie lieben wir Gott mit unserem ganzen Herzen und den Nächsten wie uns selbst um Gottes willen." Nun werdet ihr mich fragen, was heißt das, Gott über alles und mehr als uns selbst lieben? Es bedeutet, ihn allen Geschöpfen vorziehen, in der Bereitschaft leben, lieber Hab und Gut zu verlieren, das Ansehen, die Eltern und Freunde, die Kinder, den Mann, die Frau und selbst das Leben, als die kleinste Todsünde zu begehen.

Gott vollkommen lieben heißt im Sinne des heiligen Augustinus, ihn grenzenlos lieben, auch wenn wir keinen Himmel zu erwarten hätten und keine Höllle zu fürchten wäre; es heißt ihn lieben mit der ganzen Weite des Herzens. Wenn ihr mich nach dem Grund fragt: Gott ist unendlich gut und würdig, geliebt zu werden. Wenn wir ihn wirklich lieben, können weder Leiden noch Verfolgungen noch Verachtung, weder Leben noch Tod uns diese Liebe rauben, die wir Gott schulden.

Wir merken selbst, daß wir mit Sicherheit unglücklich, sehr unglücklich sind, wenn wir Gott nicht lieben. Da der Mensch geschaffen ist, um Gott zu lieben, kann er sein Glück nirgendwo finden als nur in Gott. Wären wir auch die Herren der Welt, wenn wir Gott nicht liebten, könnten wir für die ganze Zeit unseres Lebens nur unglücklich sein. Wenn ihr euch besser überzeugen wollt, fragt die Menschen, die Gott nicht lieben ...

Wenn ich jetzt ein Kind fragen würde: 'Was ist die Liebe in Beziehung zum Nächsten?', so gäbe es mir zu Antwort: 'Die Liebe zu Gott muß bewirken, daß wir ihn mehr lieben als unseren Besitz, unsere Gesundheit, unsern Ruf und selbst unser Leben; die Liebe, die wir unserm Nächsten schulden, muß bewirken, daß wir ihn lieben wie uns selbst, so daß wir alles Gute, das wir uns wünschen können, auch unserm Nächsten wünschen müssen.

Sonst haben wir die Liebe nicht, ohne die weder der Himmel noch die Freundschaft mit Gott zu erhoffen sind...' Was aber bedeutet das Wort "Nächster"? Nichts ist leichter zu verstehen als das. Die Nächstenliebe erstreckt sich auf alle, auch auf alle, die uns Böses getan haben, die unserm Ansehen geschadet haben, uns verleumdet oder irgendein Unrecht angetan haben, sei es, daß sie versucht hätten, uns das Leben zu nehmen. Wir müssen sie lieben wie uns selbst und ihnen alles Gute wünschen, was wir uns selbst wünschen.

Es ist uns nicht nur untersagt, ihnen das erlittenen Unrecht heimzuzahlen, sondern wir müssen ihnen jedesmal helfen, wenn sie unsere Hilfe brauchen und wir dazu in der Lage sind. Wir müssen uns freuen, wenn sie in ihren Geschäfen Erfolg haben, wir müssen traurig sein, wenn sie von irgendeinem Mißgeschick oder irgendeinem Verlust getroffen werden. Wir müssen uns auf ihre Seite stellen, wenn man schlecht von ihnen spricht, und müssen das Gute sagen, das wir von ihnen wissen.

Wir dürfen ihre Gesellschaft nicht meiden... Seht, so will Gott, daß wir unsern Nächsten lieben. Wenn wir uns anders verhalten, lieben wir weder unsern Nächsten noch Gott ... Seht, um Gott und den Nächsten zu lieben, ist es nicht nötig, gebildet oder reich zu sein. Es genügt, daß wir Gott zu gefallen suchen in allem, was wir tun, und daß wir allen, den Bösen wie den Guten, denen, die unsere Ehre antasten, wie denen, die uns lieben, Gutes tun."(Zum 17. Sonntag nach Pfingsten)

Wenn man sich die Gedanken dieser Predigt durch den Kopf gehen läßt, läßt sich annehmen, daß wir von diesem Ideal der Gottes- und Nächstenliebe - die enger zusammenhängen, als es vielleicht vermutet werden kann - wahrscheinlich ziemlich weit weg sind. Ich meine auch, daß der Anspruch "Liebe Deine Nächsten wie Dich selbst" vom Pfarrer von Ars nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen wurde.

Das heißt, daß Johannes-Maria Vianney mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit seine Nächsten sogar mehr geliebt hat als sich selber. Als Beispiel sei nur an die stundenlange Beichttätigkeit für die Bußwilligen oder auch an den unermüdlich Einsatz für die Armen, mit denen er oft zum Beispiel ein gutes frisches Brot gegen altes Brot eintauschte, erinnert.

"O mes enfants, que Dieu est bon! Quel amour il a eu et a encore pour nous! Nous ne le comprendons bien qu'un jour en paradis."

"Le Bon Dieu nous a créés et mis au monde parce qu'il nous aime; il veut nous sauver parce qu'il nous aime ..."

"Der Mensch ist aus Liebe erschaffen und kann nicht ohne Liebe leben. Entweder liebt er Gott oder er liebt die Welt. Wer Gott nicht liebt, hängt sein Herz an Dinge, die wie Rauch vergehen. Je mehr wir die Menschen kennenlernen, desto weniger lieben wir sie. Bei Gott ist das Gegenteil der Fall: je mehr wir ihn erkennen, desto mehr lieben wir ihn. Diese Erkenntnis entzündet in unserer Seele ein solches Feuer der Liebe, daß sie nichts stärker lieben und ersehen kann als Gott ... Die Liebe Gottes ist ein Vorgeschmack des Himmels. Wenn wir sie erfahren könnten, oh wie würde uns das glücklich machen! Daß wir uns so unglücklich fühlen, kommt daher, daß wir Gott nicht lieben. ... Wir sollen es machen, wie die Hirten im Winter auf den Feldern: sie zünden ein Feuer an und tragen von Zeit zu Zeit von allen Seiten eifrig Holz herbei, damit es nicht erlischt. Wenn wir, ähnlich den Hirten, es verstünden, durch Gebet und gute Werke das Feuer der Nächstenliebe in unserem Herzen zu schüren, würde auch dieses in uns nie erlöschen."

"Nein, es gibt keine Tugend, die uns besser erkennen läßt, ob wir Kinder Gottes sind, als die Liebe. Unsere Pflicht, den Nächsten zu lieben, ist so groß, daß Jesus Christus sie gleich neben das Gebot stellt, Gott mit ganzem Herzen zu lieben. Ja, diese Pflicht müssen wir als die universalste, notwendigste und wesentlichste für unser religiöses Leben und für unser Heil ansehen. Wenn wir diese Gebot befolgen, dann üben wir auch alle anderen. Der heilige Paulus sagt uns, daß die anderen Gebote uns den Ehebruch, den Diebstahl, die Beleidigungen und die falschen Zeugnisse verbieten. Wenn wir unsern Nächsten lieben, tun wir nichts von alldem, weil die Liebe zu Nächsten nicht zulassen kann, daß wir Böses tun."

c) Das Kreuz

Eine Besonderheit in der Spiritualität von Heiligen ist oft die Nachfolge Christi und vor allem auch die Liebe zum Kreuz. Auch dazu möchte ich ein paar Auszüge seiner Gedanken bringen:

"Alle Heiligen haben das Kreuz geliebt. Sie haben in ihm ihre Kraft und ihren Trost gefunden. Man muß also immer etwas zu leiden haben? Werdet ihr mich fragen. Krankheit oder Armut, üble Nachrede oder Verleumdung, Verlust an materiellen Gütern, Leiden? Wirst du verleumdet, mein Freund? Wirst du mit Schmähungen bedacht? Um so besser! Es ist ein gutes Zeichen, beunruhige dich nicht, du bist auf dem Weg, der zum Himmel führt.

Wißt ihr, wann man weinen muß? Ich weiß nicht, ob ihr das versteht: Im Gegensatz zum Gewohnten solltet ihr weinen, wenn ihr nichts zu leiden hättet. Wenn alle euch ehrten und achteten, da hättet ihr Grund, die zu beneiden, die das Glück haben, ihr Leben in Leiden, Verachtung und Armut zu verbringen.

Vergißt ihr, daß ihr bei eurer Taufe ein Kreuz empfangen habt, das ihr erst im Tode lassen dürft? Dieses Kreuz ist der Schlüssel, mit dem ihr einmal das Himmelstor aufschließen werdet. Vergeßt ihr die Worte des Heilands: 'Mein Sohn, wenn du mir folgen willst, nimm dein Kreuz und folge mir'? Nicht einen Tag, nicht eine Woche, nicht ein Jahr, sondern das ganze Leben. Die Heiligen haben Angst, irgendeinen Augenblick zu verbringen, ohne zu leiden, weil sie diese Zeit als verloren ansahen. Die heilige Teresa von Avila sagt, der Mensch sei nur auf dieser Welt, um zu leiden, und kaum höre er auf zu leiden, müsse er aufhören zu leben.

Der heilige Johannes vom Kreuz erbittet unter Tränen von Gott, ihm als einzige Belohnung für seine Mühen die Gnade zu gewähren, immer mehr zu leiden. Welche Folgerungen müssen wir aus alldem ziehen? Wir wollen vor allen Kreuzen eine große Ehrfurcht haben. Sie sind gesegnet, und sie sind für uns eine Vergegenwärtigung all dessen, was unser Gott für uns gelitten hat."(Zum Fest Kreuzauffindung)

Daß Johannes-Maria Vianney oft ein Kreuz zu tragen hatte, hat uns sein ganzes Leben gezeigt. Es sei nur beispielsweise an seine Schwierigkeiten beim Studieren oder an die Schwierigkeiten mit seinem ersten Kaplan in Ars erinnert. Der Pfarrer von Ars unterscheidet zwei Arten von Leiden, wenn er meint:
"Es gibt ein zweifaches Leiden, nämlich ein liebendes und ein ablehnendes. Die Heiligen litten geduldig, freudig und standhaft; denn sie liebten. Wir leiden mit Zorn, Ärger und Überdruß, weil wir nicht lieben. Wenn wir Gott liebten, würden wir uns freuen, leiden zu dürfen aus Liebe zu ihm, der so viel für uns leiden wollte.

Ihr sagt, das sei schwer. Nein, es ist süß, sanft und tröstend, es ist ein Glück ... Nur muß man lieben im Leiden und leiden in der Liebe. Seht, meine Kinder, auf dem Weg des Kreuzes fällt einem nur der erste Schritt schwer. Die Furcht vor den Kreuzen ist unser schlimmstes Kreuz ... Wir haben nicht den Mut, unser Kreuz zu tragen. Welch ein Irrtum! Denn was immer wir tun, das Kreuz hält uns fest, und wir können ihm nicht entrinnen."

Immer wieder sieht Vianney das Kreuz auch als nur zeitbedingt und in Erwartung des ewigen Lebens als nur ein nur unbedeutendes und kurzes Ereignis, das aber einen ganz großen Wert hat. "Leiden! Was hat das zu bedeuten? Es ist nur für kurze Zeit. Könnten wir acht Tage im Himmel verbringen, wir würden den Wert dieses gegenwärtigen Leidens begreifen. Wir würden das Kreuz nicht zu schwer, die Prüfung nicht zu schmerzlich finden ..." "Wir sollten dem Kreuz nachlaufen, wie der Geizige dem Geld nachläuft."

"Die weder Kämpfe noch Leiden auf dieser Welt zu bestehen haben, sind wie tote faule Gewässer. Aber die ihre Leiden, ihre Schmerzen und Kämpfe ertragen, gleichen reißenden Wassern, die an Schönheit gewinnen, wenn sie über Felsen fließen und als Wasserfälle herabstürzen."

"La croix est un don que le Bon Dieu a fait à ses amis ..."

d) Die Trinität - Der heilige Geist

Eine besondere Liebe für die Trinität ist eine der ganz wesentlichen theologischen Ausrichtungen des heiligen Pfarrers von Ars. Neben der Liebe zu Gottvater und Gottsohn findet man auch einige interessante Gedanken zur dritten Person der Trinität.

"Wer vom Heiligen Geist geleitet wird, denkt Rechtes. So kommt es, daß es viele Ungelehrte gibt, die weiser als die Gelehrten sind. Wenn wir von einem Gott der Stärke und des Lichtes geleitet werden, können wir uns nicht irren. Der Heilige Geist ist Helligkeit und Stärke. Er ist es, der uns das Wahre vom Falschen, das Gute vom Bösen unterscheiden läßt. Wie durch ein Vergrößerungsglas läßt er uns das Gute und Böse deutlich erkennen.

Mit dem Heiligen Geist sehen wir alles groß: wir erkennen die Größe der geringsten für Gott getanen Werke und die Größe der kleinen Fehler. Wie ein Uhrmacher mit seiner Lupe das kleinste Räderwerk einer Uhr sieht, so erkennen wir durch das Licht des Heiligen Geistes jeden Teil unseres armen Lebens. Dann erscheinen die geringsten Unvollkommenheiten schwerwiegend, und die kleinsten Sünden verursachen Schrecken. Indem der liebe Gott uns den Heiligen Geist schickt, handelt er aus Rücksicht zu uns wie ein großer König, der seinen Diener beauftragt, einen seiner Untertanen zu begleiten, wobei er ihm sagt: 'Du begleitest diesen Menschen überall hin und bringst ihn mir dann wieder gesund und heil zurück.' Wie herrlich ist es, vom Heiligen Geist begleitet zu werden! Er ist ein guter Führer ... Trotzdem gibt es welche, die ihm nicht folgen wollen ...

Wenn man die Verdammten fragen würde: 'Warum sei ihr in der Hölle?', würden sie antworten: 'Weil wir dem Heiligen Geist widerstanden haben.' Und würden wir die Heiligen fragen, warum sie im Himmel sind, würden sie antworten: 'Weil wir auf den Heiligen Geist gehört haben.'

Die sich vom Heiligen Geist führen lassen, erfahren in sich alles Glück, während die schlechten Christen auf Dornen und Kieselsteinen gehen. Der Heilige Geist führt uns wie eine Mutter ihr kleines Kind, wie ein Sehender einen Blinden. Jeden Morgen sollen wir beten: 'Sende mir den Heiligen Geist, damit ich erkenne, wer ich bin und wer Du bist!...' Eine Seele, die den Heiligen Geist besitzt, findet im Gebet eine besondere Freude, die ihr immer die Zeit zu kurz werden läßt; sie verliert niemals die heilige Gegenwart Gottes."

Ich glaube, daß besonders die Gedanken über den Heiligen Geist auch für unsere Zeit und für unsere Kirche von ungemeiner Aktualität sind.

"Le Saint-Esprit est comme un jardinier qui travaille notre âme ..."

e) Die Eucharistie

Eine besondere Liebe hat Johannes-Maria Vianney sein Leben lang für die Eucharistie empfunden. Sein Erstkommunionempfang war für ihn eines seiner schönsten Kindheitserlebnisse. Später hat Vianney in fast prophetischer Voraussicht die Menschen ermutigt, oft zur Eucharistie zu kommen. Der häufige Eucharistieempfang war damals nicht unüblich und sollte erst einige Jahrzehnte später durch die Reformen von Papst Pius X.(1903-14) von kirchlicher Seite gefördert werden.

"Meine Kinder, es gibt nichts Größeres als die Eucharistie. Wie ein Staubkorn vor einem Gebirge sind alle guten Werke auf Erden im Vergleich zu einer einzigen würdigen Kommunion. Könnte das Menschenherz alle in der heiligen Kommunion eingeschlossenen Reichtümer ausschöpfen, so benötigte es nichts weiter, um glücklich und zufrieden zu sein. Der Geizige liefe nicht mehr dem Gelde nach, und den Ehrgeizigen triebe es nicht mehr nach äußeren Ehren. Jeder würde gerne die Erde verlassen, den Staub von seinen Schuhen schütteln und dem Himmel entgegeneilen.

Wer die heilige Eucharistie empfängt, verliert sich in Gott wie ein Wassertropfen im Ozean. Man kann sie nicht mehr voneinander trennen. Wenn nach der Kommunion uns jemand mit der Frage überraschte: 'Was tragt ihr mit euch nach Hause?' so könnten wir antworten: 'Wir tragen den Himmel mit uns fort.' Das trifft genau zu. Doch unser Glaube ist nicht groß genug. Wir begreifen unsere Würde nicht. Wenn wir vom heiligen Tisch weggehen, sind wir glücklich, wie es die drei Weisen aus dem Morgenland gewesen wären, wenn sie das Jesuskind mit sich forttragen hätten können.

Beim Empfang der heiligen Kommunion ergreift uns ein eigenartiges Gefühl, ein Wohlbefinden, das selbst körperlich spürbar wird. Was ist es, das wir hier empfinden? Es ist die Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes, die uns erschauern läßt. Mit dem heiligen Johannes können wir nur bekennen: 'Es ist der Herr!' Wer hier überhaupt nichts empfindet, ist zu bedauern. Mit gefällt es nicht, wenn jemand sofort nach dem heiligen Mahl zu lesen beginnt. Oh nein! Warum jetzt Menschenworte, wenn Gott zu uns spricht? ... Wir müssen darauf hören, was der liebe Gott zu unserem Herzen spricht.

"Geht deshalb zur heiligen Kommunion, meine Kinder, empfangt Jesus mit Liebe und Vertrauen! Lebt von ihm, um für ihn zu leben. Sagt nicht, ihr hättet zu viel Arbeit. Hat nicht der göttliche Erlöser gesagt: 'Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich werde euch erquicken.' Wie könnt ihr eine so liebevolle Einladung zurückweisen. Sagt nicht, ihr wäret ihrer nicht wert. Ja, es ist wahr, ihr habt sie nicht verdient, aber ihr braucht sie.

Wenn Gott darauf gesehen hätte, ob wir ihrer würdig wären, er hätte das wunderbare Sakrament seiner Liebe niemals eingesetzt; denn niemand auf der Welt ist es wert, weder die Heiligen, noch die Engel oder Erzengel ... Er aber hat unsere Not gesehen, und notwendig, ist dieses Sakrament für jeden von uns. Entschuldigt auch nicht damit, daß ihr armselige Sünder seid und deshalb ihm nicht zu nahen wagt. Es wäre das gleiche, wie wenn ihr sagen würdet, ihr seid krank, um einen Arzt rufen zu lassen und ein Heilmittel zu nehmen."

"Notre-Seigneur est au ciel. Il est aussie dans son tabernacle. Quel bonheur."

"Que fait Notre-Seigneur dans le Saint Tabernacle? Il nous attend!"

"Sie nous avions la foi, nous verrions Jésus-Christ dans le Saint Sacrement comme les anges Le voient au ciel. Il est là, Il nous attend."

"Quand nous avons communié, si quelqu'un nous disait: 'Qu'emportez-vous dans votre maison?' Nous pourrions répondre: 'J'emporte le ciel.'"

"Sind wir vor dem heiligen Sakrament, so laßt uns statt umherzusehen, unsere Augen schließen und unser Herz öffnen. Der liebe Gott wird das seine öffnen. Wir gehen zu ihm, er kommt zu uns, wir, um zu bitten, er, um zu schenken."

f) Demut

Wie keine anderer Heiliger war Johannes-Maria Vianney von einer Demut erfaßt, die uns heutzutage vielleicht aufschreckt, uns aber vor allem auch zeigen sollte, daß die Demut keineswegs eine vergessene Tugend sein darf.

"Die Demut ist die große Hilfe zur Gottesliebe, der Stolz das große Hindernis zur Heiligkeit. Er ist das Bindeglied in der Kette der Laster, die Demut das gemeinsame Band aller Tugenden. Die Heiligen erkannten sich selbst besser, als dies bei den übrigen Menschen der Fall ist; denn sie waren demütig. Es ist unbegreiflich, wie und worauf so kleine Geschöpfe wie wir stolz sein können ...Weniger als eine Handvoll Staub sind wir nach unserem Tode. Das ist nicht sehr viel, um überheblich zu sein. Unsere Freunde sind die, die uns demütigen, nicht die, die uns loben.

Die Demut ist wie eine Waage: Je mehr sie sich auf der einen Seite senkt, desto mehr steigt die andere. Eine stolze Person glaubt, alles, was sie tut, sei gut; über alle, die mit ihr zu tun haben, will sie herrschen. Immer hat sie recht, immer glaubt sie, ihr Urteil sei besser als das der anderen ... Nein, so geht es nicht! ... Frägst du eine demütige und kluge Person um ihr Urteil, so teilt sie es dir einfach und aufrichtig mit. Dann läßt sie die anderen ihre Meinung sagen. Haben sie recht oder unrecht, sie fügt nichts hinzu. Wurde der heilige Louis Gonzaga während seiner Schulzeit aus irgendeinem Grund getadelt, so versuchte er sich nie zu verteidigen. Er sagta, was er dachte, und beunruhigte sich nicht weiter über die Meinung der anderen. Wenn er unrecht hatte, so hatte er unrecht; war er im Recht, so sagte er sich: 'Auch ich habe früher schon manches Mal unrecht gehabt.'

'Die Heiligen waren ihrem Ich so abgestorben, daß es sie wenig bekümmerte, ob man ihrer Meinung war oder nicht. Die Welt sagt: 'Was für einfältige Leute waren doch die Heiligen.' Ja, sie waren einfältig, was die Dinge der Welt anbelangt, aber für die Dinge Gottes waren sie hellhörig. Von weltlichen Dingen verstanden sie sicher nicht viel, denn diese schienen ihnen so unwichtig, daß sie sie kaum beachteten."

Welch großen Stellenwert die von ihm gelebte Demut hatte, zeigt auch folgende Gedanken: "Ein Heiliger wurde einmal gefragt, welche die erste unter den Tugenden sei. Er antwortete: 'Die Demut.' - 'Und die zweite?' - 'Die Demut.' - 'Und welche die dritte?' - Und er antwortete wieder: 'Die Demut.'"

"L'humilité désarme la justice de Dieu."

"Ce que le démon craint le plus, c'est l'humilité."

Und auf sich selbst bezogen, sagt er: "Le Bon Dieu m'a choisi pour être l'instrument des grâces qu'il faut aux pécheurs, parce que je suis le plus ignorant et le plus misérable de tous les prêtres. S'il y avait eu, dans le diocèse, un prêtre plus ignorant et plus misérable que moi, Dieu l'aurait pris de préférence."

g) Die Lauheit

Mit sehr treffenden und zeitunabhängigen Aussagen zum Thema "Lauheit" zeigt sich der Pfarrer von Ars als ganz tiefer Menschenkenner. In einen seiner Predigten sagt er folgendes:

"Möchtet ihr wissen, wie der Zustand einer lauen Seele ist? Eine laue Seele ist in den Augen Gottes noch nicht völlig tot, weil der Glaube, die Hoffnung und die Liebe, die ihr geistliches Leben ausmachen, in ihr noch nicht völlig erloschen sind. Aber es ist ein Glaube ohne Eifer, eine Hoffnung ohne Festigkeit, eine Liebe ohne Glut...

Nichts rührt oder erschüttert den lauen Christen. Er hört das Wort Gottes, ja, aber er langweilt sich oft dabei. Er hört mit Unlust, aus Gewohnheit, wie einer, der schon genug davon weiß oder schon genug tut. Längere Gebete gefallen ihm nicht ... Seit zwanzig Jahren ist er voll von guten Wünschen, ohne aber seine Gewohnheiten irgendwie geändert zu haben. Er ist wie einer, der einen auf dem Triumphwagen Stehenden beneidet, selbst aber keinen Schritt tut, um hinaufzusteigen. Jedoch möchte er nicht wegen der irdischen Güter auf die ewigen verzichten. Aber er sehnt sich nicht danach, diese Welt zu verlassen und in den Himmel zu kommen, und wenn er seine Zeit ohne Kreuz und ohne Schmerz verbringen könnte, hätte er nie den Wunsch, die Erde zu verlassen. Wenn ihm das Leben lang und erbärmlich vorkommt, dann nur, weil nicht alles nach seinen Wünschen geht. Schickt Gott ihm Kreuz und Leid, um ihn irgendwie vom Leben zu lösen, wie er sich dann quält und er sich beklagt, wie er mürrisch wird und oft fast bis zur Verzweiflung kommt. Anscheinend will er nicht anerkennen, daß Gott ihm diese Prüfungen zu seinem Besten schickt, um ihn vom Leben loszulösen und zu sich hin zu ziehen. 'Was habe ich getan, um das zu verdienen?' denkt er bei sich selbst, 'viele andere, die mehr verschuldet haben als ich, erleiden das nicht.' Im Glück treibt sich der laue Christ nicht an, er vergißt Gott sogar, aber sich selbst vergißt er nicht. Er kann sehr gut von allem erzählen, was er angestellt hat, um zu Erfolg zu kommen, und er meint, viele andere hätten nicht dasselbe erreicht. Er wiederholt das gern und hört gern, wenn andere darüber reden, es ist für ihn immer wieder eine Freude. Zu denen, die ihm schmeicheln, ist er freundlich; wer ihm aber nicht den schuldigen Respekt erweist oder für seine Wohltaten nicht dankbar ist, dem zeigt er eine kühle, verdrießliche Miene, womit er ihm seine Undankbarkeit vorzuhalten und ihm zu zeigen scheint, daß er das Gute, das er ihm erwiesen hat, nicht verdient... Ein lauer Christ erfüllt noch einigermaßen regelmäßig seine Pflichten, wenigstens nach außen hin...

Aber es ist wenig Freude, viel Feigheit und viel Gleichgültigkeit dabei, wenig Vorbereitung und keine Änderung des Lebens. Man sieht deutlich, daß er seine Pflichten nur aus Gewohnheit erfüllt, weil es so Brauch ist, weil Feiertag ist ... Sein Geist ist so von den Dingen der Erde besetzt, daß der Gedanke an Gott keinen Platz darin hat. ...Er ist ein Armer, der trotz seines Elends nichts haben will, der seine Armut liebt. Er ist wie ein Kranker, der fast verzweifelt ist, aber die Ärzte verschmäht. Ein lauer Christ begeht, wenn ihr so wollt, keine schweren Sünden. Aber eine üble Nachrede, eine Lüge, eine Regung des Hasses, der Abneigung und der Eifersucht, eine kleine Verstellung kostet ihn nicht viel... Wenn er eine gute Tat verrichtet, ist seine Absicht oft nicht ganz lauter. Bald tut er es, um jemandem zu Gefallen zu sein, bald aus Mitleid und bisweilen, um der Welt zu gefallen ...

Wir sagen also: Wer ein laues Leben führt, hört nicht auf, viele gute Werke zu tun, die Sakramente zu empfangen und regelmäßig am Gottesdienst teilzunehmen, aber man sieht bei alldem nur einen schwachen und matten Glauben, eine Hoffnung, die bei der geringsten Prüfung versagt, und eine Gottes- und Nächstenliebe, die ohne Feuer und ohne Freude ist. Alles, was er tut, ist nicht ganz verloren, aber es fehlt wenig daran."(Zum 18. Sonntag nach Pfingsten)

h) Die Heiligkeit

Wenn man von der Spiritualität des heiligen Pfarrers von Ars spricht, muß man auch die Gedanken eines Heiligen über Heilige und Heiligkeit heranziehen. In einer seiner Predigten fordert er die Christen auf, Heilige zu werden:

"Ein Christ muß ein Heiliger sein... Die weltlich gesinnten Menschen möchten sich dispensieren von dem Streben nach Heiligkeit. Das würde sie natürlich zu sehr stören in ihrer Lebensweise. Sie wollen uns glauben machen, man müsse, um heilig zu werden, aufsehenerregende Taten vollbringen, sich außerordentlichen Frömmigkeitsübungen hingeben, große Härten ertragen, viele Fasten halten, die Welt verlassen und in die Wüste fliehen, und man müsse Tag und Nacht im Gebet verbringen. Natürlich ist das alle gut; diesen Weg sind wirklich viele Heilige gegangen. Aber das ist es nicht, was Gott von allen fordert.

Nein, nicht das ist es, was unsere heilige Religion verlangt, im Gegenteil, sie sagt: Erhebt die Augen zum Himmel und seht nach, ob all jene, welche die ersten Plätze im Himmel innehaben, wunderbare Dinge getan haben. Wo sind die Wunder der Muttergottes, des heiligen Johannes des Täufers, des heiligen Josef? Viele werden, wie Jesus Christus selbst sagt, am Tage des Gerichtes rufen: 'Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und mit deinem Namen viele Wundere vollbracht?' - 'Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!' (vgl.Mt 7,22 f.) wird ihnen der gerechte Richter antworten. Ihr habt dem Meer geboten; und eueren Leidenschaften habt ihr nicht gebieten können? Ihr habt die Besessenen vom Teufel befreit und ihr seid seine Sklaven gewesen? Ihr habt Wunder gewirkt; und meine Gebote habt ihr nicht beobachtet? ... Ihr habt große Dinge getan, aber nichts habt ihr getan, um euch zu retten und meine Liebe zu verdienen.

Die Heiligkeit besteht also nicht in großen Dingen, sondern in der treuen Beobachtung der Gebote Gottes und in der Pflichterfüllung an dem Platz, an den Gott uns gestellt hat. Wollt ihr noch mehr wissen, was ein Heiliger in den Augen Gottes ist? Er ist ein Mensch, der Gott fürchtet, der ihn ehrlich liebt und ihm in Treue dient. Er ist ein Mensch, der sich nicht vom Hochmut aufblähen und nicht von der Eigenliebe beherrschen läßt, der wirklich demütig ist und klein in seinen eigenen Augen. Wenn er der Güter dieser Welt entbehrt, wünscht er sie nicht zu haben, wenn er sie besitzt, hängt er sein Herz nicht daran.

Er ist ein Feind jedes ungerechten Gewinnes, er besitzt seine Seele in der Geduld und Gerechtigkeit und ärgert sich nicht über eine Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt. Er liebt seine Feinde, er sucht nicht sie zu rächen. Er erweist seinem Nächsten alle Dienste, die er kann. Er schaut allein auf die Güter des Himmels, er hat keinen Geschmack an den Vergnügungen dieses Lebens und sucht sein Glück allein, indem er Gott dient. Er besucht gern den Gottesdienst, er empfängt häufig die Sakramente und befaßt sich ernsthaft mit seinem Heil. Er verabscheut jede Unreinheit, und er flieht schlechter Gesellschaft, so gut er kann, um seinen Leib und seine Seele rein zu halten. ... Die Heiligen sind nur heilig geworden nach vielen Opfern und Selbstüberwindungen. ... Ja, wir können heilig sein, und wir müssen uns anstrengen, es zu werden.

Die Heiligen waren sterbliche Menschen wie wir, schwach und den Leidenschaften unterworfen wie wir. Wir haben dieselbe Hilfen, dieselben Gnaden, dieselben Sakramente ... Wir können Heilige werden, weil Gott uns dazu seine Gnade niemals verweigern wird. Er ist unser Vater, unser Heiland und unser Freund. Er wünscht brennend, uns von den Übeln dieses Lebens befreit zu sehen. Er will uns mit vielen Gütern überhäufen, nachdem er uns schon in diesem Leben unermeßlichen Tröstungen gegeben hat, einen Vorgeschmack auf den Himmel, den ich euch wünsche."(Zum Allerheiligenfest)

i) Die Muttergottes

Seine Liebe zur Muttergottes ist praktisch schon seit seiner frühesten Kindheit vorhanden. Wir dürfen uns daran erinnern, wie groß seine Freude war, als er zum Beispiel die Muttergottesstatue in seinen ersten Jahren bekommen hatte und wie er diese Figur verehrte. Später wird er in Ars die erste Seitenkapelle, die er errichtet, der Muttergottes weihen.

"Wenn wir sehen, wie Maria sich in Demut unter jedes Geschöpf erniedrigt, so sehen wir diese Demut auch erhöht über alles, was nicht Gott ist. Nein, nicht die Großen dieser Erde sind es, die wir hinaufsteigen sehen auf diesen höchsten Grad der Würde, wo wir sie heute mit Freude betrachten.

Die drei Personen der Heiligen Dreifaltigkeit haben sie auf diesen Thron der Herrlichkeit gesetzt, sie haben sie als Königin des Himmels und der Erde proklamiert und haben sie zur Verwalterin aller himmlischen Schätze gemacht. Wir werden nie genug die Größe Mariens verstehen und die Macht, die Jesus Christus, ihr göttlicher Sohn, ihr gegeben hat, und wir werden nie ganz das Verlangen erkennen, das sie hat, uns glücklich zu machen. Sie liebt uns als ihre Kinder.

Sie freut sich, daß Gott ihr die Macht gegeben hat, uns nützlich zu sein. Ja, Maria ist unsere Mittlerin. Sie überbringt ihrem göttlichen Sohn all unsere Gebete, unsere Tränen und Seufzer, und sie zieht die notwendigen Gnaden für unser Heil auf uns herab. Der Heilige Geist sagt uns, daß Maria unter allen Geschöpfen ein Wunder ist in ihrer Größe, ein Wunder in ihrer Heiligkeit und ein Wunder in ihrer Liebe.(Zum Fest Mariä Himmelfahrt)"

"Die Mutter Gottes hat uns zweimal als ihre Kinder angenommen, bei der Menschwerdung Christi und am Fuß des Kreuzes. Sie ist also zweimal unsere Mutter."

V. SCHLUSSBEMERKUNGEN

a) Das Gründonnerstagsschreiben von Johannes Paul II.

Im Jahre 1986 verfaßte Papst Johannes Paul II. ein Schreiben an die Priester der ganzen Welt, in dem er den Pfarrer von Ars als unerreichtes Vorbild für alle Priester bezeichnet.

"Wieder stehen wir kurz vor dem Gründonnerstag, dem Tag, an dem Jesus Christus die heilige Eucharistie und zugleich unser Priesteramt eingesetzt hat. .. In jedem Jahr ist dies ein großer Tag für alle Christen ... Aber dieser Tag ist in besonderer Weise groß für euch, liebe Brüder im Priesteramt. Er ist das Fest der Priester. Er ist der Tag, an dem unser Priestertum entstand, das Teilhabe ist am einzigen Priestertum unseres Mittlers Jesu Christi. ... Dieses Priesteramt, an dem wir Anteil haben, ist auch unsere Berufung und unsere Gnade. Es prägt unser ganzes Leben mit dem Siegel eines Dienstes, der am meisten notwendig ist und die höchsten Anforderungen stellt, der Dienst am Heil der Seelen. Wir werden darin eingeübt durch das Vorbild zahlreicher Mitbrüder, die uns vorangegangen sind.

Einer von ihnen ist dem Gedächnis der Kirche sehr gegenwärtig geblieben und wird in diesem Jahr wegen des zweihundertsten Jahrestages seiner Geburt besonders gefeiert: der heilige J ean-Marie Vianney, Pfarrer von Ars. Wir möchten alle Christus, dem Ersten der Hirten, für dieses außerordentliches Beispiel eines priesterlichen Lebens und Wirkens danken, wie es der heilige Pfarrer von Ars der ganzen Kirche und vor allem uns Priestern darbietet.

Wie viele von uns haben sich auf das Priesteramt vorbereitet oder üben heute ihren schwierigen Dienst als Seelsorger aus, indem sie dabei die Gestalt des heiligen Jean-Marie Vianney vor Augen haben! Sein Beispiel sollte nicht in Vergessenheit geraten. Mehr denn je haben wir sein Zeugnis und seine Fürbitte notwendig, um der Situation unserer Zeit begegnen zu können, in der sich die Verkündigung trotz einer gewissen Zahl von Hoffnungszeichen einer wachsenden Verweltlichung gegenübersieht, man die übernatürliche Aszese vernachlässigt, viele die Ausrichtung auf das Reich Gottes aus den Augen verlieren, und man sich oft, sogar in der Pastoral, zu ausschließlich um den sozialen Aspekt und um irdische Ziele kümmert.

Der Pfarrer von Ars mußte im vergangenen Jahrhundert gegen Schwierigkeiten angehen, die vielleicht anders aussahen, aber nicht weniger groß als die heutigen waren. Durch sein Leben und Wirken war er für die Gesellschaft seiner Zeit gleichsam eine starke evangelische Herausforderung, die erstaunliche Früchte der Bekehrung gebracht hat. Zweifellos stellt er auch heute noch für uns diese große evangelische Herausforderung dar. Im vorliegenden Brief möchte ich lediglich eure Aufmerksamkeit auf einige wesentliche Aspekte richten, die uns helfen können, unser Priestertum neu und tiefer zu entdecken und es besser zu leben.

Der Pfarrer von Ars ist für alle Seelsorger ein Beispiel an priesterlichem Eifer. Das Geheimnis seiner Hochherzigkeit liegt ohne Zweifel an seiner grenzenlos gelebten Liebe zu Gott, mit der er ständig auf jene Liebe antwortete, die sich im gekreuzigten Herrn Jesus Christus offenbart hat. Dort gründet sein sehnliches Verlangen, alles zu tun, um die durch Christus zu einem so hohen Preis erlösten Seelen zu retten und zur Liebe Gottes zurückzuführen.

Erinnern wir uns an eines seiner knappen Worte, für die er ein Geschick hatte: 'Das Priestertum, das ist die Liebe des Herzens Jesu.' Immer wieder kam er in seinen Predigten und Katechesen auf diese Liebe zurück: 'Mein Gott, ich möchte lieber sterben in der Liebe zu dir, als nur einen einzigen Augenblick zu leben, ohne dich zu lieben ... Ich liebe dich, mein göttlicher Erlöser, weil du für mich gekreuzigt worden bist ...

Um Christi willen sucht er wortwörtlich den radikalen Forderungen zu entsprechen, die Jesus im Evangelium den Jüngern, die er zur Mission aussendet, stellt: Gebet, Armut, Demut, Selbstverleugnung, freiwillige Buße. Und wie Christus empfindet er für seine Pfarrkinder eine Liebe, die ihn zu letzten pastoralen Hingabe und zum Opfer seiner selbst führt. Selten ist sich ein Seelsorger seiner Verantwortung so sehr bewußt gewesen, indem er sich vor Sehnsucht verzehrte, seine Gläubigen ihrer Sünde oder ihrer Lauheit zu entreißen. 'Mein Gott, gewähre mir die Bekehrung meiner Pfarre: Dafür laß mich erleiden, was du möchtest, mein ganzes Leben lang.'

Liebe Brüder im Priesteramt, belehrt durch das II. Vatikanische Konzil, das die Weihe des Priesters auf so glückliche Weise in seine pastorale Sendung eingefügt hat, wollen wir den Elan unseres pastoralen Eifers mit Jean-Marie Vianney im Herzen Jesu suchen, in seiner Liebe zu den Seelen. Wenn wir nicht aus derselben Quelle schöpfen, liefe unser Dienst Gefahr, recht wenig Früchte zu tragen!

Gerade im Falle des Pfarrers von Ars sind die Früchte erstaunlich gewesen, fast wie bei Jesus im Evangelium. Der Heiland, dem Jean-Marie Vianney all seine Kräfte und sein ganzes Herz weiht, schenkt ihm gleichsam die Seelen. Ihm vertraut er sie an, in überreichem Maße.

Da ist zunächst seine Pfarrei - bei seiner Ankunft zählt sie nur 230 Personen -, die sich tief verändern wir. ... Aber sehr schnell wird diese Pfarrei weit über sein Dorf hinaus zum Seelsorger ungezählter Menschen, die aus der ganzen Gegend, aus verschiedenen Teilen Frankreichs und aus anderen Ländern herbeiströmen. Man spricht von 80 000 Personen im Jahr 1858! Man wartete manchmal mehrere Tage, um ihn zu treffen und bei ihm zu beichten.

Was die Menschen anzieht, ist nicht so sehr die Neugierde und auch nicht sein Ruf, der durch Wunder, außerordentliche Heilungen, die der Heilige verbergen möchte, begründet ist. Es ist vielmehr die Vorahnung, einem Heiligen zu begegnen, so erstaunlich durch sein Bußleben, so vertraut mit Gott im Gebet, so auffällig in seiner Friedfertigkeit und Demut inmitten seiner Erfolge bei den Leuten und vor allem so einfühlend, um der seelischen Verfassung der Menschen zu entsprechen und sie von ihrer Last zu befreien, besonders im Beichtstuhl.

Ja, Gott hat als Beispiel für die Seelsorger den erwählt, der in den Augen der Menschen armselig, schwächlich, wehrlos und verachtet hätte erscheinen können. Er hat ihn überreich beschenkt mit seinen besten Gaben als Hirt und Arzt der Seelen. Auch wenn man die besondere Begnadung des Pfarrers von Ars berücksichtigt, liegt nicht doch gerade darin ein Zeichen der Hoffnung für die Seelsorger, die auch heute an einer gewissen geistigen Wüste leiden?"

b) Persönliche Anmerkungen

Papst Paul VI. schreibt in der Enzyklika "Evangelii Nuntiandi" "Der heutige Mensch ... hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind. ... Die Evangelisierung der Welt geschieht also vor allem durch das Verhalten, durch das Leben der Kirche, das heißt durch das gelebte Zeugnis der Treue zu Jesus dem Herrn, durch das gelebte Zeugnis der Armut und inneren Loslösung und der Freiheit gegenüber den Mächten dieser Welt, kurz, der Heiligkeit."

Genau dies ist der springende Punkt, der mich persönlich am Leben des Pfarrers von Ars so fasziniert. Johannes-Maria Vianney war kein Gelehrter. Und er ließ sich auch gerne belehren. Gleichsam belehrte er durch seine Demut und sein Leben sogenannte Gelehrte(Vgl. Begegnung mit Lacordaire). Vielleicht ist das eines der wesentlichen Punkte im Leben des heiligen Pfarrers von Ars, was auch für unser "Zeitalter des Wissens und der Methoden" von ungemeiner Bedeutung ist.

Dieser Mann, der "zum größten Heiligen und Wundertäter seines Jahrhunderts" wurde, hat auch für unser Jahrhundert, das zumindest genauso vom "Geist der Aufklärung" beeinflußt ist, eine immense Bedeutung, nicht nur für die Priester, sondern für alle Menschen guten Willens. Er ist eben ein wirklich Heiliger, "der von Gott erfüllt ist, der in der Gegenwart Gottes lebt, diese Gegenwart sucht und liebt." Am Ende dieser Ausführung möge noch ein Zitat des heiligen Pfarrers stellvertretend für seine gelebte Heiligkeit stehen:

"Außerhalb Gottes ist nichts von Dauer, nichts, nichts! Das Leben - es vergeht; das Glück - es zerbricht; unser Ansehen - es wird untergraben. Unser Leben vergeht in Windeseile."

VI. LITERATURLISTE

Boulad H., Zeugnis der Wahrheit, Interviews und Gespräche, Bad Sauerbrunn 1991

Burger F., Johannes-Maria Vianney, Der Heilige Pfarrer von Ars, Jestetten 1987

Burger F., Johannes-Maria Vianney, Der Heilige Pfarrer von Ars, Feldkirch o. J.

Der Neue Brockhaus, Zweiter, Vierter und Fünfter Band, Lexikon und Wörterbuch, Wiesbaden 1979

Christliche Geisteswelt [Hg. von W. Tritsch], Band II, Die Welt der Mystik, Hanau 1986

Christiani L., Der Pfarrer von Ars, wie er wirklich war, Trier 1958

Papst Paul VI., Evangelii Nuntiandi, Die Evangelisierung in der Welt von heute [Hg. vom Pastoralamt der Diözese Linz] o. J.

Franzen A., Kleine Kirchengeschichte, Freiburg-Basel-Wien 1988

Frossard J., Ausgewählte Gedanken des heiligen Pfarrers von Ars und Aphorismen zur christlichen Lebensweisheit, Leutesdorf 1992

Fourrey R., Der Pfarrer von Ars, Heidelberg 1958

Fourrey R., Jean Marie Vianney Curé d'Ars, Vie authentique, St. Etienne 1987

Holzer J., Die Geschichte der Kirche in 100 Reportagen, St. Pölten 1990

Höcht J. M., Die Große Botschaft von La Salette, Stein a. Rhein 1990

Hünermann W., Der Pfarrer von Ars, Johannes Vianney, Innsbruck-Wien 1986

Kunzmann P./Burkard F.-P./Wiedmann F., dtv-Atlas zur Philosophie, München 1993

Monnin A., Esprit du Curé d'Ars, Paris 1975

In der Maur, W., Die Französische Revolution, Wien 1988

Nigg W., Der Pfarrer von Ars, Freiburg-Basel-Wien 1992

Nodet B., Jean-Marie Vianney Curé d'Ars, "Pensées", Alencon 1989

L'Osservatore Romano, 16. Jahrgang, Nummer 12, Beilage VIII vom 21. März 1986

Pöschl M., Stationen einer Pilgerfahrt in Frankreich, München-Untermenzing 1990

Rossé G., Der Pfarrer von Ars an seine Gemeinde, München-Zürich-Wien 1989

de Saint-Pierre M., Der Pfarrer von Ars, Das Leben des Johannes Maria Vianney, Freiburg-Basel-Wien 1975

Schauber V./ Schindler H., Die Heiligen im Jahreslauf, Augsburg 1989

Trochu F., Le curé d'Ars, Saint Jean-Marie-Baptiste Vianney, Montsurs 1987

________________________________

Gerne schicke ich allen Interessierten die Datei als word-Dokument via e-mail zu: Mag. Roland Biermeier